Ernst Barlachs Verbindungen mit Meißen

Barlachs "schlafende Vagabunden", auch "schlafendes Bauernpaar" genannt, wurde für Meissen in Böttgersteinzeug geformt Repro: Edition Leipzig/J. Karpinski

Die Albrechtsburg zeigt aktuell eine Ausstellung mit Werken des norddeutschen Künstlers. Wenig bekannt sind Barlachs Verbindungen zur Porzellan-Manufaktur.

2018 ist in Meißen ein Jahr im Zeichen von Ernst Barlach. Der norddeutsche Künstler (1870 – 1938) starb vor 80 Jahren. In der Albrechtsburg ist ihm – und den Werken des Künstlers Alexander Dettmar – aktuell eine Ausstellung gewidmet.

Ernst Barlach ist vor allem durch seine einprägsamen Menschendarstellungen bekannt. Er selbst formulierte es 1911 so: „ … meine künstlerische Muttersprache ist nun mal die menschliche Figur oder das Milieu, der Gegenstand, durch das oder in dem der Mensch lebt, leidet, sich freut, fühlt, denkt…“. Barlach-Figuren gibt es auch in Meissener Porzellan und Böttgersteinzeug. Die Verbindung von Barlach nach Meißen entstand in einer Zeit des künstlerischen Aufbruchs in der Manufaktur.

Die Vorgeschichte spielte jedoch vor über 100 Jahren in Berlin und Thüringen. Im Frühjahr 1909 besuchte Max Adolf Pfeiffer in Berlin den seinerzeit anerkanntesten Tierbildhauer Deutschlands, Professor August Gaul (1869-1921). Von ihm wollte er Modelle für seine Schwarzburger Werkstätten erbitten. Unter Pfeiffers Leitung wagte der thüringische Porzellanbetrieb gerade den Aufbruch zu neuen künstlerischen Ufern.

Die Zusammenarbeit mit Gaul kam zwar nicht zustande, weil der nur Stein und Bronze als Werkstoffe für seine Plastiken gelten ließ. Trotzdem blieb Pfeiffers Berlin-Reise nicht erfolglos: Er lernte hier Gauls Schüler Max Esser kennen und darüber hinaus auch Gerhard Marcks, Richard Scheibe, Paul Scheurich – und Ernst Barlach. Diese fünf Männer wurden die ersten künstlerischen Mitarbeiter in Pfeiffers Schwarzburger Werkstätten.

Im Jahr 1913 übernahm Max Adolf Pfeiffer die Leitung der Porzellan-Manufaktur Meissen. Mit den Künstlern, mit denen er bei den Schwarzburger Werkstätten zusammengearbeitet hatte, blieb er jedoch in Verbindung. Welcher Mut, welcher Optimismus gehörten dazu, welches tiefe Vertrauen in die künstlerischen Gestaltungsfähigkeiten, dass Pfeiffer die Männer schließlich auch mit der renommierten wie traditionsverhafteten Marke Meissen in Verbindung brachte!

Nach dem 1. Weltkrieg, mitten in politischen Auseinandersetzungen, Finanz- und Wirtschaftskrisen sorgte Pfeiffer dafür, dass die zeitgenössischen Künstler ihre Werke bei Meissen herausbringen konnten. Konnte das gut gehen? Würde es sich rechnen? Würden die Arbeiten Anklang, Anerkennung und Absatz finden? Pfeiffer war davon überzeugt, dass die neuen Stücke als Kunstwerke verstanden, gefragt, beliebt sein und gekauft würden – vor allem auch deshalb, weil sie höchste technische und künstlerische Qualitäten vereinten.

Ein Wagnis blieb es dennoch. Max Esser (1885 - 1945) war noch kein bekannter Künstler. Nicht anders verhielt es sich mit Gerhard Marcks (1889 - 1981) und Richard Scheibe (1879 - 1964). Paul Scheurich (1883 - 1945) konnte immerhin etwas vorweisen: 1904 hatte er an der Großen Berliner Kunstausstellung teilgenommen und nun bereits als Zeichner, Illustrator und Graphiker einen Namen.

Ernst Barlach war aber in dem Kreise nicht nur der älteste, sondern auch der bekannteste Künstler. Zwei Arbeiten schuf er schließlich für Meissen. Den „schwebenden Gottvater“, der im Herbst 1923 erstmals in Böttgersteinzeug ausgeformt wurde, sowie die „schlafenden Vagabunden“ – auch als „schlafendes Bauernpaar“ bekannt –, die Ende 1922 in weißem Porzellan und im Frühjahr 1923 in Böttgersteinzeug geformt wurden.

Bei Ernst Barlach fand der eigentlich schöpferische Vorgang zunächst in der Zeichnung statt. Dann folgten die Schritte in die Dreidimensionalität des Tons, des Gipses, des Holzes, des Steinzeugs, des Porzellans bis hin zur Bronze, wobei es keine feststehenden Regeln hinsichtlich der zu verwendenden Werkstoffe gab. Interessant ist, dass der aus Norddeutschland stammende Barlach von 1891 bis 1895 an der Dresdener Kunstakademie studiert hatte, wobei er seit 1892 Meisterschüler des Bildhauers Robert Diez war. Fast zur gleichen Zeit – von 1889 bis 1895 – studierte auch der 1869 geborene Erich Oskar Hösel nicht nur an der gleichen Akademie. Er war ab 1892 ebenfalls Meisterschüler bei Diez. Barlach notierte über seinen Studienkollegen: „Hösel war ein waschechtes Genie, das einzige von uns allen.“ Vielleicht liegt in dieser Begegnung auch der Grund, dass Barlach später zwei seiner Arbeiten bei Meissen fertigen ließ. Hösel war seit 1912 Gestaltungsdirektor der Porzellan-Manufaktur.

Die beiden Barlach-Plastiken werden in der Literatur über Meissen oft abgebildet und beschrieben. Der bekannte Name des Künstlers brachte der Manufaktur Aufmerksamkeit, obwohl beide Arbeiten nicht wirklich in deren Produktspektrum passten. Das kann an der „Übertragung“ von einem Werkstoff in einen anderen liegen. So wurden zum Beispiel die „schlafenden Vagabunden“ nach einer Holzskulptur aus dem Jahr 1912 in die Porzellanfassung modifiziert. Die originale Skulptur mit ihrer unruhig-bewegten Oberflächenstruktur hat eine andere künstlerisch-ästhetische Faszination, als die glatten Oberflächen des Porzellans und des Böttgersteinzeugs.

Barlachs für Meissen geschaffener „schwebender Gottvater“ basiert auf einer grafischen Vorlage. Das Bild „Der erste Tag“ stammt aus der Holzschnittfolge „Die Wandlungen Gottes“ von 1920/21. Das Motiv des „Schwebenden“ erscheint des Öfteren in Barlachs Werk. Vor seiner Fassung für Meissen schuf er zum Beispiel 1912 die Kohlezeichnung „Schwebender“ und die Holzplastik „Die Vision“, 1916 die Bronzeskulptur „Der Rächer“, 1916/17 die Lithografie „Armer Vetter und hoher Herr“ oder 1920 den Holzschnitt „Gott über den Domen“.

Bereits 1907 hatte Barlach eine Übereinkunft mit dem Berliner Kunsthändler und Verleger Paul Cassirer getroffen, der gegen ein festes Jahresgehalt alle Arbeiten Barlachs zur weiteren Vermarktung übernahm. Durch Cassirers Vermittlungen kamen die beiden Arbeiten Barlachs an die Meissener Manufaktur. Bei der Umsetzung überließ Barlach der Manufaktur den Einsatz der Werkstoffe.

Schlaglichter auf die rechtlich und finanziell durchaus komplizierte Materie der Modellrechte werfen Briefe Ernst Barlachs. Sie erklären auch, warum die Manufaktur nur zwei Barlach-Werke herausbrachte. So schrieb der Künstler 1934: „Die Meißener Porzellanmanufaktur z.B. hat zwei größere Arbeiten von mir – natürlich braucht sie die Modelle, aber mir wären, selbst in jetziger Zeit, die Modelle viel wertvoller als die gesamten bisher erzielten winzigen Prozente für Verkäufe. Ich könnte … das eine oder andere der beiden Stücke bei Gelegenheit in Bronze gießen lassen.“ 1938 heißt es schließlich von ihm: „Ich wünsche lediglich, die Modelle zu besitzen, und bin sowohl an Böttgersteinzeug noch Ausführungen in sonst üblicher Porzellanmasse nicht interessiert.“ Für den Künstler war die Zusammenarbeit mit Meissen offenbar nicht einträglich.

Wie verhielt es sich mit den anderen Künstlern, die Pfeiffer von Schwarzburg nach Meißen gebracht hatte? Der Erfolg des künstlerischen Aufbruchs bei Meissen war durchwachsen. Die Arbeiten von Marcks – insgesamt sieben Modelle in Porzellan und Böttgersteinzeug – blieben trotz hervorragender Qualität, im Angebotsspektrum der Manufaktur marginal. Esser schuf für Meissen zahlreiche, noch heute sehr bekannte Porzellane: Tierplastiken, Gefäßformen, Dekore und Staffagen. Sie brachten aber kaum Gewinne und fanden offenbar wenig Resonanz bei den Käufern.

Etwas anders verhielt es sich mit den Entwürfen Paul Scheurichs. Dessen „Figuren aus dem Russischen Ballett“ fanden nach dem Ersten Weltkrieg weitgehende Anerkennung und zahlreiche Käufer. Seine weiteren Porzellane wurden nach und nach berühmt. Für sechs seiner Figuren bekam er 1937 auf der Pariser Weltindustrieausstellung einen Grand Prix – ebenso wie Max Esser für seine Meissener „Fischotter“-Plastik.

Die finanziell durchwachsene, doch künstlerisch ertragreiche Zwischenkriegszeit endete nicht nur bei Meissen mit der Machtübernahme der Nazis. Am 23. Januar 1933 protestierte Ernst Barlach in einer Rundfunkrede gegen den Ausschluss von Käthe Kollwitz und Heinrich Mann aus der Preußischen Akademie der Künste. Wer opponierte, musste dafür bittere Konsequenzen tragen. Arbeiten von Käthe Kollwitz, Wilhelm von Lehmbruch und Ernst Barlach wurden 1936 aus der Jubiläumsausstellung der Preußischen Akademie der Künste entfernt. 1937 wurden im Rahmen der Aktion „Entartete Kunst“ 381 Werke Barlachs aus öffentlichen Sammlungen beschlagnahmt. Im gleichen Jahr erhielt der Künstler Ausstellungsverbot. Am 24. Oktober 1938 starb Ernst Barlach in Rostock.