25. Juli 2024 12:10

Ein Cöllner „Geschichtsbuch“

Zeugen der Stadtgeschichte: Der Alte Johannesfriedhof

Möglicherweise ist ja der Trinitatiskirchhof der älteste Gottesacker Meißens. Doch der Alte Johannesfriedhof lohnt ebenso eine Betrachtung. Seit mindestens 800 Jahren wird er genutzt: Er spiegelt Stadtgeschichte. Um 1170 wurde der Kirchenbau gegründet, aus dem die heutige Urbanskirche hervorgegangen ist. 1233 wurde der Friedhof erstmals erwähnt. Jahrhundertelang war er die letzte Ruhestätte der Dorfbewohner von Cölln, Zaschendorf und Spaar. Der Heilige Urban, Patron der Winzer, gab der Kirche den Namen. Auch die 1895/98 daneben erbaute Johanneskirche erinnert an den Weinbau. Man denke an das Gleichnis vom Weinstock im Evangelium des Johannes. Während die Urbanskirche jedoch 1898 ihren Rang als Pfarrkirche verlor und seitdem nur noch als Friedhofskapelle dient, gewann der Friedhof als „Johannesfriedhof“ Anklang. Seit 1909 wird er zur Unterscheidung vom neu angelegten Johannesfriedhof am Fürstenberg als „Alter Johannesfriedhof“ bezeichnet.

Rundgang beginnt an der Kirchgasse

Beginnen wir unseren Rundgang von der Kirchgasse aus. Auf geradem Wege zum Kirchlein stoßen wir kurz davor auf das Grab der Familie Kurtz, die durch die Papierfabrik an der Talstraße Bekanntheit erlangte. Firmengründer Robert Kurtz wurde 1870 auf dem Stadtfriedhof, sein ältester Sohn Robert als nachfolgender Seniorchef und Ehrenbürger Meißens 1910 auf dem Martinsfriedhof beigesetzt. Hier fand nun Roberts Bruder und Firmen-Mitinhaber Clemens 1910 seine letzte Ruhestätte. Er hatte 1876 das dem Friedhofseingang gegenüberliegende Grundstück Dresdner Straße 19 erworben. Mit ihm ruhen hier die erste Ehefrau Helene, die zweite Ehefrau Theodore sowie drei Töchter und eine Enkelin.

Einige Schritte weiter erinnert an der Kirchmauer eine Grabtafel an die Unternehmerfamilie Langelütje. Von Hamburg kommend, nahmen sie 1834 im Stadttheater eine Zuckerpoduktion auf, verlegte sie 1870 in die Dresdner Straße 17. Bis 1909 hatte die Familie die Firma inne. Noch 2007 befand sich an diesem Standort eine verwilderte Industriebrache: der „Elbdom“. [Heute befindet sich auf dem Gelände ein Supermarkt. – Anm. d. Redaktion.]

Von Räuberbanden geplündert

Wenn wir nach rechts die Eingangstür zur Sakristei passieren, stehen wir dort, wo in der Nacht des 27. Juli 1702 einige Räuber der Bande des berüchtigten Lips Tullian gewaltsam in die Sakristei einbrachen. Sie raubten nicht nur das gesamte Bargeld und zwei Kelche, sondern richteten auch erheblichen Schaden an. Sie büßten letztlich die Vielzahl ihrer Untaten 1715 mit der Hinrichtung auf dem heutigen Dresdner Alaunplatz. Kirchendiebe, die im Januar 1981 Ausstattungsstücke stahlen, blieben dagegen unerkannt und ungestraft. Ein Blick ins Innere der Kirche lohnt sich. Man erkennt die einst dörfliche Bestimmung. Die barocke Erneuerung datiert von 1691/1701, deren Schlichtheit wird durch gotische Ausstattungsstücke sowie eine Deckenmalerei des Meißner Künstlers Gerhardt Schiffner verschönt. Die Kirche durchstand auch Notzeiten: Davon zeugt an der Außenwand rechts von der Eingangstür eine Kanonenkugel von 1813. Französische Artillerie schoss damals vom jenseitigen Elbufer aus das Dorf in Brand. In den 1980er Jahren retteten auf Initiativen des Pfarrers von Kirchbach engagierte Christen der Johanneskirchgemeinde das Gebäude vor dem baulichen Verfall.

Entlang der Südseite, die der benachbarten Johannesschule zugewandt ist, erreichen wir ein sehenswertes Zeugnis der Friedhofskunst. Unter dem Einfluss des Jugendstils wurde 1907 die Grabstätte des Ehepaares Haase angelegt. Ihre keramische Gestaltung entspricht der Tätigkeit des Kommerzienrates Karl Julius Haase in der Meißner Keramikindustrie. 1870 begann Haase bei der Teichertschen Ofen- und Tonwarenfabrik am Neumarkt. 1872 bis 1910 war er Direktor des Zweigunternehmens in Cölln, Dresdner Straße 50 – seit 1906 „Somag“. hm verdankt unter andere, die Johanneskirche ihren Keramik-Altar von 1898.

Nur wenige Schritte weiter stehen wir vor einer Erinnerung an die Opfer des Deutsch-Französischen Krieges von 1870/71: einem 1895 gesetzten Gedenkstein des Cöllner Militärvereins für den 1870 vor Sedan schwer verwundeten und im nahen Douzy verstorbenen Soldaten Friedrich August Zietzschmann. Der 1841 in Niederspaar Geborene war Sohn einer Winzerfamilie.

Auf dem Wege geradeaus von der Ostseite der Kirche passieren wir rechts die Grabstätte der Lehrerin Sigrun Leuteritz. Bald danach erwecken auf der linken Seite Zwillings-Rotbuchen unsere Aufmerksamkeit. Daneben findet sich die Grabstätte Körner, auffallend durch eine trauernde Frauengestalt. Der Geheime Sanitätsrat Dr. med. Alexander Körner war Sohn des Bezirks- und afranischen Schularztes Franz Wilhelm Körner. Er leitete von 1878 bis 1911 das zunächst an der Fabrikstraße angelegte und von ihm durch Neubauten zum Robert-Koch-Platz hin erweiterte Krankenhaus. Später war er noch Direktor des Coswiger Wettinstiftes. Seine Ehefrau Margarete machte sich dagegen 1890 verdient um die Gründung eines Kindergartens in der Brauhausstraße 2.

Einige Schritte zurück führt uns an dem markanten Kreuz einer Pfarrergrabstätte rechts ein Weg zur nördlichen Friedhofsmauer. Linker Hand geht es vorbei an der Reliefplastik eines betenden Engels am Grabstein des Straßenmeisters Pfützner. Am Ende, wo die überwucherte Gruftanlage eines Richard in Vergessenheit geraten ist, setzen wir unseren Rundgang nach rechts entlang der Friedhofsmauer fort. Nachdem wir rechts die Christusfigur der Grabstätte Dingelstedt wahrgenommen haben, erreichen wir links die Ruhestätte der Familien Striegler/Bergmann/Berghold. Hier ruht auch Helene Berghold, die Mutter von Inge Buback, der Ehefrau des 1977 von RAF-Terroristen ermordeten Generalbundesanwalts.

Wenn wir jetzt nach rechts entlang der einstigen Begrenzungsmauer des Friedhofs in Richtung des Totenhalle gehen, passieren wir eine Reihe von Grabstätten einst bekannter Familien und Persönlichkeiten. Sie beginnt links mit dem letzten Cöllner Bürgermeister und später Meißner Stadtrat Gustav Graf. Durch Einheirat verbunden war Familie Kunstmann, son 1881 bis 1970 im Besitz der Marktapotheke. Es folgen die Ruhestätten der Familien Kühnel (Feinkostgeschäft Robert-Koch-Platz 8, jetzt Seidel) und Hönicke/Abbel (Zaschendorfer Ziegelei- bzw. Gutsbesitzer), gegenüberliegend Falk (Werkstatt für Scherz- und Zauberartikel, Lutherplatz 4 A) und Mohn (Hotelbesitzer „Zum Roß“, Großenhainer Straße 9). Hier ist auch das Grab von Professor Paul Börner, Schöpfer des ersten Porzellanglockenspiels für die Meißner Frauenkirche sowie der Kriegergedenkstätte in der Nikolaikirche 1929. Börner war 1930 bis 1937 Künstlerischer Leiter und Malereidirektor der Porzellan-Manufaktur. Der Grabsteinspruch kennzeichnet seine anthroposophische Gesinnung.

Welche Rolle die Unternehmerfamilie Teichert in der Entwicklung Cöllns spielte, machen deren Ruhestätten am Ende der Gräberreihen.deutlich. Ernst, jüngerer Bruder von Karl Teichert und 1863 mit ihm Begründer der Ofenfabrik auf dem Neumarkt, hatte sich 1868 mit einer eigenen Firmengründung, der späteren „Somag“, in Cölln selbstständig gemacht. Am „Somag“-Standort ist heute der Wohnkomplex „Residence“. Ihm gegenüber liegt sein Sohn Christian, der das 1884 in der Fabrikstraße 25 gegründete Zweigunternehmen führte. Sein Sohn Ernst starb durch einen Verkehrsunfall mit erst 45 Jahren. Neben ihm fand dessen Tochter Friederike, Kindergärtnerin und letzte Bewohnerin der Teichertschen Villa Gabelstraße 8, 2007 ihre Ruhestätte.

Friedhof wurde 1896 erweitert

Nach Überquerung des von der Urbanskirche einmündenden Hauptweges passieren wir rechts die Grabstätte von Pfarrer Gustav Schnerrer. Von 1934 bis 1964 war er neben den Pfarrern Prehn und Stempel in Distanz zum NS- und SED-Regime in der Johanneskirche tätig.. Dahinter, in Nähe eines Rhododendronbusches, erinnert die Ruhestätte der Familie Vesper an den einst in der Badgasse wohnenden Schriftsteller Will Vesper. Er schrieb 1931 den Schelmenroman „Sam in Schnabelweide“, später aber Hitler-Huldigungen und judenfeindliche Schriften. In Meißen lebte sein Sohn Albrecht, der hier 1984 beigesetzt wurde.

Biegen wir vor der Totenhalle nach rechts ab, stoßen wir geradewegs auf die Mauer zur Johannesschule. Sie grenzt hier die bis 1896 vorgenommene Friedhofserweiterung ab. Folgen wir ihr nach links, so finden wir entlang der Mauer wieder bedeutsame Ruhestätten. Die Grabstätte der Familie Schreiber, Inhaber der Konditorei, und der Familie Beck, frühere Betreiber des Granitwerkes Steinweg 15. Besondere Beachtung verdient die Grabstätte der Familie Beyerlein, die allerdings nur noch an einem beschädigten Jesus-Mosaikbild und einem Johannes-Zitat erkennbar ist. Hier ruht der Schriftsteller Franz Adam Beyerlein, der aus einer Kaufmannsfamilie stammt. Literarische Bekanntheit erlangte er vor allem durch seinen Roman „Jena oder Sedan?“ (1903), in dem er den Drill des Militärdienstes anprangerte. Vom Sterbeort Leipzig gelangte seine Urne wunschgemäß hierher.

Kaufleute, Künstler und Historiker

Unmittelbar danach folgt als letzte Ruhestätte dieser Reihe die der Familie Eck, gekennzeichnet durch einen trauernden Engel, der sich durch die abhanden gekommenen Flügel zu einer realistischen Frauengestalt wandelte. In Meißen bekannt wurde die Familie durch den in Zscheila beigesetzten Architekten Professor Richard Eck (1845 – 1900) sowie die Ecksche Villa Dresdner Straße 51. Die ursprünglich „Richtersche Villa“ hatte der bekannte Dresdner Stadtarchivar Otto Richter seinen Eltern 1890 erbauen lassen. Nachdem das Grundstück über die als Waisenkind aufgenommene Margarete Fischer durch Heirat um 1900 zum Eckschen Besitz geworden war, blieb es dies bis zum Tode der letzten darin wohnhaften Nachkommen in den 1980er Jahren.

Wenden wir uns jetzt nach links, kurz entlang der südlichen Begrenzung, dann wieder links in Richtung Totenhalle. Kurz davor liegt auf der linken Seite die Grabstätte des „Malers und Radlers“ Rudolf Hentschel. Der Name steht für eine Künstlerfamilie. Vater Julius (1843 – 1928) war Figurenmaler der Porzellan-Manufaktur und Mitgestalter der Johanneskirche. Sein Bruder Konrad (1872 – 1907) war Modelleur in der Porzellan-Manufaktur und wirkte auch an der Gestaltung der Johanneskirche mit. Rudolf war bis 1929 ebenfalls an der Porzellan-Manufaktur, zuletzt als Zeichenschullehrer. Er widmete sich vor allem der grafischen Landschaftsdarstellung.

Vor der Totenhalle nach rechts abgebogen, gelangen wir in Nähe der Mauer zur Johannesstraße an das Grab des Apothekers Fritz Springers. 1929 gründete er die Sonnen-Apotheke im „Hamburger Hof“ und war deren Inhaber bis 1952. Vorbei an der Totenhalle betreten wir den zwischen alter Friedhofmauer und Loosestraße liegenden Erweiterungsbereich. Hier finden wir rechts des Hauptweges das Grab von Dr. Dietrich Streckfuß, der sich ab 1945 in der CDU und als Stadtrat regimekritisch engagiert und der westdeutschen Dienststelle Blank zur Verfügung gestellt hatte. 1953 wurde er verhaftet und zu zwölf Jahren Zuchthaus verurteilt, 1991 jedoch rehabilitiert. Seinen Abschluss findet unser heimatgeschichtlicher Rundgang jenseits des Ausgangs zur Johannesstraße am neunten Grab der dritten Reihe, nahe einer Birke. Es ist mit „Familie Gröger“ bezeichnet und erinnert an den Stadtarchivar und -historiker Helmuth Gröger (1890 – 1957). Er schuf das fundamentale stadtgeschichtliche Werk „1000 Jahre Meißen“ (1929). Ein Uhu und eine Schreibfeder sollen uns von seiner Weisheit und seinem hinterlassenen Schriftgut künden, so wie der einst stadtbekannte Heimatdichter Benno Zeidler in seinem Gedicht „St. Urban“ zum Ausdruck brachte: Jedes Grab „schweigt“ – und doch redet es laut!“

Autor: Gerhard Steinecke

Der Artikel erschien am 22.11.2007 in der Druckausgabe des Meißner Tageblatts.

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