30. Mai 2024 19:11

Von der Meißner Bühne zur Synagoge

Zeugen der Stadtgeschichte: Der Schauspieler und spätere Rabbiner Martin Riesenburger

Von den vielen Schauspielern, die in den 1920er Jahren am Meißner Stadttheater arbeiteten, wurde ein Rolf Manders in den hiesigen Lokalnachrichten oft mit Lob bedacht. Doch ansonsten fand der Mann nirgendwo Erwähnung. War er früh verstorben? Spielte er in Meißen unter einem Künstlernamen? Verbarg sich dahinter ein bedeutender Schauspieler?

Wahrscheinlich wäre das nie mehr zu klären gewesen, wenn ich nicht vor einigen Jahren mit dem inzwischen verstorbenen Maschinenbaumeister Willy Demnitz ins Gespräch gekommen wäre. Der damals schon 90-Jährige erinnerte sich nämlich, dass dieser Rolf Manders ein Jude war und nach der Heirat mit einer Meißner Friseurstochter in Berlin ein bedeutender jüdischer Geistlicher geworden sei.

Auf der richtigen Spur

Schon bald hatte ich die Heiratsurkunde ermittelt und konnte daraus erkennen, dass Willy Demnitz mich auf die richtige Spur gebracht hatte. Auch der richtige Name des Schauspielers fand sich nun. Er hatte sich zwar in seiner Vermählungsanzeige im Meißner Tageblatt vom 5. Mai 1925 als „Regisseur Rolf Manders“ vorgestellt, in der Heiratsurkunde des gleichen Tages war er aber als „Schauspieler Martin Riesenburger“ vermerkt. Eine Anfrage an die Berliner Jüdische Gemeinde löste beim Direktor der Stiftung „Neue Synagoge Berlin – Centrum Judaicum“, Dr. Hermann Simon, lebhaftes Interesse aus. Er hatte Riesenburger persönlich gekannt, arbeitete soeben an einem Aufsatz über ihn, wusste aber bisher nichts von der Meißner Zeit. Nun war es möglich geworden, das hoch interessante Lebensbild eines Meißner Schauspielers aufzuhellen.

Martin Riesenburger wurde am 14. Mai 1896 in Berlin geboren. Dort hatten sich seine jüdischen Eltern, die aus dem damals deutschen Teil Polens kamen, niedergelassen. Bereits in seiner Kindheit zeigten sich seine künstlerischen und religiösen Neigungen. Der Junge gefiel sich im Spiel als jüdischer Geistlicher, er nahm ab dem siebenten Lebensjahr Musikunterricht und orientierte sich auf ein Leben als Rabbiner oder Kapellmeister. Zwar studierte er später am „Stern’schen Konservatorium“ in Berlin Musik, doch da sich herausstellte, dass sein rechter Arm kürzer als der linke war, galt er nicht als Dirigent geeignet. So betätigte er sich als Klavierlehrer, Kantor und Religionslehrer. Es ist anzunehmen, dass er als Pianist zum Meißner Theater fand. Hier scheint dann sein schauspielerisches Talent entdeckt worden zu sein.

Riesenburger wurde unter dem Pseudonym „Rolf Manders“ bekannt. Seit 1921 war der Wiener Hans Chlodwig Gahsamas Direktor des Meißner Theaters und sorgte für eine schöpferische Atmosphäre und die Aufführung von gesellschaftskritischen Stücken insbesondere junger Dramatiker. Das kam Riesenburger offensichtlich sehr zugute.

Seine erste bisher bekannte Erwähnung im Spielplan des Meißner Theaters datiert vom 25. September 1923. Damals kam unter seiner erstmaligen Regie Grillparzers „Sappho“ zur Aufführung. Zwar musste er sich als Spielleiter Schwächen nachsagen lassen, doch in der Darstellung des Sklaven Rhamnes wurde ihm „ein prächtiges Charakterbild“ bescheinigt.

Als eine weitere Rolle ist dann 1924 der grausame Feldherr Holofernes in Hebbels Trauerspiel „Judith“ erwähnenswert. Bei dieser Inszenierung führte Rolf Manders / Martin Riesenburger , ebenfalls Regie. Am 1. Januar 1925 wurde in Meißen Klabunds „Kreidekreis“ uraufgeführt. Der junge Schauspieler spielte darin den Bolschewik Tschang-ling: „wahrscheinlich und sympathisch, soweit dies möglich ist“. Vielleicht inspirierte er auch die Aufführung des Lustspiels „Der Dummkopf“ des jüdischen Dramatikers Ludwig Fulda am 1. Oktober 1924. Bei der habe er „eine vollgültige Episode“ bei der Testamentseröffnung geboten, hieß es. Allerdings kamen in den Theaterkritiken des Meißner Tageblatts auch schauspielerische Schwächen zur Sprache. Zur „Iphigenie auf Tauris“ schrieb man beispielsweise: „Rolf Manders steckt den Halbwilden zu sehr heraus … und wenn er gleich Soldat ist, ‚anschnauzen‘ darf er die Priesterin Diana nicht.“ Oder zur Rolle des Werle in Ibsens „Wildente“ am 7. April 1925: „Rolf Manders … gab diesem Großunternehmer und skrupellosen Lebemann nicht genug weltmännische Art und Wahrscheinlichkeit.“

Erste „Burgfestspiele“

Von Manders Regietätigkeit sind 1924 Gerhart Hauptmanns „Michael Kramer“ und Goethes „Iphigenie auf  Tauris“ zu nennen. Darüber hinaus betreute Manders Schüleraufführungen am Stadttheater, so am 17. April 1924 das Stück „Das Nürnbergische Ei“ des früheren Afraners Walter Harlan. Dieser Autor war der Vater des Regisseurs Veit Harlan, der durch den antisemitischen Film „Jud Süß“ bekannt wurde. 

Im Rahmen der Feiern zum 50. Jubiläum des städtischen Gymnasiums im März 1925 betreute Rolf Manders die Inszenierung des Stücks „Sappho“. Als bislang letzter bekannter Auftritt in Meißen konnte seine Rolle als Schuldknecht in Hofmannsthals „Jedermann“ bei den ersten „Burgfestspielen“ 1925 ermittelt werden. Seine Mitwirkung könnte als glanzvoller Abschied von Meißens Theaterbühne verstanden werden, auf der er vorwiegend als Sprecher sozial Benachteiligter auftrat: „Der in Ketten geschlagene Mann in seiner ohnmächtigen Wut über die Hartherzigkeit Jedermanns wie über die Herrschaft des Geldes … lösten echte Ergriffenheit beim Publikum aus.“

Während seiner Zeit am Meißner Theater pflegte Rolf Manders alias Riesenburger einen besonders engen Kontakt zu seinem jüdischen Glaubensbruder Samuel de Levie, einem unweit des Meißner Bahnhofs ansässigen Viehhändler. Bei ihm in der Großenhainer Straße 13 könnte er Logis genommen haben, bevor er in die Marktgasse 2 umzog. Bei der Familie Levie sorgten fünf Kinder für reichlich Abwechslung. Unter ihnen zwei Töchter, von denen eine mit der Friseurstochter Klara Linke befreundet war: Die beiden jungen Frauen unternahmen oft Fahrten in die Umgebung und sorgten offenbar für Geselligkeiten, die den jungen Schauspieler in den Bann der holden Weiblichkeit zogen. Zwar hatte auch die Levie-Tochter ein Auge auf ihn geworfen, doch entschied er sich für ihre Freundin. Klara Linke war am 30. März 1901 in Meißen geboren worden. Ihre Eltern betrieben seit 1900 einen Friseursalon in der Stadt: zunächst am Kleinmarkt 6, ab 1904 am Hahnemannsplatz 6 und seit 1918 nur noch als Damen-Friseurgeschäft, in dem die Tochter als gelernte Friseuse mitarbeitete.    

Martin und Klara Riesenburger, hier 1935, lernten sich in Meißen kennen. Foto: Reproduktion, Archiv Meißner Tageblatt

Umzug nach Berlin  

Wie sich die Eltern Linke zur Heirat ihrer Tochter mit einem Juden stellten, ist nicht bekannt. Die spätere Funktion des 1914 geborenen Bruders Ernst Rudolf als „Kreisjugendwalter“ – also Vertreter der Lehrer, Eltern und HJ vor den Schulleitungen – sowie sein Einsatz als Feldwebel in der Sowjetunion, wo er 1941 fiel, lassen zumindest auf Probleme schließen. Sehr wahrscheinlich kann damit auch der Umzug des jungen Paares nach Berlin zusammenhängen. Mitte der 1920er Jahre zog Klara mit Rolf Manders alias Martin Riesenburger in die Hauptstadt, wo sie zum jüdischen Glauben übertrat und am 25. Mai 1930 auch die Ehe nach jüdischem Bekenntnis schloss.

Nach dem Machtantritt der Nationalsozialisten 1933 bestimmte Antisemitismus das öffentliche Leben. Das dürfte die Verbindung zu Klaras Meißner Elternhaus noch mehr belastet haben. Über diese Zeit und das Leben danach gab Riesenburger selbst Aufschluss. Er berichtete in einer 1958 erschienen Predigtsammlung und 1960 in einem Erlebnisbericht. Die Schriften kamen 2003 mit einer Einleitung von Hermann Simon unter dem Titel „Das Licht verlöschte nicht“ neu heraus und sind Quelle der weiteren Ausführungen.

Demnach fand Martin Riesenburger in Berlin ein ausfüllendes Betätigungsfeld. An der Hochschule für die Wissenschaft studierte er, um Rabbiner zu werden. Ab Juni 1933 fand er Anstellung als Prediger des 1. Altenheimes der Jüdischen Gemeinde Berlin sowie als Seelsorger der Altersheime. In der judenfeindlichen Nazi-Zeit bot ihm seine Ehefrau Hilfe, Schutz und Halt, indem sie ihre „arische“ Abstammung geltend machte. Das bewahrte aber beide nicht vor furchtbarem psychischem Druck. Demütigungen, Deportationen von Freunden und Bekannten und die zunehmende Auflösung der jüdischen Gemeinde waren an der Tagesordnung. Martin Riesenburger widmete sich nach Schließung des Altenheims ab 1941 auf dem Friedhof der  Jüdischen Gemeinde in Berlin-Weißensee aufopferungsvoll der Seelsorge, während Klara Riesenburger Zwangsarbeit in Berliner Firmen und zuletzt in der Straßenreinigung leisten musste. 

Oberster Rabbiner der DDR

Nach dem Ende des Nazi-Regimes 1945 eröffnete sich beiden eine Zeit der Freiheit und Entfaltung. Martin Riesenburger setzte seine bisherige Tätigkeit für die Neugestaltung des jüdischen Lebens in Berlin fort. Sein musikalisches und schauspielerisches Talent gaben ihm eine ungewöhnliche Ausstrahlung. Ab 1953 fielen ihm die Aufgaben des Rabbiners der Ostberliner Gemeinde zu, 1961 wurde er schließlich zum Landesrabbiner der DDR ernannt.

Das wurde als kompromissbereite Nähe zum SED-Staat verstanden, zumal Martin Riesenburger im „Friedensrat der DDR“ tätig war und anlässlich seines 65. Geburtstages den „Vaterländischen Verdienstorden“ in Gold sowie die Ehrendoktorwürde der Juristischen Fakultät der Humboldt-Universität verliehen bekam. Er entsprach wohl mehr dem Grundsatz „Wahrster Gottesdienst ist, was man Dienst am Nebenmenschen nennt“, mit dem er sich zu einer überreligiösen Verständigung bekannte. Um die bemühte er sich beispielsweise durch seine Teilnahme an den Tagungen der Evangelischen Akademie Berlin-Brandenburg 1962 und 1965. Am 14. April 1965 starb Martin Riesenburger.

Klara Riesenburger überlebte ihren Mann, den sie am „glücklichsten Tag ihres Lebens“ kennenlernte, noch um viele Jahre. Ob sie aber wieder Verbindungen nach Meißen pflegte, ist nicht bekannt und wenig wahrscheinlich. Dennoch hieß es, dass die Friseurfamilie Linke in der Nachkriegs- oder DDR-Zeit vor dem Mauerbau öfter Pakete aus Berlin erhalten habe. Als ich auf Riesenburgers Spuren stieß, war Klara leider wenige Jahre zuvor 98-jährig am 10. September 1999 in Berlin verstorben.

Martin Riesenburger (links) und Hans Seigewasser enthüllen einen Gedenkstein am 9. November 1960. Bundesarchiv, Bild 183-77723-0002 / CC-BY-SA 3.0, Bundesarchiv Bild 183-77723-0002, Berlin, Gedenkstein für jüdische Opfer, CC BY-SA 3.0 DE

Autor: Gerhard Steinecke

Titelbild: Martin Riesenburger bei einer Ansprache im Jahr 1948. Foto: Reproduktion, Archiv Meißner Tageblatt

Der Artikel erschien am 26.01.2012 in der Druckausgabe des Meißner Tageblatts.

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