Mit Ernsthaftigkeit, Genauigkeit und Sensibilität

Weiser aus dem Morgenland oder Schneider vom Niederrhein? Alexander Struck verlieh seiner Figur des "Schneiders Wibbel" die Züge des Schauspielers Erich Ponto.

Die Figur eines sagenumwobenen Schneiders ist das berühmteste Werk des Porzellanmodelleurs Alexander Struck, der vor 25 Jahren starb. Unser Autor Dr. Hans Sonntag erinnert an ihn.

Lieber Herr Struck, leider habe ich Sie nicht persönlich kennengelernt – obwohl wir beide Manufakturisten waren. Wenn auch zu anderen Zeiten: Sie arbeiteten bis 1968 für die Meissener Porzellan-Manufaktur, ich begann dort erst 1976.

1990 sind Sie verstorben. Doch einige Jahre später konnte ich mich mit Ihrer Frau über die Porzellanfiguren, die Sie geschaffen haben, unterhalten. Das war 1995 im Altersheim an der Roten Gasse. Ihre Frau freute sich, dass jemand etwas über Ihre Arbeiten wissen wollte. Und wie: Mir ging es da unter anderem um den „Schneider Wibbel“. Schon seit meiner Kindheit in den frühen 1950er Jahren, wusste ich von meiner Mutter, dass es ein Buch, einen Film und ein Schauspiel über jenen Schneider gab. Da ging es um einen armen Handwerker, der zu Napoleons Zeiten in einer Stadt am Niederrhein lebte.

Wibbel lästerte wohl über die Franzosen und sogar den französischen Kaiser. Dafür musste er ins Gefängnis, fand aber mit List und Witz einen kuriosen Ausweg aus der Misere. Die Geschichte des Schneiders Anton Wibbel ist historisch verbürgt. Autor Hans Müller-Schlösser verarbeitete sie zu einer Theaterkomödie. Am 14. Juli 1913 war am Düsseldorfer Schauspielhaus Premiere für „Schneider Wibbel“. Paul Henckels spielte die Hauptrolle und führte Regie: ein riesiger Erfolg!

1914 brachte Schauspieler Erich Ponto, der zuvor in Düsseldorf engagiert war, das Stück mit nach Dresden. Die Premiere am Dresdener Hoftheater fand am 4. März 1916 statt. Ponto spielte die Hauptrolle – und mit diesem Stück wurde er beliebt und berühmt. 1931 wurde „Schneider Wibbel“ erstmals verfilmt. 1932 erlebte das Stück vier Aufführungen am Meißener Stadttheater. Sogar in die Oper durfte der Schneider vom Niederrhein: Am 12. Mai 1938 war in der Berliner Oper Unter den Linden die Uraufführung des von Mark Lothar komponierten Singstücks „Schneider Wibbel“. In Dresden stand im selben Jahr eine weitere Schauspiel-Inszenierung mit Erich Ponto in der Hauptrolle auf dem Spielplan. 1939 kam die zweite Verfilmung heraus: wieder mit Ponto als Schneider. Regie führte Victor de Kowa. Die kleine Komödie machte große Karriere. Das Publikum mochte offenbar Wibbels rheinländische Schläue und den urwüchsigen Witz.

Lieber Herr Struck, 1950 entstand ihre Porzellanfigur „Schneider Wibbel“. Zweifelsfrei hat sie die Physiognomie Erich Pontos im Film von 1939! Oder haben Sie auch die Meißener Aufführungen im Stadttheater erlebt? Ihre an der Literatur orientierten Figuren interessierten mich auch als Bibliothekar. Ich schätze Ihre Ernsthaftigkeit, Genauigkeit und Sensibilität bei der plastischen Umsetzung der Vorlagen.

„Fips, der Affe“ entstand nach Wilhelm Busch. Der „Clown Grock mit Bassgeige“ erinnert an eben jenen 1880 in der Schweiz geborenen weltbekannten Musikclown. Für den „Münchhausen auf der Kanonenkugel“ war sicherlich der Schauspieler Hans Albers im gleichnamigen Film von 1943 das Vorbild. Der „Thronende Sultan“, dem Scheherezade Geschichten erzählt, entstammt den Märchen aus „Tausendundeiner Nacht“, die „Sieben Schwaben“ und die Gesichtsmaske vom „Hans im Glück“ Grimmschen Märchen. Aber woher mögen Sie die Anregungen zu Ihrem „Froschschachspiel“ gewonnen haben? Vielleicht von den antiken griechischen Versen des Aristophanes oder des Homer?

Dieses Schachspiel der geistig kämpfenden Frösche wurde von vielen Gästen in der Schauhalle der Meissener Porzellan-Manufaktur mit Begeisterung betrachtet und hoch geschätzt. Über den „Schneider Wibbel“ erfuhr ich von Ihrer Frau, dass die Urfassung eigentlich eine Brille bekommen sollte. Das ältliche Schneiderlein fädelt einen Faden in ein Nadelöhr: Dazu braucht man manchmal eben eine Brille. Wegen des Bossierens und Brennens fiel die Brille schließlich weg. Während des Brennens hätte sie sich verformen können.

Doch auch ohne Brille erlebte Ihr „Schneider Wibbel“ noch eine unvorhergesehene zweite Karriere. Es war 2010, als aus dem Schneiderlein vom Niederrhein ein Alchemist in Meißen wurde. Er warb für eine große Ausstellung zum 300. Jubiläum des Meissener Porzellans. Und das mit der Gestik und Physiognomie von Erich Ponto! Die Figur des Schneiders verkörpere etwas Philosophisches und Mystisches, hieß es zur Begründung. Er könnte durchaus ein Alchemist sein, der an das Firmament blicke und vielleicht auf Intuition hoffe, um die Rezeptur des Porzellans zu finden…. Dabei fädelte der arme Kerl doch nur eine Nadel ein!

Ich bedanke mich bei Ihnen für Ihre wundervollen, detailreichen Schöpfungen aus Meissener Porzellan. Schneider Wibbel ist die Figur, die die Erinnerung an Sie wach hält. Einige mehr verdienen noch heute unsere Aufmerksamkeit.

Mit besten Grüßen, Ihr Dr. Hans Sonntag