Eine Dänin sollte Meissen Beistand leisten

Das Motiv des "Wassermanns" gestaltete Marianne Höst 1906/07 auf Porzellan der Meissener Manufaktur

Vor 150 Jahren wurde die Porzellanmalerin Marianne Höst geboren. An die Künstlerin, die einige Jahre in Meißen lebte und arbeitete, erinnert unser Autor Dr. Hans Sonntag.

Über die Dänin, die Welch ein großes Lob: „Solche Maler wie Ussing, Mortensen, Hoest ... schaffen heute in der Königlichen Manufaktur wahre Meisterwerke.“ So schrieb die Fachpresse anno 1900 über die dänischen Porzellane aus der Königlichen Manufaktur Kopenhagen, die bei der Pariser Weltausstellung vorgestellt worden waren.

An den Produkten anderer traditionsreicher Unternehmen hatten die Rezensenten dagegen offenbar weit weniger Gefallen gefunden. „In Meißen, Sèvres und Berlin dagegen waltet bisher Schablone und Routine. Auch dort unternimmt man schüchterne Schritte, sich den neuen Anforderungen anzupassen, aber nirgends spürt man eine künstlerische Individualität“, hieß es.

Das Urteil klang vernichtend. Doch auch in Meißen wollte man schließlich an neue künstlerische Entwicklungen anschließen – und besann sich dabei ausgerechnet auf eine Dänin. Auf die im Juni 1865 in Thisted auf Jütland geborene Marianne Höst. Die Spezialistin auf dem Gebiet der Unterglasur- und Scharffeuerfarbenmalerei war bei der Pariser Weltausstellung mit interessanten und neuartigen Porzellanmalereien vertreten gewesen.

Von 1885 bis 1904 hatte Höst an der Königlichen Porzellan-Manufaktur Kopenhagen gearbeitet, wo sie auch das Handwerk der Porzellanmalerei erlernte. 41-jährig kam sie 1906 nach Meißen. Hier wollte man von ihrem speziellen Können profitieren.

Während ihrer Zeit an der Kopenhagener Manufaktur hatte Marianne Höst verschiedene Studienreisen durch Europa absolviert und Erfahrungen gesammelt. 1902 war Kommerzienrat Paul Gesell, der Kaufmännische Direktor der Meissener Porzellan-Manufaktur, in Kopenhagen unterwegs. Sein Ziel war es, in der dortigen Manufaktur einen befähigten und namhaften Porzellanmaler für Meissen zu gewinnen.

Die Kopenhagener Manufaktur galt seinerzeit als führend in der Technologie und in der künstlerisch-ästhetischen Umsetzung der zeitgenössischen Unterglasur- und Scharffeuerfarbenmalerei. Man betonte jedoch, dass an eine Einführung der „Kopenhagener Malerei“ bei Meissen nicht gedacht sei. Vielmehr wolle man eine „fortschrittliche Erneuerung und Belebung des künstlerischen Geistes“ der Manufaktur in Meißen. Herrn Gesell wird die bereits zitierte Rezension der Pariser Weltausstellung aus der Zeitschrift „Ateneum“ hinlänglich bekannt gewesen sein.

Ende November 1905 bewarb sich Marianne Höst unter Vorlage diverser Zeugnisse und Empfehlungsschreiben an der Meissener Manufaktur. Schon im Dezember genehmigte Paul Gesell ihren Arbeitsbeginn als Entwerferin für neue Unterglasurdekore ab Januar 1906. Verbunden war das allerdings mit einer dreimonatigen Probezeit. Hösts Können war dann offenbar so überzeugend, dass Gesell ihre Anstellung ab April 1906 um weitere drei Monate verlängerte. Vor Ablauf dieser Frist äußerte die Porzellanmalerin den Wunsch, als freie Mitarbeiterin bei Meissen bleiben zu können. Das wurde tatsächlich befürwortet.

Welch ein Wunder! Der Anstellungsvertrag sicherte Marianne Höst in der Manufaktur ungewöhnliche Freiheiten. Sie bezog ein festes Monatsgehalt, war aber nicht in die Malereiabteilung integriert, sondern direkt der Administration unterstellt. Ihre Aufgabe war es, Porzellane in Form und Dekor zu entwerfen, selbst auszuführen und somit Unikate zu schaffen, die sie auch mit ihrem Namen signieren durfte. Das war für die damalige Zeit sehr ungewöhnlich. Außerdem durfte Höst mit den Technikern des Labors und des Brennbetriebes zusammenarbeiten und die ausführenden Kräfte sogar kontrollieren, wenn ihre Entwürfe vervielfältigt werden. Ein solcher Bewegungsspielraum war den angestellten, hauseigenen Künstlerkollegen bisher nicht gewährt worden. Marianne Höst ließ sich in Meißen nieder. Das städtische Adressbuch von 1908 verzeichnet sie als „Kunstmalerin“ und ihre Wohnung im Hohlweg 3.

Drei Jahre später jedoch, im Juli 1909, kündigte Höst das Arbeitsverhältnis mit der Meissener Manufaktur. Der Aufenthalt in Meißen und das alltägliche Leben würden ihr nicht mehr zusagen. Außerdem habe sie Heimweh nach Kopenhagen und nach ihrer dort lebenden Schwester. Seitens der Manufaktur hieß es abschließend: „Wenngleich ihren Arbeiten kein merklicher kaufmännischer Effekt beschieden war, hätten ihre Arbeiten aber durch künstlerische Feinsinnigkeit, durch gewissenhafte Vorstudien und äußerst korrekte Zeichnungen dem künstlerischen Ruf der Königlichen Manufaktur Meißen und als Vorbild für das Malerpersonal sich aber förderlich erwiesen, so dass wir die Hoest mit Bedauern scheiden sehen.“

Im Produktionsprogramm der Porzellan-Manufaktur Meissen treten die Arbeiten von Marianne Höst nicht mehr in Erscheinung. Die Künstlerin blieb jedoch auch nach ihrem Weggang aus Sachsen produktiv. Ihre Arbeiten erscheinen noch heute auf dem nationalen und internationalen Antiquitätenmarkt als originelle Raritäten. Die Porzellanmalerin starb im November 1943 in Saunte in Dänemark.