"Auf unserer Straße trat eine unheimliche Ruhe ein"

Zerstörungen in Meißen-Cölln: Am Kriegsende hatte die Wehrmacht auch die Eisenbahnbrücke über die Dresdner Straße gesprengt Foto: Archiv

Im Mai 1945 endete der Zweite Weltkrieg. Ein Leser erinnert sich, wie er als Kind vor 70 Jahren die "Stunde Null" in Meißen erlebte.

Vor 70 Jahren ging der Zweite Weltkrieg zu Ende. Auch auf Meißen rückte in den Frühlingstagen des Jahres 1945 die sowjetische Armee vor. Erst am 6. Mai endete hier die Kriegszeit mit Flucht und Selbstmord der letzten verbliebenen Nazi-Amtsträger. Unser Leser Dr. Wolfgang Reimann, der heute in Berlin wohnt, erlebte die Ereignisse der „Stunde Null“ als Kind in Meißen. Seine Erinnerungen daran hat er niedergeschrieben.

„Wir wohnten in Meißen-Niederfähre, rechtselbisch in einer bescheidenen Zweiraumwohnung. Wie hast du als Kind mit deinen Geschwistern und deiner Mutter diese Zeit erlebt? Vater war als Soldat an der Westfront. Wir hatten kein Lebenszeichen von ihm.

Der Krieg kehrte im Frühjahr 1945 nach Deutschland und auch nach Meißen zurück. Mit der Zerstörung Dresdens am 13. Februar war für uns Kinder das Grauen des Krieges auch in Meißen unmittelbar durch die angeschwemmten Toten am Hafendamm an der Elbe angekommen. Die Schule fiel ab Februar 1945 aus. Überall gab es Verwundete und Flüchtlinge. Auch in unserem Haus waren auf dem Boden Flüchtlinge untergebracht. Im April 1945 wurden durch die Wehrmacht und den Volkssturm Panzersperren an allen Zufahrtsstraßen zur Niederfähre errichtet und die beiden Elbbrücken zur Sprengung vorbereitet.

Meine Mutter versuchte uns zu schützen, wo es ging. Der Mut zum Weiterleben wurde jeden Tag von ihr erneuert. Die Rote Armee rückte Mitte April bis zu den Proschwitzer Höhen vor, und wir konnten die Artillerieeinschläge und Abschüsse von den oberen Fenstern unseres Hauses beobachten – auch als die Proschwitzer Windmühle durch Beschuss der Wehrmacht in Flammen aufging. Für uns als Kinder war damit ein Wahrzeichen des Elbtales ausgelöscht.

Wegen der Explosion von Mörsergranaten auf der Straße und in den Nachbarhäusern war ständiger Aufenthalt im Keller angesagt. Besonders bedrückend waren für uns die Losungen der Nazis an den Hauswänden: „Sieg oder Sibirien“. Am 26. April erfolgte die Sprengung der Elbbrücken mit der Lautsprecher-Ankündigung, alle Fenster zu öffnen. Wir hatten Glück und kein Fenster ging zu Bruch. Mit der Sprengung der Brücken war für uns die Altstadt nicht mehr erreichbar.

Am 7. Mai trat auf unserer Straße eine unheimliche Ruhe ein. Kein Gefechtsdonner war mehr zu hören, kein Wehrmachtsfahrzeug und keine Streife der Polizei war zu sehen. War der Krieg zu Ende? Ich werde nie vergessen, wie meine Mutter zu uns Kindern sagte: „Der Krieg ist vorbei. Wir haben überlebt und irgendwie wird es weitergehen.“

Gegen Abend rollten Panzer der Roten Armee über unsere Straße zum Imperial, einem ehemaligen Rüstungsbetrieb mit großen Hallen. Streifen der Roten Armee gingen von Haus zu Haus und suchten vom Keller bis zum Boden nach versteckten Soldaten der Wehrmacht und SS-Leuten – auch in unserem Haus. Ich werde es niemals vergessen, wie anschließend ein junger Rotarmist im Kreise aller unserer Hausbewohner zu uns Kindern in Deutsch sagte: „Deutsche SS und Wehrmacht haben russische Kinder erschossen. Wir wollen aber deutsche Kinder beschützen.“

Die Aufgeschlossenheit der Rotarmisten zu uns Jungs war groß. Wir bekamen Essen aus ihren Feldküchen und sehr zum Ärger unserer Eltern konnten wir ihre Panzer von außen und innen besichtigen. Ich erinnere mich, wie die Rote Armee die Beseitigung der Panzersperren organisierte, indem sie die Beschaffung von Mehl, Erbsen und anderen Lebensmitteln durch die Meißner Bürger aus dem Lager in der Vorbrücker Straße mit einem Arbeitseinsatz zur Räumung der Sperranlagen der Wehrmacht und des Volkssturms an der Großenhainer Straße verbanden.

Die Straßenbrücke über die Elbe wurde bereits in den ersten Monaten nach dem Kriegsende durch die Rote Armee provisorisch mit einer Holzkonstruktion wieder befahrbar und begehbar gemacht. Für uns rechtselbische Meißner war dies lebensnotwendig. 1946 wurde die Meißner Straßenbrücke als erste Elbbrücke nach dem Krieg wiederhergestellt: für uns Meißner eine großartige Nachkriegsleistung.

Wer Meißen vor der Zerstörung durch den Krieg bewahrt hat, haben wir Kinder erst später erfahren. Es waren wenige mutige Menschen, die den alles vernichtenden Handlungen der Nazis entgegentraten. Ihnen drohte, dafür erschossen oder an den Laternen erhängt zu werden. Wenn ich heute meine Heimatstadt besuche, stelle ich mir die Frage, wie Meißen heute aussehen würde, wenn es diese mutigen Menschen nicht gegeben hätte, die für die kampflose Übergabe der Stadt sorgten.“