25. April 2024 00:58

Stattliche Gehälter für die Chefs

Ein Blick zurück in die Anfangsjahre der ersten europäischen Porzellan-Manufaktur: In dem Unternehmen gab es im 18. Jahrhundert große Gehaltsunterschiede.

Berichte über exorbitant hohe Managergehälter bei Banken und in der Autoindustrie nehmen wir staunend oder auch kopfschüttelnd zur Kenntnis. Dass es aber schon in der Mitte des 18. Jahrhunderts in der ersten europäischen Porzellanmanufaktur in Meißen ähnliche Gepflogenheiten gab, dürfte vielen von uns neu sein. Erstaunlich, aber wahr: In der Königlichen Porzellan-Manufaktur Meissen kannte man 1740 enorme Gehaltsunterschiede. In den Akten der Manufaktur aus den 1740er Jahren finden sich die Beweise. Einen Beitrag zur „Taxa Kaendler“ veröffentlichte Johannes Raffael 2009 in der Zeitschrift „Keramos“.

Zu lesen ist dort, dass der berühmte Direktor der Malereiabteilungen, Johann Gregorius Höroldt, im Jahr 1740 einen Verdienst von 1.000 Talern hatte. Höroldt war seit 1723 Hofmaler, seit 1731 Arkanist, also Geheimnisträger, sowie seit 1748 Hofkommissar. Ihm unterstand auch das Arbeitspersonal der Bildhauer, Former und Dreher.

Der Leiter der Plastischen Abteilungen, Johann Joachim Kaendler, hatte im gleichen Jahr 696 Taler verdient. Obwohl zehn Jahre jünger als Höroldt hatte er doch in der Manufaktur schon eine steile Karriere gemacht. Seit 1731 war Kaendler als Modelleur beschäftigt. 1733 wurde er Modellmeister und war ab 1740 Leiter der Plastischen Abteilungen. 1741 wurde er Arkanist und 1748 noch Hofkommissar.

Bei der Umrechnung in die heutige Währung nimmt man an, dass ein Taler im Wert rund 200 Euro entspricht. Höroldt hatte im Jahr 1740 also rund 200.000 Euro und Kaendler rund 139.000 Euro verdient. Der Unterschied zu anderen Manufakturisten war groß. Aus den Akten geht hervor, dass etwa Kaendlers Mitarbeiter Johann Friedrich Eberlein und Johann Gottlieb Ehder jährlich 240 Taler, also rund 48.000 Euro, bzw. 180 Taler, also rund 36.000 Euro, verdienten. Einfache Gipser, Former und Glasierer verdienten zwischen 70 (14.000 Euro) und 120 Talern (24.000 Euro).

Manches ist über Zwistigkeiten und Konkurrenzdenken zwischen Kaendler und Höroldt geschrieben worden. Beim Verdienst hatte der Maler Höroldt den Modelleur Kaendler anno 1740 jedenfalls weit abgehängt: um 304 Taler oder etwa gut 60.000 Euro. Die Summe bezieht sich aber nur auf das „Tractament“, das heißt das feste Einkommen. Modelleur Kaendler verdiente sich laut der Akten mit regen und überaus erfolgreichen „Feierabendarbeiten“ in den Jahren von 1739 bis 1746 immerhin noch 2.331 Taler, umgerechnet rund 466.000 Euro dazu.

Außerhalb seiner regulären Arbeitszeit hatte Kaendler in diesen Jahren 271 (bzw. mit Einzelteilen 295) Menschen- und Tierplastiken, Service- und andere Gefäßformen, Vasen, Leuchter, Uhrgehäuse, Postamente und Ornamente entworfen. Umgerechnet aufs Jahr verdiente Kaendler mit seinen „Feierabendarbeiten“ also noch gut 300 Taler dazu. Sein Einkommen kam damit an das Höroldts heran.

Die Feierabendtätigkeiten der Manufakturisten dauerten oftmals bis 20 Uhr und begannen mitunter auch schon um 4 Uhr morgens. Die Porzellanmaler arbeiteten oftmals bei künstlichem Licht und notfalls sogar die ganze Nacht hindurch, wenn zeitlich gebundene Auftragsarbeiten erledigt werden mussten, etwa bei Hochzeiten, Taufen, Jubiläen oder Begräbnissen.

Schon die regulären Arbeitszeiten in der Manufaktur waren allerdings enorm umfangreich. Im Jahr 1743 wurde zum Beispiel im Sommer montags bis sonnabends von 6 bis 12 Uhr und von 13 bis 19 Uhr gearbeitet, werktags also zwölf Stunden. Im Winter arbeiteten die Manufakturisten montags bis sonnabends von 8 bis 12 Uhr und von 13 bis 18 Uhr, also neun Stunden. Die Wochenarbeitszeit betrug somit 72 Stunden im Sommer und 54 Stunden im Winter. Freizeit hatten die Porzelliner wahrlich kaum.

Zu berücksichtigen ist, dass Johann Joachim Kaendler seine neuen Modelle nicht nur in „Feierabendarbeit“ schuf. Seine monatlichen Arbeitsberichte von Mitte 1739 bis Ende 1746 enthalten auch Angaben zu neuen Modellen auf Grundlage besonderer Aufträge. Er schuf zum Beispiel anlässlich der am 10. Januar 1747 in Dresden stattfindenden formalen Hochzeit der Kurprinzessin Maria Josepha Carolina (1731 – 1767) mit dem Dauphin Ludwig von Frankreich (die eigentliche offizielle Hochzeit fand am 9. Februar 1747 in Versailles statt) etliche Porzellane. Die „Hochzeitsgruppe“, die Gruppen „Frankreich vorstellend“ und „Die Stadt Paris“, die Figur „Apollo mit französischer Krone“, zwei liegende Lilien, die als Trinkgefäße zu benutzen waren, sowie vermutlich zehn Modelle „Zum Thron der königlichen Tafel“ und zwei „Gefesselte Sklaven“ entstanden laut der Berichte etwa ab Dezember 1746 – also in nur kurzer Zeit vor der Hochzeit in Versailles.

Dieser Kurprinzessin bot man bei ihrem Besuch in Meißen am Sonnabend, dem 14. Januar 1747, auf ihrer Reise nach Frankreich das gewöhnliche Meißner „Fummelgebäck“ an, das für die Disziplinierung der betrunkenen Kurierreiter zwischen Meißen und Dresden gebacken wurde. Dazu servierte man roten und weißen Landwein – aber von Porzellan wurde nichts vermerkt.

Inhalt

Schlagwörter für diesen Beitrag