30. Mai 2024 18:57

Das Aus kam im 128. Jahr

Zeugen der Stadtgeschichte: Die Rinck’sche Apotheke

Schlusspunkt war der 17. Januar 2009. An diesem Tag endete im 128. Jahr nach ihrer Gründung die Geschichte der Rinck-Apotheke in der Meißner Bahnhofstraße 9. Blüte und Ende dieses Geschäfts sind eng mit dem Wandel der Bahnhofstraße verbunden. Die Geschichte der Apotheke spiegelt das Leben in diesem Teil Meißens.

Am günstigen Standort

Die heutige Bahnhofstraße geht auf eine Weganlage aus der Mitte des 16. Jahrhunderts zurück, die den bis dahin üblichen Umweg nach Cölln über Vorbrücke wesentlich verkürzte. Der 1563 erbaute Gasthof „Drei Rosen“ (Bahnhofstraße 1, 2001 abgerissen) sowie ein 1733 errichtetes Zollamtsgebäude, das spätere Gasthaus „Elbschlösschen“, (Elbberg 3, 1945 zerstört) markierten Anfang und Ende des auf Vorbrücker Flur verlaufenden Weges. Er wurde noch von Elbehochwassern erreicht und erst 1807 zur festen Straße ausgebaut. Es blieb jedoch eine ländliche Gegend, bis die Eröffnung des nahen Bahnhofs im Jahr 1860 die Entwicklung des Dorfes Cölln zum Industriestandort auslöste. Die jetzige Bahnhofstraße erschien Gewerbetreibenden als ein günstiger Standort.

Der Cöllner Bauunternehmer Feyer nutzte diese Situation und 1879 eröffnete der Meißner Weinhändler Otto Geißler die große Gaststätte „Kaisergarten“ (1997 abgerissen, jetzt Dr.-Eberle-Platz), während gleichzeitig die Häuserfront auf der gegenüberliegenden Straßenseite entstand. Der Apotheker Max(imilian) Rinck, gebürtig aus Tennstedt in Thüringen, erkannte hier für eine Apotheke gute Geschäftsaussichten. Am 15. August 1881 war Eröffnung der „Apotheke zu Cölln-Vorbrücke“. Es war die erste rechts der Elbe und nach der Marktapotheke die zweite im Umkreis Meißens. Allerdings leitete der Gründer nur kurz die Geschäfte. Er starb bereits drei Monate später, erst 47-jährig, im Dezember 1881.

Ohne zu zögern entschloss sich die Witwe, Christiane Juliane Rinck zur Weiterführung der Apotheke, die der 1870 noch in Dresden geborene Sohn einmal übernehmen sollte. Am 28. Februar 1882 konnte die Wiedereröffnung bekannt gegeben werden. Allerdings fungierte die Witwe lediglich als Besitzerin und Verwalterin, während die fachliche Führung einem Apotheker – nach dem Einwohnerverzeichnis von 1893 Paul Aster – überlassen blieb. Es spricht für sehr gut gehende Geschäfte, wenn die Witwe 1890 das Grundstück für 62 000 Mark vom Ländlichen Vorschussverein zu Krögis zu erwerben vermochte.

Als der Sohn Adalbert Maximilian nach Apothekerlehre in der Dresdner Annen-Apotheke, Militärdienst, praktischen Tätigkeiten in Grimma, Rendsburg und Aken sowie Pharmaziestudium in Leipzig 1897 die Apotheke – zunächst als Pächter und Verwalter, ab 1903 als Inhaber – übernehmen konnte, wurde er Leiter eines soliden Geschäfts. Der neue Chef war geschäftstüchtig. 1899 bekam die Apotheke einen Telefonanschluss, nach 1900 einen Anbau für eine Laboreinrichtung. Ab Januar 1903 hieß sie „Rinck’sche Apotheke“ statt wie bisher „Apotheke zu Cölln“.

Adalbert Maximilian Rinck war ein anerkannter Fachmann, Davon zeugt die Berufung als Sachverständiger der umliegenden Gemeindebezirke zur Untersuchung des Petroleums auf seine Entflammbarkeit. Während des 1. Weltkriegs war er als stellvertretender Truppen-Gasoffizier sowie in Meißen als Leiter der Verwundetentransporte aus den hierher geleiteten Lazarettzügen im Einsatz. In die Meißner Gesellschaft war er auf vielerlei Weise eingebunden: als Logenmitglied, als Ehrenmitglied des Ruderclubs „Neptun“, der Kriegervereine „Cölln und Umgegend“, „Grenadiere“ sowie des Sächsischen Militärvereinsbundes, in dem er mehrere Jahre Vorsteher-Funktionen innehatte und „Kriegerfahrten“ organisierte.

Unterdessen hatte es im Einzugsbereich der Apotheke einen beachtlichen wirtschaftlichen Aufschwung gegeben, nicht zuletzt begünstigt durch die Vereinigung Cöllns mit Meißen im Jahre 1901. Hohe Häupter wurden auf dem Bahnhofe empfangen, der „Hamburger Hof“ 1891-96 ausgebaut, 1899 eine Straßenbahnlinie zwischen Bahnhof und Triebischtal eröffnet. Die Häuserzeile gegenüber dem Bahnhof entstand, ebenso wie das Gymnasium auf dem Ratsweinberg. In der Bahnhofstraße selbst zeugten davon die 1904 begründete Taxifirma (später auch Fahrschule, Autoreparaturwerkstatt und Tankstelle) Heyde (Nr. 7), die 1893 eröffnete Konditorei-Weinstube Schönfeld (Nr. 11) oder die „Plättglocke“ (Nr. 6), wo sich aus dem Sitz der „Poliklinik für unbemittelte Kranke“ ein Ärztehaus entwickelt hatte. Auch das Rincksche Haus wurde noch anderweitig gewerblich genutzt. Neben der Apotheke gab es dort die Buch- und Papierwarenhandlung Bienenstock bzw. Zigarren-Handlung Gute. Der Apotheke mangelte es nicht an Kunden. Vielmehr wurde bei der Bearbeitung des Antrags auf Eröffnung der „Sonnenapotheke“ im Hamburger Hof, die 1929 erfolgte, sogar festgestellt, dass die mit drei Apothekern und einer Helferin geführte Rincksche Apotheke einen sehr guten Geschäftsgang habe und eine Einbuße ertragen könne.

Apotheker Max Rinck

Foto 2: Max Rinck (1899 – 1954) leitete die Apotheke vor der Enteignung, Archiv Knobloch

Die Übergabe an den Nachkommen in dritter Generation, den 1899 geborenen Max Rinck, erfolgte 1937. Zwar stand ihm der Vater auch nach dem Ausscheiden noch bis zu seinem Tod am 13. November 1941 zumindest beratend zur Seite, doch der Krieg brachte Belastungen. Neben den allgemeinen Ängsten waren es vor allem die Zuteilung der Medikamente und die Verpflichtungen zu Einsätzen, zu denen die Mitarbeiter zusätzlich im DRK herangezogen wurden. Dabei war das Kriegselend unmittelbar vor den Schaufenstern zu sehen: durch das 1942 im „Kaisergarten“ eingerichtete Reservelazarett oder den Trauerzug zur Beisetzung des Jagdfliegers Hans Philipp im Oktober 1943. Aber auch eine unerwartete Privilegierung erfuhr die Apotheke in dieser Zeit. Für die vom Juni 1944 bis März 1945 auf Schloss Hirschstein inhaftierte belgische Königsfamilie übernahm sie die Aufgaben einer „Hofapotheke“.

Flucht zu Kriegsende

1945 wurde die Lage dramatisch: Gebraucht wurde zum Beispiel Borwasser für die Dresdner Luftkriegsflüchtlinge. Damit wurden deren vom Brandrauch entzündeten Augen behandelt. Flüchtlingstrecks aus dem Osten kamen nach Meißen. Im Frühjahr 1945 wurde schließlich die Räumung befohlen, die Brücke gesprengt. Familie Rinck mit ihren fünf Kindern entschied sich zur Flucht aus Meißen.

Nach dem sowjetischen Einmarsch am 7. Mai 1945 und dem Ende des Krieges bot der zurückgekehrten Familie die aufgebrochene Apotheke einen Anblick der Verwüstung. Während nun einerseits Russen oder Polen die Apotheker nach Alkohol bedrängten und Mitarbeiterinnen vom Arbeitsweg zum Reinemachen zwangen, mussten andererseits die Medikamente per Rucksack aus dem zerstörten Dresden beschafft werden. Hoch war der Bedarf an Ephipanatrium zur Narkose und Sekalysat zur Blutstillung für die Schwangerschaftsabbrüche der vergewaltigten Frauen. Doch allmählich ordneten sich die Verhältnisse.

Max Rinck galt auch in schwierigen Zeiten als angenehmer Chef, der auch Spaß verstand. Doch mit seinem Tod am 30. März 1954 endete die familiäre Geschäftsführung. Eine Verordnung aus dem Jahr 1945 gestattete die entschädigungslose Enteignung im Mai 1954. Jetzt wurde die Apotheke nach dem als Entdecker des Morphins bekannten Apotheker Friedrich Wilhelm Sertürner (1783 – 1841) zur „Sertürner-Apotheke“ umbenannt. Ihr kam der gute Ruf von einst auch unter staatlicher Leitung zugute. Bis zu seinem Tod 1967 hatte Kreisapotheker Gerhard Schulze die Leitung inne. Ihm folgte bis 1971 Frau Schatz und schließlich bis 1990 Irmtraud Schaal.

In der DDR enteignet

Trotz der veränderten Verhältnisse blieb die Bahnhofstraße in dieser Zeit immer noch eine belebte Verbindung zwischen Meißen rechts und links. Hier fuhren Stadt- und Überlandbusse, während aus dem „Kaisergarten“ das Kulturhaus „Max Dietel“ des VEB Plattenwerk, aus der Konditorei-Weinstube eine Konsum-Verkaufsstelle und dem Ärztehaus in der „Plättglocke“ eine Außenstelle der Kreispoliklinik geworden waren.

Es war Sinn für Familientradition, der Pharmazierat Claus Rinck, 1937 als drittes Kind Maximilian Rincks geboren, das einstige Familieneigentum 1991 von der Treuhand zurückkaufen ließ. Die Apotheke wurde wieder zur „Rinckschen Apotheke“. Der vorherige Kreisapotheker von Dippoldiswalde nahm damit aber zugleich die Lasten der Modernisierung, die zu den Gegebenheiten des Standorts nicht mehr im rechten Verhältnis standen. Parkplätze vor der Tür fehlten, die Bahn wurde immer seltener genutzt – die Bahnhofstraße verödete mehr und mehr. Hinzu kamen der Leerstand der „Plättglocke“ seit 1996 und der Abriss des Kulturhauses „Max Dietel“. Des Apothekers Ehefrau Sigrun Rinck bemühte sich als CDU-Stadträtin und als Vorsitzende der Interessengemeinschaft Meißen rechts um gewerbliche Impulse. Die Designerin eröffnete auch ein eigenes Geschäft neben der Apotheke. Doch der plötzliche Tod ihres Mannes im Januar 2000 machte alle Bemühungen zunichte. 2002 wurde die Apotheke verkauft. Die junge Apothekerin Susanne Urban, seit 2002 verheiratete Silbermann übernahm das Geschäft unmittelbar nach Abschluss ihres Studiums. Doch auch sie konnte das Schicksal der Apotheke nicht wenden. 2002 richtete das Hochwasser Schaden an, die Straßenfront verödete nach Schließung des Bürogeschäfts im Jahr 2006 gänzlich. Sinn für Tradition konnte die traditionsreiche Apotheke nicht retten.

Mit Informationen von Armin Zabe, Annegret Göschel, Manfred Knobloch, Marianne Münch, Sigrun Rinck und Axel Silbermann

Foto 1: Die Rinck’sche Apotheke war eines der letzten offenen Geschäfte in der Meißner Bahnhofstraße (2009) Archiv Gerhard Steinecke

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