24. April 2024 23:50

Erstes Geschäft war am Neumarkt

Zeugen der Stadtgeschichte: Die Konditorei Schreiber

Noch erinnert eine Brezel am Haus Neumarkt 6 in Meißen daran, dass sich dort einst eine Bäckerei befand. Als letzter Meister war hier Bäcker Geckert bis in die 1950er Jahre ansässig. Während jedoch an ihn keine Nachkommenschaft erinnert, ist der erste Bäckermeister des Hauses zum Begründer eines Meißner Familienbetriebes geworden, der dieser Tage sein 140. Geschäftsjubiläum feiert: die Konditorei Schreiber.

Begründer stammte aus einem Bauerngeschlecht

Es war Moritz Schreiber, der in dem um 1830 erbauten Haus eine Bäckerei eröffnete. Am 4. Oktober 1867 war ihm mit dem Bürgerrecht die Gewerbegenehmigung erteilt worden. Am 25. Oktober 1867 hatte er das Grundstück für 3.650 Taler von dem Bäckergesellen Köhler erworben. Der 1843 in Plotitz bei Riesa geborene Schreiber entstammte einem alten sächsischen Bauerngeschlecht, das sich seit um 1450 in Zschepa bei Strehla nachweisen lässt. Auch der jüngere Bruder Robert entschied sich für das Bäckerhandwerk und betrieb von 1874 bis 1898 im Meißner Hohlweg 7 eine Bäckerei.

Zu jener Zeit setzte in Meißen ein industrieller Aufschwung ein, mit dem sich die Einwohnerzahl zwischen 1867 und 1900 nahezu verdoppelte. Das war natürlich für das Bäckerhandwerk von Vorteil. Moritz Schreiber verstand es, ihn am Neumarkt äußerst günstig zu nutzen, befanden sich doch unmittelbar neben seinem Geschäft die Teichertsche Ofenfabrik (gegr. 1863) und gegenüber die Nähmaschinenfabrik Biesolt & Locke (gegr. 1869) sowie die Neumarktschule (eröffnet 1878).

Schon bald stand ihm auch mit Pauline Schöne aus Kühren, die 1869 heiratete, eine Partnerin zur Seite, so dass sich ein tüchtiges Familienunternehmen entwickeln konnte. An Konkurrenz fehlte es nicht: Nur vier Häuser weiter, Neumarkt 10, betrieb von 1877 bis 1889 ein fremder Namensvetter eine Bäckerei mit Weinschank. So muss von Anfang an das fachliche Können eine wesentliche Rolle gespielt haben. Moritz Schreiber als Zuckerbäcker verbesserte seines ständig, wie sein Rezeptbuch von 1898 deutlich macht. Nach dem dort aufgeführten Gebäck fallen in jene Zeit bereits die Anfänge des Konditoreibetriebes. Auch der 1879 geborene Sohn Emil arbeitete nach seiner Lehre im väterlichen Geschäft im Konditoreihandwerk.

Wie sehr sich der Gewerbefleiß lohnte, wurde deutlich, als sich Moritz Schreiber 1898 vorzeitig in den Ruhestand begeben konnte. Das Bäckereigrundstück verkaufte er an den Bäckermeister Sebald Kraut und erwarb in Cölln das Grundstück Lutherplatz 5. Als Privatier pflegte er seine Freizeitinteressen im Schützenverein und bei der Jagd. Gut möglich, dass er seinem Sohn beste Startbedingungen schuf. Der eignete sich jedenfalls 1901/02 in einer der erstklassigsten Konditoreien Dresdens, beim Hoflieferanten Limberg in der Prager Straße, „zur vollsten Zufriedenheit“ weitere Fachkenntnisse an. Emil Schreiber wählte mit Geschäftssinn die damals im Bau befindliche Kaiserstraße unweit des Meißner Hauptbahnhofs im Stadtteil Cölln, einem zu jener Zeit bürgerlichen Wohnbezirk, für einen Konditoreibetrieb aus. Am 1. Februar 1905 konnte er hier in der Nr. 13 die Eröffnung einer „Weiß- und Brotbäckerei nebst Konditorei“ dem „hochgeehrten Publikum von Meißen und Umgegend“ anzeigen.

Das Galgengut in noch bewohntem Zustand
Ein Bäckerzeichen am Haus Neumarkt 6, Foto: T. Grau

So günstig die Lage, so sehr entschied weiter das Können: Auch hier galt es, sich gegen Konkurrenz durchzusetzen. Unweit der Kaiserstraße, gegenüber vom Bahnhof in der Großenhainer Straße 7, gab es bereits um 1890 ein „Café Schreiber“. Das wurde im Volksmund „Sparbüchse“ genannt und war sehr beliebt. Betreiber Horst Schreiber war jedoch mit Emil Schreiber nicht verwandt. Doch Emil Schreiber heiratete 1906 die Brauereibesitzers-Tochter Meta und brachte sein Geschäft zur Blüte. Die Ausschankgenehmigung für Kaffee, Kakao und Schokolade im Jahr 1906 machte die Einrichtung eines Cafés in den drei Erdgeschossräumen möglich. Jenes „Kaiser-Café“ wurde rasch zu einem Begriff für delikates Angebot, zu dem neben Torten und Pückler-Eis als Spezialitäten Dresdner Eierschecke sowie „Cassler- und Prasselkuchen“ gehörten. Auch Dresdner Christstollen zählte zu den Besonderheiten, dessen Original-Herstellung Emil Schreiber in Dresden erlernt hatte.

In den 37 Handwerksjahren musste Emil Schreiber allerdings auch Schwierigkeiten meistern. Im1. Weltkrieg wurde das Geschäft offenbar geschlossen. Darauf lässt die Mitteilung einer Wiedereröffnung im Meißner Tageblatt vom März 1918 schließen. Danach erforderten Inflation und Weltwirtschaftskrise geschäftliche Flexibilität. Allmählich wurde der Backwarenbetrieb zugunsten der Konditorei eingestellt. Anfang der 20er Jahre wurden Weinstuben eingerichtet.

Der Ruhestand blieb Emil Schreiber im Unterschied zu seinem Vater, der 1923 im Alter von 97 Jahren verstarb, jedoch nicht vergönnt: 57-jährig ereilte ihn 1936 der Tod. Von da an war die Geschäftstüchtigkeit von Ehefrau Meta gefordert, Sohn Johannes übernahm das Handwerk. Der hatte nach seiner Ausbildung 1922-1925 in der renommierten Dresdner Konditorei Kuchelmeister auf der Pillnitzer Straße als Geselle in Leipzig, Berchtesgaden, Köln, Aachen, Krefeld und Hamburg gearbeitet. Seine Konditor-Meisterprüfung schloss er 1932 in Hamburg als Bester ab. Kein Wunder, dass da ab den 30er Jahren in der Konditorei Schreiber auch der „König der Kuchen“, der Baumkuchen, angeboten wurde. Das Konditorei-Café blieb als Treffpunkt beliebt. Johannes Schreiber erhielt noch im August 1942 die Erlaubnis zum „Ausschank von Wein, Bier, Branntwein und öffentlichen Tanz auf der im Vereinszimmer errichteten Tanzdiele“. Hier waren auch die in Meißen-Zaschendorf garnisonierten Wehrmachts-Dolmetscher oft zu Gast. Am 10. September des Kriegsjahrs 1942 übernahm der 35-jährige Johannes Schreiber den väterlichen Betrieb.

Café war als Treffpunkt beliebt

Als das Kriegsende neue Hoffnungen weckte, traf es aber Johannes Schreiber besonders hart. Am 13. Mai 1945 wurde er zum KPD-Büro Dresdner Straße 15 bestellt und dort in Bäckerkleidung verhaftet. Obwohl er nie NSDAP-Mitglied, sondern lediglich als Verteiler der Lebensmittelmarken eingesetzt war, musste er dreieinhalb Jahre im sowjetischen Lager Sachsenhausen verbringen. Seine Handwerksfertigkeit erleichterte ihm das Überleben, unter anderem als Backstubenleiter. Nur mühsam konnte indes das Gewerbe von seiner Frau Alice und Mutter Meta Schreiber aufrechterhalten werden.

Erst nach der Rückkehr von Johannes Schreiber 1948 gelang es, unter Verzicht auf Backwaren den Konditoreibetrieb wieder in Gang zu bringen und zu einem der bekanntesten im sächsischen Raum zu entwickeln. Doch es gab auch viele Schwierigkeiten. Einerseits „ideologischen Anfechtungen“. In der „Sächsischen Zeitung“ vom 17. Mai 1951 beschwerte sich zum Beispiel ein Maschinenschlosser Naumann klassenkämpferisch über die verbliebene Fassadenbezeichnung „Kaiser-Cafe“. Am übernächsten Tag erschien ein Inserat des „Konditorei-Kaffees Schreiber“.

Erschwerend wirkte sich für alle Handwerker die einengende Wirtschaftspolitik der SED aus. Johannes Schreiber meisterte aber nicht nur diese Probleme. Er widmete sich auch intensiv der Ausbildungs- und Prüfertätigkeit. So gehörte er seit 1950 dem Meister-Prüfungsausschuss in Dresden an, betreute er Meisterkandidaten in seinem Betrieb und bildete rund 40 Lehrlinge aus.

Peter Schreiber übernahm den väterlichen Betrieb am 1972 in vierter Generation im Alter von 29 Jahren. Damals stand die Zukunft des Handwerks in der DDR für viele Gewerbetreibende in Frage. Ungewöhnlich lange war die Wartezeit bis zur Erteilung der Gewerbeerlaubnis. Aber auch danach bedurfte es Könnens und Findigkeit, um das Niveau halten und verbessern zu können. Peter Schreiber hatte in der Dresdner Konditorei Müller auf der Kesselsdorfer Straße gelernt und seit 1961 im väterlichen Betrieb gearbeitet. Fortgeführt wurde die Lehrlingsausbildung. Bei Peter Schreiber absolvierten rund 50 Konditoren-Anwärter die Lehre. Das Geschäft blieb eine Meißner Institution: vor allem in Sachen Baumkuchen und Dresdner Christstollen. Manches Lob kam sogar von weiter Ferne, so von einer Russin aus Norilsk hinter dem Polarkreis oder aus Westdeutschland vom Geschäftsführer der Gastspiel und Unterhaltung GmbH Peter Orloff/Tauberbischofsheim. Allerdings: Zutaten zu organisieren, war nicht einfach und konnte so zu originellen Situationen führen. 1987 traf auf das Inserat „Kaufe jeden Posten Erdbeeren!“ aus der BRD ein Angebot zum Selbstpflücken ein.

Hing die handwerkliche Existenz in DDR-Zeiten von Parteipolitik und Planwirtschaft ab, so stellte der Einstieg in die Marktwirtschaft neue Anforderungen. 1991 wurden Laden und Café modernisiert, die Lehrlings- und Meister-Ausbildungsstätte neu eingerichtet und 1992 auch der Produktionsbereich erneuert. Das Angebot wuchs: Zum traditionellen Schreiber-Baumkuchen und Christstollen kamen unter anderem zwölf Sorten selbst gefertigter Pralinen.

Johannes Schreiber wurde 1980 zum Ehrenmeister ernannt. Ihm blieben einige Jahre, diesen Um- und Aufschwung seines Familienbetriebes mitzuerleben. Noch bevor er 1995 starb, zeichnete sich mit dem Kauf des Grundstücks Elbstraße 31 eine Rückkehr in das linkselbische Meißen ab. 2006 wurde dort eine Filiale eröffnet. Inzwischen ist die fünfte Generation dabei, die Schreibersche Familientradition weiterzuführen. Meister Uwe Schreiber übernahm 2005 den Familienbetrieb.

Foto 1: An der Kaiserstraße gründete Familie Schreiber das „Kaiser-Café“. Foto: Repro.

Der Artikel erschien am 25.10.2007 in der Druckausgabe des Meißner Tageblattes.

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