30. Mai 2024 18:09

Karl Richard Hirschberg: Im Dienste Meißens

Persönlichkeiten der Stadtgeschichte: Karl Richard Hirschberg

Am 12. Mai 2007 wurde am Hirschberghaus in der Meißner Hirschbergstraße 2, heute Sitz der Christlichen Sozialstation, eine Gedenktafel für den einstigen Meißner Bürgermeister Hirschberg eingeweiht. Damit erhält Meißen endlich ein Achtungszeichen für einen Mann, dem die Stadt bis heute den Erhalt ihrer berühmten Silhouette als auch ihrer Bedeutung zu verdanken hat. Ein Bild von seiner Person hat zwar der Fürstenschullehrer Professor Dr. Theodor Flathe bereits 1891 in den Mitteilungen des Meißner Geschichtsvereins gezeichnet. Aus heutiger Sicht ist jedoch eine profiliertere Betrachtung möglich.

In seiner Kindheit kannte er Armut

Eine grundlegende Befähigung für das Amt des Bürgermeisters hatte Karl Richard Hirschberg durch seine schlichte Wesensart. Die machte es ihm leicht, die gemeinnützigen Aufgaben nicht mit persönlichen Ansprüchen zu vermischen. Dafür war ihm eine entbehrungsreiche Kindheit und Jugend eine harte Lebensschule gewesen. Die Verhältnisse im Elternhaus gestatteten keine großen Ansprüche. Als er am 11. November 1820 im Leipziger Gasthof „Zur Dürren Henne“ am Königsplatz (jetzt Wilhelm-Leuschner-Platz) das Licht der Welt erblickte, verdiente dort sein Vater als Lohnkutscher einen sicher nur dürftigen Lohn. Sein früher Tod 1823 überließ dann der Mutter alle Last des Lebensunterhalts. Armut gehörte in der Familie zum Alltag. Nur so konnte es ihm selbstverständlich sein, mit dem Amtsantritt in Meißen im März 1859 keine Vorzugswohnung in einem der städtischen Bürgerhäuser zu beziehen. Er begnügte sich bis 1875 mit einer Wohnung im Pressgebäude auf dem städtischen Ratsweinberg jenseits der Elbe, jetzt Ratsweinberg 1. Am Ende seines Lebens legte er schließlich fest, dass auf ein feierliches Begräbnis und auf die Aufzählung seiner Auszeichnungen im Nachruf zu verzichten sei.

Die frühen Jahre hatten ihm auch das für die Amtsführung wichtige Durchstehvermögen gelehrt. Er hatte Tatkraft und klare Zielstellungen. Davon legen die vielen Neuerungen Zeugnis ab, mit denen er Meißen aus der Handwerksbetriebsamkeit in das technische Zeitalter führte. Zu bemerken ist seine Rastlosigkeit – trotz Überarbeitungserscheinungen, die ihn 1875 in einen längeren Urlaub zwangen. Selbst nachdem ihn bedenkliche Zustände 1883 bewogen hatten, seinen letzten Willen festzulegen, sah er nach einer Besserung von dem mit 65 Jahren beabsichtigten Ruhestand ab. Seiner Ehefrau erklärte er: „Hältst Du mich im Ernst für so undankbar gegen Gott und die Stadt, dass ich jetzt, wo ich mich wieder ganz wohl fühle, aufhören sollte zu arbeiten?“ Der Tod ereilte ihn am Mittwochabend, dem 31. März 1886, in seinem Arbeitszimmer, als er im Begriff war, einen Brief abzufassen.

Protest gegen die Besetzung der Stadt durch Soldaten

Zum Durchstehvermögen gehörte aber auch ein Maß an persönlichem Verantwortungs- und Pflichtgefühl für die übernommenen Aufgaben. Dem bemühte sich Hirschberg in allen Lebenslagen zu entsprechen. Besonders eindrucksvoll handelte er nach der Besetzung Meißens durch preußische Truppen 1866: Er protestierte vor dem Generalmajor von Schöler gegen die Kontributionsforderungen, forderte eine strenge Achtung der Bürgerschaft, verweigerte dem preußischen Stabsarzt die Herausgabe chirurgischer Instrumente aus dem Stadtkrankenhaus, bot für die nicht erfüllbaren Forderungen seine Gefangennahme an und weigerte sich schließlich, zusätzlich die Aufgaben eines Amtshauptmanns zu übernehmen.

„Hirschberg hatte zugleich die Gabe einer achtungsvollen Kollegialität und taktvollen Menschenführung.“

Durchstehvermögen und Verantwortungsgefühl wären jedoch für die erfolgreiche Amtseinführung nicht ausreichend gewesen. Hirschberg hatte zugleich die Gabe einer achtungsvollen Kollegialität und taktvollen Menschenführung. Biograph Flathe vermochte aus eigenem Erleben einzuschätzen, dass er nicht nur „seinen Kollegen ein freundlicher Berater, seinen Untergebenen ein humaner Vorgesetzter war, sondern auch die unbefangene, lautere Wahrhaftigkeit seines Wesens von jedem, der mit ihm in Berührung kam, unwillkürlich Achtung erzwang“. Es ist in diesem Zusammenhang bemerkenswert, dass es Hirschberg, dem umstürzlerische Ideen wesensfremd waren, keinerlei Probleme bereitete, mit seinem Amtsvorgänger Otto Tzschucke zusammen zu arbeiten. Jener war als Beteiligter der Revolution von 1848/49 zu fünf Jahren und drei Monaten Zuchthaus verurteilt worden, stand Hirschberg aber von 1865 bis 1874 als Stadtverordneter und zeitweilig sogar als Stadtverordnetenvorsteher nahe. Der Nachruf im „Meißner Tageblatt“ vom 21. März 1879, der ihn als „Vorkämpfer der deutschen Einheit“ ehrt, trägt zwar nicht Hirschbergs Unterschrift, erinnert aber sehr an dessen einstige Mitgliedszeit in der verbotenen, auf einen Einheitsstaat orientierten Burschenschaft.

Sozialethos und Sicherung von Existenzgrundlagen

Möglicherweise stimmte Karl Richard Hirschberg mit Otto Tzschucke sogar überein. Beide erfüllte ein Sozialethos, das ihre Amtsführung bestimmte. Hirschbergs Bemühungen um eine wirtschaftliche Entwicklung Meißens waren darauf ausgerichtet, Existenzgrundlagen zu sichern. Vor allem sein Engagement für die Ansiedlung der Jutespinnerei 1872 bot sozial bedrängten Frauen Arbeit. In diesem Sinne widmete sich Karl Richard Hirschberg auch der Auseinandersetzung mit der Sozialdemokratie, der er „Vernünftiges in der socialen Bewegung“ zugestand, jedoch den Masseneinfluss zu entziehen wünschte. In seiner 1871 verfassten Schrift „Die Lösung der socialen Frage“ legte er deshalb Lösungswege dar, die später unter Bismarck realisiert worden sind. Zugleich stand ihm seine Ehefrau Emma engagiert als Vorsitzende des Meißner Albertzweigvereins sowie Vorsteherin der Kinderbewahranstalt „Marienstift“ zur Seite. Sie war die Tochter des Wurzener Großindustriellen Krietzsch.

Erschließung des Triebischtales als Industriestandort

Selbstverständlich erforderte das Bürgermeister-Amt ein hohes Maß an Sachkenntnis. Karl Richard Hirschberg konnte hierfür gute Kenntnisse aus dem Leipziger Jurastudium (1841-1846) sowie aus der Tätigkeit beim Leipziger Kriminalamt (1847-1850) und als Bürgermeister von Wurzen (1850-1859) einbringen. Aus der Vielzahl der Aktivitäten ragen besonders seine Bemühungen um einen Eisenbahnanschluss sowie die Restaurierung der Albrechtsburg hervor. Dafür setzte er sich auch als Abgeordneter des Reichstags (1871-1873) und Landtags (ab 1866) ein, so am 15. Februar 1871 durch einen Antrag im Landtag auf Restaurierung der Albrechtsburg. Von richtungsweisender Bedeutung für die Stadtentwicklung war jedoch die Erschließung des Triebischtales als Industriestandort und Arbeiterwohngebiet. Dafür setzte er selbst 1875 mit der Errichtung seines Wohnhauses, dem Hirschberghaus, ein Zeichen. Schließlich bemühte er sich durch Bürgernähe um sachkundiges Verständnis, so im Turnverein, als Vorsitzender des Schulausschusses, der Landwirtschaftlichen Schule und des Geschichtsvereins, dessen Gründung er 1881 mit bewirkte. Karl Richard Hirschberg wurde vielfach geehrt, etwa mit der Umbenennung der Eisenbahnstraße 1891 in Hirschbergstraße und einer – inzwischen wieder verschwundenen – Büste im Stadtpark.

Bürgermeister war Vater von sechs Kindern

Von besonderer Nachhaltigkeit hat sich sein Familiensinn erwiesen. Hirschberg hatte sechs Kinder, davon vier Söhne, allesamt Fürstenschüler. Während die 1859 geborene Tochter noch als Baby verstarb und der 1862 geborene Sohn Karl Friedrich als Forstassessor 1897, machte Karl Rudolf, geboren als viertes Kind 1867, unter dem Namen „Hirschberg-Jura“ als Autor zahlreicher Romane auf die Hirschberg-Familie aufmerksam, darunter mit der amüsanten Fürstenschul-Erinnerung „Primanerliebe“ (1909). Beim ältesten Sohn Karl Richard, geboren 1860, Arzt in Zwickau, fand die Bürgermeisters-Witwe ihre Altersruhe. Sie wohnte zunächst noch bis 1895 im Hirschberghaus, später noch am Neumarkt 30. Emma Hirschberg fand nach ihrem Tod am 18. November 1918 neben Karl Richard auf dem Nikolaifriedhof die letzte Ruhe. Beider Grab ist bis heute erhalten geblieben.

Noch ein Blick auf die Nachkommen: Eine Enkelin des Zwickauer Arztes, die Studentin Sabine Hirschberg, Tochter des bekannten Leipziger Frauenarztes Hans Hirschberg, wählte 21-jährig am 15. Februar 1943 den Freitod: aus Verachtung gegenüber dem NS-Regime, wie es Günter Grass in „Ein weites Feld“ überliefert hat. Einem Urenkel, Volker Hirschberg aus Bietigheim-Bissingen bei Stuttgart, Enkel des jüngsten Bürgermeister-Sohnes Karl Otto, ist die Wirkungs- und Wohnstätte seines Urgroßvaters zur „zweiten Heimat“ geworden. Ihm und seiner Ehefrau ist die Gedenktafel zu verdanken, die am Hirschberghaus das Andenken an einen wichtigen Meißner Bürgermeister bewahrt.

Das Grab des Bürgermeisters Hirschberg ist bis heute erhalten geblieben.
Das Grab des Bürgermeisters ist bis heute erhalten geblieben. Foto: Gerhard Steinecke

Foto 1: Karl Richard Hirschberg (1820-1886) Foto: Archiv Meißner Tageblatt.

Der Artikel erschien am 10.05.2007 in der Druckausgabe des Meißner Tageblattes.

Inhalt

Schlagwörter für diesen Beitrag