25. Juli 2024 11:07

Ein Meißner Blick auf ein großes Jubiläum

Zeugen der Stadtgeschichte: Die Dampfschifffahrt auf der Elbe

Ein technischer Fortschritt, heute ein Anlass für ein großes Jubiläum – vor 175 Jahren aber manchem ein Dorn im Auge: Vor allem die Treidler oder „Bomätscher“ – die Schiffszieher – sahen angesichts der Dampfschiffe auf der Elbe die Tage ihres Berufsstands gezählt. Schon gegen den Einsatz von Zugtieren hatten sie sich einst heftig gewehrt. Auch die Flößer werden missmutig von den neuen Dampfschiffen Kenntnis genommen haben; ebenso die Schiffmüller, deren Mühlen weit im Fluss verankert waren und schon immer von den Elbeschiffern als störend empfunden wurden.

Bedenklich mag vor 175 Jahren auch den herkömmlichen Schiffern die Zukunft ihrer Zunft erschienen sein. Sie befuhren die Elbe mit Ruder und Segelkraft und sorgten beispielsweise sonntags und donnerstags mit einem Marktschiff für eine regelmäßige Verbindung zwischen Meißen und Dresden. Die aufwendige Umstellung auf den technischen Fortschritt konnten sie sich aber nicht leisten. Berechtigt waren die Zukunftsängste, doch der Übergang vollzog sich so allmählich, dass es Schiffszieher, Segler und Schiffsmühlen an der Elbe noch bis etwa 1870 gab. Die Flößerei wurde sogar noch bis um 1955 betrieben.

Transporte auf der Elbe mit Segel und Staken

Das diesjährige 175. Jubiläum bezieht sich auf den 8. Juli 1836: Das sächsische Innenministerium erteilte damals der Elbe-Dampfschifffahrt seine Zustimmung. Doch eigentlich gab es Dampfschiffe auf der Elbe schon ein Jahr davor. Am 19. Februar 1835 hatte das erste Dampfschiff als Rohzuckertransporter des Dresdner Unternehmers Calberla mit einem Schleppkahn von Hamburg kommend Meißen in Richtung Dresden passiert. Dieses Schiff war allerdings noch mit Segel besetzt und mehrmals zum Selbstschub mittels Staken gezwungen. Doch die neue Art der Flussschifffahrt war eine günstigere Transportmöglichkeit. Sie empfahl auch Meißen als Standort für Unternehmen. So entwickelte sich die 1834 in der Stadt eingerichtete Niederlassung der Hamburger Zuckersiederei Langelütje zum Firmensitz.

Dagegen sollen die ersten Ausflüge per Dampfschiff durchaus kein reines Vergnügen gewesen sein. Die „Jungfernfahrt“ der „Königin Maria“ von Dresden nach Meißen am Sonntag, dem 30. Juli 1837, verlief für die 80 eingeladenen Passagiere ohne Landgang. Niedrigwasser führte 1838/39 mehrfach zu Stockungen, so dass die Passagiere den Ausflug zu Fuß beschließen mussten.

Weniger Tiefgang mit leichteren Schiffen

Erst als die Schiffe auf leichtere Maschinen und Kessel umgerüstet wurden, was den Tiefgang minderte, wurden Elbfahrten zu einem unbeschwerlichen Ausflugsvergnügen. In Meißen stand dazu ab 1850 unterhalb des Martinsberges ein ordnungsgemäßer Anlegeplatz zur Verfügung. Dort wurde am 27. Juni 1852 auch die Taufe eines 32-PS-Dampfers auf den Namen „Stadt Meißen“ vollzogen. Das Schiff blieb allerdings nur bis 1856 in Betrieb.

Die Eisenbahn hatte seit der Eröffnung der ersten deutschen Fernlinie 1839 zwischen Dresden und Leipzig die Mobilität deutlich erhöht. Dennoch blieben auch Dampfschifffahrten weiter eine beliebte Variante des Reisens. Karl Meißner erklärte dies 1853 in seinem „Führer für Reisende“, der in der Meißner Buchhandlung von Goedsche unter dem Titel „Die Dampfschifffahrt von Dresden nach Meißen und Riesa“ erschien, sehr einleuchtend.

„Als die Leipzig-Dresdner Eisenbahn ihre Wege entfernt vom Elbthal aufgesucht hatte, konnte die Neuheit der Dampfwagen die Reisenden dem Elbthal entfremden. Die Dampfschifffahrt hat die Schönheit der Natur in vollem Maße wieder in ihre Rechte eingesetzt. Tausende lassen sich auf den Rücken der Schiffe dem Elbstrome anvertrauen, der sie leicht und gefällig an grünenden Wiesen, lachenden Gefilden und anmuthigen Bergen vorüber zu der Stadt Meißen trägt.“

 

Reger Ausflugsverkehr auf der Elbe

So erfreute sich Meißen bereits vor dem Eisenbahnanschluss 1860 nach Dresden eines regen Elbdampfer-Ausflugverkehrs. 1858 legten beispielsweise jeweils um 8.00, 14.30 und 16.00 Uhr in Dresden Schiffe nach Meißen ab. Um 6.30, 10.45 sowie 16.00 Uhr fuhren Schiffe von Meißen nach Dresden. Um 9.30 und 16.00 Uhr wurde vom Meißner Elbkai nach Riesa abgelegt, von wo wiederum um 8.00 und um 13.00 Uhr Schiffe nach Meißen in „die Elbe stachen“.

Selbst als Meißen 1868 auch eine Bahnverbindung nach Leipzig bekam, blieb die Dampfschifffahrt auf der Elbe gefragt. Sie war sogar der Bahn überlegen, als die Züge 1886 im Schnee stecken blieben und der damalige Dampfer „Meißen“ am 23. Dezember die Beförderung der Weihnachtspost von Dresden bis Riesa übernehmen musste. Er ging somit als erster „Reichspostdampfer“ in die deutsche Postgeschichte ein.

Bild 2: So warb man 1901 für die Dampfschifffahrten. Foto: Archiv Meißner Tagbelatt

Festliche Empfänge für berühmte Besucher

Zudem boten die Dampferverbindungen auch die Möglichkeit zum „großen Bahnhof“ – festliche Empfänge für bedeutende Persönlichkeiten. Zum Beispiel am 3. Juli 1862: Drei Dampfer brachten an diesem Tag rund 1.500 Dresdner Künstler zu einem Huldigungsfest im Park von Siebeneichen. Es war Professor Julius Schnorr von Carolsfeld anlässlich der Vollendung seiner Bilderbibel gewidmet. Vom Landungsplatz am Siebeneichener Forsthaus begrüßten Kanonendonner und ein dreimaliges Hoch die mit Wimpeln und Flaggen geschmückten Schiffe. Von den Dampfern wurde mit Musik und Hochrufen geantwortet.

Am 25. Juni 1871 legte unter Böllerschüssen und Musikbegleitung ein Extradampfer mit Dresdner Kaufleuten und Turnern in Meißen an. Die Dresdner Kunstgenossenschaft beging in der Stadt festlich den 500. Geburtstag Albrecht Dürers. Eine einmalige Präsenz von Vertretern der Weltliteratur erlebte Meißen beim internationalen Literatur-Kongress, der hier vom 20. bis 22. September 1895 durchgeführt wurde. Viele Tagungsteilnehmer reisten dazu mit dem Schiff an und wurden am Meißner Dampfschifflandeplatz in Höhe der Poststraße festlich empfangen.

Dass auch Politiker die Beschaulichkeit einer Elbdampfer-Fahrt nach Meißen zu schätzen wussten, bewies der erste deutsche Reichspräsident Friedrich Ebert: Er reiste am 1. September 1919 mit dem Oberdeckdampfer „Loschwitz“ von Pillnitz aus an. Lang war die Liste seiner Begleiter. Sie reichte vom SPD-Genossen Reichswehrminister Gustav Noske über sämtliche sächsische Minister, zahlreiche Ministerialdirektoren, Abordnungen sämtlicher Fraktionen, Mitgliedern der Dresdner Vertretungen mit Bürgermeister und Vizevorsteher, den Dresdner Stadtkommandanten und anderen hohen Offizieren bis zu Vertretern der Dresdner Presse. Nachdem schon während der Fahrt die Bedeutung und Schönheit der Landschaft des Elbtals gewürdigt worden waren, wurde die hohe Herrschaft in Meißen an der Landungsbrücke – jetzt in Höhe der Obergasse – von Vertretern der Stadt, des Stadtverordneten-Kollegiums, des Rates, der Amtshauptmannschaft und von Parteifreunden begrüßt.

Havarien blieben nicht aus

Doch nicht nur freudige Ereignisse begleiteten die Geschichte der Dampfschifffahrt auf der Elbe. Hoch- und Niedrigwasser sorgten ständig für Unterbrechungen, auch Havarien blieben nicht aus. Der Schleppdampfer „Friedrich II. Herzog von Anhalt“ begann in der Nacht vom 29. zum 30. September 1913 mit der schlafenden Besatzung an Bord am Ankerplatz vor Neudörfchen zu versinken. Er konnte jedoch vor dem Untergang bewahrt werden. In jüngster Zeit machte beispielsweise im Juli 2009 ein auf Höhe der „Knorre“ auf Grund gelaufenes tschechisches Schubschiff Schlagzeilen.

Besonderen Bestimmungen und Gefahren war die Elbschifffahrt während des 2. Weltkriegs ausgesetzt. Dazu zählte beispielsweise das Verbot der Nutzung von Elbschiffen durch Juden vom 5. Juli 1941. Die Schiffe wurden als Lazarettschiffe oder zur Versorgung der Wehrmacht genutzt. Mit einem grünen Tarnanstrich versehen, kamen fünf Dampfer der bisher „Weißen Flotte“ im Jahr 1943 bei der Evakuierung von Hamburger Bombenopfern zum Einsatz. 1945 folgte dann die Bergung der Luftkriegsopfer aus dem brennenden Dresden nach Meißen. Oft konnten die Geborgenen nur als Sterbende oder Tote von den Elbdampfern gebracht werden. Schließlich trafen auch Tieffliegerangriffe die Elbschiffe. Am 3. April 1945 fiel der Schiffshaupter Arthur Sickert aus Karpfenschänke auf seinem Kahn bei Mühlberg einem solchen Angriff zum Opfer. Am 19. April wurde der Schleppdampfer „Württemberg“ nahe Zehren getroffen.

Angesichts der Verwüstungen ist es erstaunlich, dass bereits einen Monat nach Kriegsende – am 7. Juni 1945 – der Personendampfer-Verkehr von Meißen aus wieder aufgenommen werden konnte. Die Schiffe fuhren nach Fahrplan nach Riesa und nach Dresden. Anfangs wurden die Verbindungen oft für „Hamsterfahrten“ genutzt. Doch bald kam auch wieder das Vergnügen zu seinem Recht. So lud etwa die Kapelle May anlässlich ihres 50-jährigen Bestehens am Sonntag, dem 19. September 1948, zur Fahrt mit einem Konzert-Sonderdampfer in die Sächsische Schweiz ein. Was zunächst noch ungewöhnlich war, wurde wieder zur Selbstverständlichkeit.

Modernisierung der Flotte

Die Elbe-Dampfschifffahrt war ein Spiegel der Zeiten. Neue Reisemöglichkeiten – etwa nach Tschechien – kamen dazu. Es gab aber auch Einschränkungen: Die Anlegestelle Spaar fiel weg, die Fahrten nach Riesa wurden gestrichen. Zuletzt fielen sogar beliebte Schiffe teils der Verschrottung anheim, während andere zunehmend unter Alterserscheinungen litten.

Das Ende der DDR war für die Elbe-Schifffahrt ein neuer Anfang. Er war gekennzeichnet durch die Modernisierung der Dampferflotte. Die Schiffe – unter ihnen die „Meißen“ – passierten 1992/93 die Domstadt auf ihrem Weg zur Genthiner Werft noch altersschwach, bei ihrer Rückkehr jedoch deutlich verjüngt. Zugleich bekam Meißen als Liegeplatz von Kreuzfahrtschiffen neue Bedeutung.

1994 verstieg sich sogar das Meißner Europazentrum in den Erwerb eines Schaufelraddampfers. Wenn dieser Traum auch schob bald wieder wie Elbewasser zerfloss, ist die Elbe bei Meißen heute immer noch für ihre Ausflugsmöglichkeiten per Dampfer berühmt. Zwar fahren in diesen Tagen auch Motorschiffe auf diesem Flussabschnitt. Auch Schnellboote sollen neuerdings Konkurrenz machen. Doch der Versuch einer solchen Neuerung ging schon einmal folgenlos vorüber: Wasserflugzeuge sausten 1925/26 auf der Elbe zwischen Dresden und Hamburg dahin. Sie machten jedoch das Rennen nicht. Die Elbedampfschifffahrt ist wohl eben deshalb so alt geworden und beliebt geblieben, weil sie die Ruhe liebt.

Bild 3: Schon vor über hundert Jahren waren Ausflüge per Elbdampfer nach Meißen beliebt. Foto: Archiv Meißner Tagbelatt

Gerhard Steinecke

Der Artikel erschien am 14.07.2011 in der Druckausgabe des Meißner Tageblatts.

Titelbild: Der Schaufelraddampfer „John Penn“ in Meißen um 1901. Foto: Deutsche Fotothek / Brück und Sohn, nachkoloriert

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