30. Mai 2024 18:22

Ein Bild von Meißen als Hoffnungszeichen

Vor gut 100 Jahren hielt Johannes Arthur Kirstein eine besondere Stadtansicht auf einem Gemälde fest

Etliche Jahre meines Lebens begleitet mich ein Ölgemälde von Johannes Arthur Kirstein. Es ist eine Stadtansicht von Meißen, auf die ich gern schaue. Das Bild ist signiert mit dem Kürzel „JA.Kirstein“ und datiert mit der Jahreszahl 1918. Es zeigt von Proschwitz aus den Meißner Burgberg mit Albrechtsburg, Bischofsturm und Dom als ein gewaltiges Bauensemble voller Magie und Kraft: Es spiegelt sich hier in der Eisschollen führenden Elbe. Unterhalb des Burgbergs im Schattenreich erkennt man die Häuser der Hochuferstraße, den Kai, das spitze Dach der Jakobskapelle – der Freimaurerloge –, weiterhin das riesige Dach der Franziskanerklosterkirche – des Stadtmuseums – und schließlich Teile der alten Stadtbrücke mit ihren Bögen.

Wann genau der Maler an diesem Bild gearbeitet hat, wissen wir nicht. Die Datierung auf „1918“, damals war Kirstein 47 Jahre alt, stellt es aber in den Kontext des Endes des 1. Weltkriegs am 11. November jenes Jahres. Endlich war das Völkermorden beendet und Frieden konnte sich hoffnungsvoll entwickeln … so auch in Meißen!

Winter im Elbtal

Die eisige Kälte im Bild ist geradezu erlebbar. Schnee bedeckt die Dächer und Eisschollen schwimmen auf dem Fluss, der nicht zugefroren ist und somit Sinnbild eines „lebenden“ Flusses sein kann. Am Himmel entfaltet das Licht der aufgehenden Sonne in Gelb, Orange und Ocker eine friedliche und optimistische Morgenstimmung. Dadurch wird malerisch eine Hoffnungsvision vermittelt: Sie verspricht am erwachenden Tag Friedlichkeit. Sie wird durch die Spiegelung in der Elbe fortgesetzt – und dieser Fluss durchfließt ganz Deutschland.

Im Dezember des vergangenen Jahres wollte es der Zufall, dass ich an einem Morgen mit dem Auto nach Coswig fahren musste. In der Nähe der Bosel erlebte ich plötzlich vor 8 Uhr genau dieses morgendliche Licht- und Wolkenphänomen der aufgehenden Sonne, wie es der Maler Arthur Kirstein ein Jahrhundert zuvor in seinem Gemälde dargestellt hatte.

Künstlerische Wurzeln in der Familie

Was ist über diesen Künstler bekannt? Johannes Arthur Kirstein wurde am 4. April 1871 in Meißen geboren. Seine Eltern waren Karl Eduard Kirstein (1843 – 1925) und Ida Luise, geborene Günther. Beide stammten aus Meißen. Der Vater wurde seit 1880 im Meißener Adressbuch als Tapezierer, Anstreicher und Dekorationsmaler, wohnhaft Neugasse 432, verzeichnet. Arthur Kirstein wurde ab 1893 als Malereigehilfe, wohnhaft Albertstraße 21, benannt. Von 1900 bis 1921 benennen ihn weitere Einträge als Malermeister, wohnhaft Neugasse 59, und 1926/27 mit dem Vermerk „Farben- und Künstlerartikel“.

Am 9. Januar 1917 verheiratete sich Arthur Kirstein mit Ida Klara Meta, geborene Schauer. Den Eheleuten wurden zwei Töchter und ein Sohn geboren. Am 13. Januar 1929 verstarb Arthur Kirstein im Meißner Landkrankenhaus an einer chronischen Nierenentzündung.

Die Meißner Adressbücher beinhalten noch weitere Spuren zu Kirstein und seiner Familie. 1937 und 1939 wurde eine Frieda Gütersloh, vielleicht seine verheiratete Tochter, als Nachfolgerin der Firma Arthur Kirstein Farben und Lacke, Neugasse 59, benannt. Arthur Kirsteins Ehefrau wurde 1937 und 1939 als „verwitwete Meta Kirstein“, wohnhaft Neumarkt 31 bzw. Neugasse 31, im Adressbuch erwähnt und 1950 als Rentnerin und als Besitzerin des Hauses verzeichnet.

Vielleicht gehörte auch eine zwischen 1887 bis 1902 verzeichnete Pauline Marie Kirstein, die als Porzellanmalerin an der Königlichen Porzellan-Manufaktur tätig war, zur Verwandtschaft. Möglicherweise hatte der spätere Künstler durch diese Frau die „Kunstmalerei“ kennengelernt und als Laie gepflegt?

Wie besondere Lichtstimmungen genutzt werden, kann Arthur Kirstein auch auf Gemälden anderer Meißner Maler seiner Zeit gesehen haben. Zum Beispiel bei Arthur Barth (1878 – 1926), Porzellanmaler an der Meißener Manufaktur und ausgebildet an der Kunstakademie Dresden. Er verwendete besonders in seinen Landschaftsmalereien auf Porzellan den Aspekt friedvollen, morgendlichen Lichtes vor allem durch dezente rötlich-gelb-violette Farbabstufungen des Himmels, sodass er die atmosphärische Stimmung des Elbtals künstlerisch eindrucksvoll vermittelte. Barths Stil wiederum lässt sich mit den Gestaltungsauffassungen der älteren Worpsweder Maler in Verbindung bringen. Als Meißner kannte Arthur Kirstein sicherlich die Arbeiten von Arthur Barth.

Vielleicht existieren noch weitere Bilder von Arthur Kirstein in Meißner Haushalten. Mit mehr Bildern könnte das Schaffen dieses Meißner Künstlers umfassender erfasst und bewertet werden. Für Hinweise danken der Autor sowie die Mitarbeiter von Stadtarchiv und Stadtmuseum.

Titelbild: Stadtansicht von Meißen im Winter, 1918. Ölgemälde: Johannes Arthur Kirstein

Inhalt

Schlagwörter für diesen Beitrag