Beim Meissener Porzellan kam Rot vor Weiß

Eine Büste Johann Friedrich Böttgers (1682 - 1719) in rotem "Böttgersteinzeug" Foto: Grau

In der Schauhalle der Porzellan-Manufaktur Meissen wird eine neue Sonderausstellung gezeigt. Sie erinnert an Johann Friedrich Böttger und die Erfindung des Böttgersteinzeugs.

Diese Debatte soll nicht wieder eröffnet werden: „Es ist klar: Johann Friedrich Böttger hat das rote Steinzeug und das Porzellan nicht allein erfunden“, sagt Anja Hell, die Geschäftsführerin der „Meissen Porzellan-Stiftung“. Die Legende, dass der kurfürstliche Befehl „Schaff Gold, Böttger!“ schließlich als reines Zufallsprodukt Europas erstes Porzellan hervorbrachte, lässt sich nicht halten. Mit Böttger experimentierte ein ganzes Team um Ehrenfried Walther von Tschirnhaus und Pabst von Ohain Anfang des 18. Jahrhunderts mit wissenschaftlicher Akkuratesse an der Herstellung des „weißen Goldes“. Dennoch sei die neue Sonderausstellung in der Schauhalle der Porzellan-Manufaktur eine Würdigung für den vor 300 Jahren verstorbenen Johann Friedrich Böttger, so Anja Hell. Schon, weil sie den Namen des Alchemisten im Titel trägt: Sie heißt „Böttger und das rothe Porcellain“. Damit ist auch klar, dass es zudem um einen Stoff geht, dem Porzellanfreunde eher selten Aufmerksamkeit widmen. Das „Böttgersteinzeug“ ist seit 100 Jahren eine Marke der Meißner Manufaktur.

Für Porzellan-Expertin Anja Hell ist es nichts weniger als der direkte Vorläufer des europäischen Porzellans. „Es war sozusagen das Denkmodell, nach dem die Entwicklung des weißen Porzellans erst möglich wurde.“ Die Forscher um Böttger und Tschirnhaus hatten anno 1706 in der Meißner Albrechtsburg mit Tonerden experimentiert. Ende Mai des Jahres gelang ihnen ein erster Durchbruch: Nach dem Brennen der Masse hielten sie ein dichtes und wasserfestes rotes Material in den Händen, ähnlich hart und glatt wie Porzellan. Also mussten die Chinesen ihr Porzellan ganz ähnlich herstellen – aus Tonen, gemischt mit Quarzen und einem Flussmittel. Das Prinzip war erkannt. Jetzt galt es, noch die richtige Mischung für das gewünschte weiße Porzellan zu finden.

Das „rothe Porcellain“ wurde jedoch umgehend zum Erfolg. Seine Eigenschaften unterschieden es deutlich von der bislang bekannten Irdenware und dem eher glasartigen „Frittenporzellan“, wie es die Franzosen herstellten. Die Masse des roten Porzellans aus Meißen ließ sich bestens modellieren. Das fertige Produkt konnte sogar geschliffen, geschnitten und poliert werden. Die Künstler des Dresdner Hofs waren begeistert. Sogar der berühmte Balthasar Permoser arbeitete mit dem neu erfundenen Feinsteinzeug.

Die Sonderausstellung in der Schauhalle der Manufaktur geht diesen frühen Spuren nach. Gezeigt werden Scherben aus der Erfindungszeit: Auf experimentellem Wege fand man damals heraus, wie man die Farbe des Materials durch den Brennprozess beeinflussen konnte. Die ersten Gefäße waren einfach geformt. Nach und nach lernte man, das „rothe Porcellain“ zu beherrschen. Mit der Erfindung des europäischen weißen Porzellans einige Jahre später erlosch jedoch zunächst das Interesse an dem Werkstoff. Es sollte rund 200 Jahre dauern, bis es wieder erwachte.

Unter Manufaktur-Direktor Max Adolf Pfeiffer erlebte das rote Feinsteinzeug Anfang des 20. Jahrhunderts eine Renaissance. „Tatsächlich wurde damals eine neue Masse entwickelt“, erläutert Anja Hell. Die alten Rezepturen waren verloren gegangen. Das neue rote Porzellan hat mit dem aus dem 18. Jahrhundert nur wenig zu tun. Dennoch erhielt es 1919 den Markennamen „Böttgersteinzeug“, inspirierte Künstler wie Max Esser und Ernst Barlach zu stilprägenden Schöpfungen und hatte auch ganz praktischen Nutzen. Aus Böttgersteinzeug ließen sich Münzen herstellen. In der Inflation der frühen 1920er Jahre produzierte die Meißner Manufaktur Notgeld. Münzen aus Böttgersteinzeug wurden auch für andere Staaten hergestellt, in denen die klimatischen Bedingungen die Verwendung von Papiergeld schwierig machen.

Künstlerisch gestaltete Münzen und Medaillen sind noch heute eine Domäne des Böttgersteinzeugs. Darüber hinaus schätzen Künstler das Material aber auch für Skulpturen. „Es hat andere Eigenschaften und lässt sich anders verarbeiten als das weiße Porzellan“, sagt Anja Hell. Verschiedene Skulpturen aus den vergangenen 100 Jahren zeigen, wie Künstler das Böttgersteinzeug nutzten und nutzen. Insgesamt vereint die Schau rund 150 Objekte nicht nur aus dem Stiftungs-Depot. Leihgeber waren auch Privatleute und die Dresdner Porzellansammlung.

Die Ausstellung zum Böttgersteinzeug bleibt unterdessen nicht der einzige Beitrag, mit dem die Porzellan-Stiftung in diesem Jahr in der Manufaktur an Johann Friedrich Böttger erinnern will. In einem Raum der Schauhalle wird derzeit eine Multimedia-Präsentation eingerichtet. Ein Film zu Böttgers Leben soll dort gezeigt werden: „Das wird der Start für den Museumsrundgang“, sagt Anja Hell.

Das Leben des Alchemisten Johann Friedrich Böttger war auch schon Stoff für Bücher. Das Kinderbuch „Der Goldmacher“ von Autorin Charlotte Thomas mit Illustrationen von Hans Wiegandt kam 1970 erstmals heraus. In diesem Jahr wird es neu aufgelegt. Darüber hinaus entsteht derzeit eine weitere Publikation über Böttgers Leben: Mit ihr können Porzellan-Fachleute und interessierte Laien „Auf den Spuren Böttgers“ wandeln.

Die Ausstellung „Johann Friedrich Böttger und das rothe Porcellain“ ist bis Jahresende in der Schauhalle der Porzellan-Manufaktur Meissen zu sehen.