Heimkehrer Beckmann und die Verdränger

Zweiklassengesellschaft nach dem Krieg: Heimkehrer Beckmann (Felix Lydike, vorn) trifft auf die konsternierte Familie seines einstigen Oberst' (Julia Vincze, Marcus Staiger, Grian Duesberg, hinten v.l.) Foto: HL Böhme

Die Landesbühnen Sachsen zeigen eine neue Inszenierung von Wolfgang Borcherts "Draußen vor der Tür". Das Stück schildert, welche seelischen Verwüstungen ein Krieg hinterlässt.

Das Trauma hat den jungen Mann fast ausgelöscht. Ihm ist kaum mehr geblieben als quälende Erinnerungen und ein Name ohne Vorname. Beckmann kommt aus dem Krieg nach Hause und will nicht mehr.

Wolfgang Borcherts 1946/47 geschriebenes Drama „Draußen vor der Tür“ ist auch den Generationen der Deutschen bekannt, die nach dem Zweiten Weltkrieg geboren wurden. Als Schullektüre wurde es Teil des Literaturkanons. Aufführungen am Theater sind jedoch mittlerweile rar. Nun bieten die Landesbühnen Sachsen unter der Regie von Peter Kube eine neue Inszenierung. In der Hauptrolle des Beckmann ist der jüngste Schauspieler des Radebeuler Ensembles, Felix Lydike, zu sehen.

Und er gestaltet seinen Part eindrucksvoll: Im Gedächtnis bleibt Beckmanns junges, doch schon erloschen wirkendes Gesicht. Heimsuchung sind dem Heimkehrer seine Gedanken an die Kriegsereignisse in Russland. Aus seinem Trupp starben elf Soldaten. Es folgte Gefangenschaft in Sibirien. Nun bringt die Rückkehr keine Erleichterung: Die Heimatstadt ist verwüstet, der Sohn im Bombenhagel gestorben, die Ehefrau mit einem anderen Mann im Bett. Und was Beckmann quält, will keiner hören. Weitermachen, nicht zurückschauen: Das ist nach Kriegsende die Devise der Überlebenden.

Schon über die Verzweiflung hinaus ist jener Beckmann, dem Felix Lydike da Gestalt gibt. Des Lebens müde will er sich in der Elbe ertränken, doch der mütterlich-raue Fluss (Julia Vincze) treibt ihn zunächst zurück ins verhasst gewordene Leben. Es sind stets andere wie das Mädchen (Julia Vincze) oder der „Jasager“ (Grian Duesberg), die Beckmann vom Sterben abhalten. Auf sein ausdrucksloses Gesicht kehrt das Leben zurück, wenn der Heimkehrer mit den Geistern der Vergangenheit ringt.

Neben den Erinnerungen setzen Beckmann Rücksichtslosigkeit und Verdrängungskünste seiner Mitmenschen zu. Weder der Oberst (Marcus Staiger) noch der Kabarettdirektor (Grian Duesberg) oder die Bewohnerin von Beckmanns einstigem Elternhaus (Julia Vincze) wollen sich an ihre Verantwortung für den Krieg erinnern. Beckmann bleibt allein. Stark ist die Inszenierung vor allem in diesen Momenten des Aufeinandertreffens von „Verdrängern“ und „Erinnerer“. Für einen kurzen Moment droht zum Beispiel der Oberst die Contenance zu verlieren, als ihm Beckmann seine Rolle im Krieg ins Gedächtnis ruft.

Musik von Percussion und Marimbaphon (Stefan Köcher, alternierend mit Hendrik Gläßer) rhythmisiert die Inszenierung. Als Mitarbeiterin der Regie brachte Ute Raab choreografische Elemente in die Bewegungen der Schauspieler ein. Karikierung und Überzeichnung prägen die Szenen. Vielfach, nicht immer, geht dieser umfassende Ansatz auf: So ist zum Beispiel das musikalische Vorspiel überlang, wirkt manche Schilderung allzu grell, wo schon das Mienenspiel der Schauspieler eindrucksvoll genug ist.

Verdienstvoll ist die Inszenierung an den Landesbühnen dennoch. Nicht nur, weil sie Schülern ein mittlerweile über 70 Jahre altes Theaterstück lebendig macht. Sie lässt uns Nachgeborene darüber reflektieren, welche Verwüstungen der Zweite Weltkrieg hinterließ: nicht nur in Städten und Dörfern, sondern auch in Seele und Geist der Überlebenden.

Wieder am 18. Januar in Radebeul, am 30. Januar im Theater Meißen, am 1. und 2. Februar in der Klosterkirche Riesa