Ein neuer Ring im "sächsischen Bayreuth"

An der Chemnitzer Oper hatte die „Götterdämmerung“ Premiere. Sie schließt eine komplette Neuinszenierung von Richard Wagners Ring-Tetralogie ab.

Das Opernhaus Chemnitz verteidigt erfolgreich seinen Ruf, ein „sächsisches Bayreuth“ zu sein. Einige Jahre lang gab es hier im April „Richard-Wagner-Festtage“ mit mehreren Aufführungen. An der bislang letzten kompletten Inszenierung der Tetralogie „Der Ring des Nibelungen“ wurde von 1998 bis 2000 gearbeitet. Doch mit der Premiere von Richard Wagners „Götterdämmerung“ ist im Dezember nun schon wieder eine eigene Gesamtinszenierung dieses Riesenwerkes fertiggestellt worden. 2019 wird es dann drei komplette Aufführungszyklen geben: im Januar, zu Ostern und zu Pfingsten.

Abweichend von der üblichen Praxis wurden die einzelnen Teile diesmal von vier verschiedenen Regisseurinnen inszeniert. Das Publikum merkt die Absicht zunächst einmal nicht und hat darum auch keinen Anlass, verstimmt zu sein. Erst in der Schlussszene der „Götterdämmerung“ sind äußerliche Anhaltspunkte für jenen „typisch weiblichen Blick“ auf den Ring nicht mehr zu übersehen, über den die Chemnitzer Oper Erkenntnisse gewinnen wollte. Doch gerade im Finale braust die Musik besonders beherrschend über alles hinweg und die typischen Merkmale gehen im allgemeinen Getöse unter.

Bei der Premiere trat mitten im ausgiebigem Schlussapplaus das weibliche Inszenierungs-Trio den Sängern zur Seite. Indem sie schließlich die Statistin, die die Erda verkörperte, in ihre Mitte nahmen, unterstrichen sie die sonst eher unaufdringliche Programmatik ihrer Inszenierung.

Statt eines Weltbrands ereignet sich auf der Chemnitzer Bühne ein Wärmetod. Nicht Flammen züngeln. Es senkt sich sanfter Schnee herab. Brünnhilde sammelt die Frauen und weiblichen Naturwesen um sich. Mit langen weißen Haaren und bodenlangem Gewand tritt Erda auf, obgleich das ewige Weib am zweiten Tag des Bühnenfestspiels vom Wanderer bereits in ewigen Schlaf verabschiedet wurde.

Sie lässt Funken aus ihrem Feuerzeug springen. Neben ihr stehen die Nornen, die Rheintöchter und Waltraude. Sogar die tief verletzte Gutrune wird huldvoll in den Kreis aufgenommen. Brünnhild hatte ihr die Pistole gereicht, damit sie den finsteren Halbbruder Hagen erschieße. Dass dieser nun plötzlich wieder mit dröhnendem Bass „Zurück vom Ring!“ fordert, ist zumindest irritierend. Er bekommt bei Wagner das letzte Wort, bevor er in den steigenden Fluten ersäuft und die Rheintöchter als unschuldig spielende Naturkräfte den Ring wieder aufnehmen. Hier widerstreitet die gezeigte Version mit den Vorgaben.

Bis dahin aber hat die Inszenierung von Elisabeth Stöppler eine ganze Reihe ungezwungene und zutreffende Lösungen aufgeboten. Sie erlöst Siegfried vom oft dargestellten Habitus eines automatenhaften Trottels. Er darf ein unschuldiges, wenn auch verblendetes Kind bleiben, auch nach dem Trunk des Vergessens. Nur für eine kurze Weile sind ihm durch Brünnhildens Liebe die Schuppen von den Augen gefallen.

Auch sonst gelingen der Inszenierung beziehungsreiche Bilder. Da schleichen die Nornen des Vorspiels auf gefiederten Beinen und in weißen Hauben gleich monströsen Schleiereulen durch den weißen Dunst. Als Sklaven sind sie an das Seil gebunden, das alles Vergangene durchzieht, aber in keine Zukunft mehr führt. Wenn der Nebel sich legt, wird Brünnhildes Felsen sichtbar. Daniel Kirch als Siegfried und die Brünnhilde von Stephanie Müther sind ein sich gegenseitig gewachsenes Heldenpaar von vitaler Kraft. Die eigentlichen Sängerhelden des Abends sind Marius Boloş als Hagen und Anne Schuldt als Waltraude. Schuldt singt Waltraudes flehentliche Warnung der Brünnhilde mit berückendem Schmelz entgegen. Da bleibt keine Leerstelle. Sie füllt die dramatische Figur vollständig aus und ihre Stimme ist in den fahlen Tönen ebenso präsent wie in den stimmhaft perlenden.

Nun ist sie mit einem Auftritt freilich auch nicht derart gefordert wie die anderen, die entsprechend wirtschaftlich mit ihren Ausdrucksmöglichkeiten umgehen müssen. Sobald sich die Schwester unverrichteter Dinge entfernt hat, treffen Gunther und Siegfried in widerlich-gelben Skianzügen mit dunklen Schneebrillen auf dem Felsen ein. Siegfried agiert wie ferngesteuert und doch zeigt er sich von Brünnhildes Bestürzung seinerseits bestürzt. Ohne dass sie ihm eigentlich bewusst wird, lässt ihn doch die Last eigener Schuld schwanken.

Die Halle der Gibichungen ist eine holzgetäfelte Hotelbar. Ohne eine zweite Ebene in ihr Bühnenbild zu bauen, hat Annika Haller mit der Theke ein Podest geschaffen, von dem Hagen zuweilen herausfordernd herabsingt. Die darstellerischen Ausfälle stimmen immer gut mit dem musikalischen Verlauf überein. Brünnhilde bemächtigt sich des Speeres, auf den sie den Eid leisten soll, und treibt als eine gerechte Furie damit die Gibichungen in Scharen durch ihre eigene Halle. Es gibt dabei kein hyperaktives Gewimmel. Die Figuren sind immer in klaren Volumen gegliedert. So bleibt die Inszenierung dem Auge wie dem Ohr angenehm. Der neue Chemnitzer Generalmusikdirektor Guillermo García Calvo erweist sich bei dieser Herausforderung als ein würdiger Nachfolger Frank Beermanns am Pult der Robert-Schumann-Philharmonie.

Wieder am 22. Dezember und 26. Januar