Alle werden vom gleichen Zauber erfasst

In der Idylle schaukelt der Harlekin (Rafael Fingerlos) Zerbinetta (Daniela Fally) Foto: Semperoper/Ludwig Olah

In der Dresdner Oper steht eine neue Inszenierung von Richard Strauss' "Ariadne auf Naxos" auf dem Spielplan.

Eine neue Inszenierung von „Ariadne auf Naxos“ gelangt auf die Bühne der Semperoper Dresden. Nach dem spröden Anfang der dortigen Saison mit Arnold Schönbergs „Moses und Aron“ lässt Dirigent Christian Thielemann nun das romantische Tafelsilber der Dresdner Musiktradition im lichten Glanz aufscheinen. Mit viel Ironie und kaum weniger Ernst haben Hugo von Hofmannsthal und Richard Strauss in dieser „Oper in einem Aufzuge nebst einem Vorspiel“ die Kunst mit dem Leben und die Liebe mit dem Tod ausgesöhnt.

Da hat der reichste Mann Wiens eine Gesellschaft zum Aufführungsabend geladen. Der Haushofmeister (Alexander Pereira) verkündet den Künstlern den Willen seines Herrn. Im Anschluss an die Uraufführung einer ernsten Oper über die antike Königstochter Ariadne und ihre Entrückung durch den Gott Bacchus sollen die Gäste durch Komödianten aufgeheitert werden. Kaum hat der Musiklehrer (Albert Dohmen) seinen Schüler (Daniela Sindram) mit dieser Respektlosigkeit gegenüber seinem Werk notdürftig ausgesöhnt, ergeht schon die nächste Zumutung. Jetzt sollen gar die Possen in das ernste Drama selbst Eingang finden.

In der neuen Dresdner Inszenierung übernimmt Alexander Pereira die Sprecherrolle des Haushofmeisters. Als Christian Thielemann 2013 mit der Sächsischen Staatskapelle zu den Salzburger Osterfestspielen kam, war er dort Intendant. Seine beiläufige Mahnung an die Musiker wird ihm von diesen mit geschmeidiger Geste quittiert. Doch die Sänger und Musiker auf der Bühne können die Gelassenheit, die im Orchestergraben herrscht, keinesfalls teilen. Sie zeigen sich bestürzt. Von Anfang an beargwöhnen sich hier die Vertreter der ernsten und der heiteren Muse.

Der junge Komponist kann nur mit Mühe von seinem Mentor ein weiteres mal davon abgebracht werden, alles hinzuwerfen. Während der die Kürzungen beaufsichtigt, bändigt er listenreich die Eitelkeiten des Bacchus-Tenors (Stephen Gould) und der Ariadne-Primadonna (Krassimira Stoyanova). Das verlangte Zusammengehen erweist sich als Fegefeuer für den Leichtsinn der Komödianten und die Geltungssucht der Künstler.

Doch von allen Schlacken gereinigt, gelangt etwas Kostbares zur Erscheinung. Berückend ist der Umschwung von Verzweiflung in Leidenschaft, von Zerstörung in Formenwachstum – kaum je zu erleben, wie er sich hier aus der ersten Begegnung des ernsten jungen Komponisten mit der flatterhaften und doch feinen Zerbinetta (Daniela Fally) entwickelt. Während sie inhaltlich aneinander vorbei reden, bewegen sie sich im Gefühl immer weiter aufeinander zu. Sie zeigen sich wechselseitig fasziniert von ihrem Ernst und ihrer Lebenskraft. Vor allem aber wird diese Bewegung vom Klang bewirkt, der aus dem Orchestergraben tönt. Er nimmt gefangen, bindet die Handlung, die Worte, den Gesang so in sich ein, dass nichts frei bleibt. Diese Macht übt ein kleines Orchester von nicht mal vierzig Musikern aus.

Im Foyer tafelt in der Pause eine in ihren Bewegungen verlangsamte pantomimische Abendgesellschaft der Komparserie. Die Runde nimmt in der Proszeniumsloge Platz, als die eigentliche Oper beginnt. Der deutsch-französische Regisseur David Hermann inszeniert zum ersten mal in Dresden und hält für die zwiespältige Einheit des Stückes eine überzeugende Lösung bereit. Die Bühne hat er geteilt. Eine düstere Felsenhöhle birgt die von Theseus verlassene Ariadne auf der rechten Seite. Die andere Hälfte wird von einer farbigen Baumkulisse überragt. Hier ist der Tummelplatz der Komödianten.

Zaghafte Übertritte werden gewagt. Das Eintreffen des Bacchus taucht dann alles in roten Lichtschein. Auf die bürgerliche Konversation des erzählerischen Vorspiels folgt eine leidenschaftliche Apotheose der Musik von Mozart bis Wagner. Das Trio der Nymphen „Wie der Wellen sanftes Gaukeln gleitet's über uns dahin“ erinnert fern an das Wogen von Wagners Rheintöchtern. Zerbinetta lässt sich vom Komponisten auf einer mit Blumen umwundenen Schaukel schwingen. Ihre Koloraturarie ist ein glockenhelles Belcanto nach italienischer Art. Ihr lieblicher Leichtsinn, der gleichwohl auf Schwermut gründet, ist ihr ebenso abzunehmen wie der majestätischen Ariadne ihre mit heimlichem Liebesbedürfnis gemischte Todeserwartung.

Die Tänzerin Nicole Meier gibt mit einem schwarzen Schleier- und Fahnentanz die Zauberin Circe, der sich Bacchus entzieht. Unter alledem liegt die fortlaufend innige Musik als Blutkreislauf der lebendigen Inszenierung. Aus ihr speisen sich die schauspielerische und die sängerische Brillianz. So an einer Stelle des Librettos vom Herz des Herzens die Rede ist, so ereignet sich hier die Musik der Musik selbst und reißt im bacchantischen Rausch mit sich fort. Im Finale werden alle vom gleichen Zauber erfasst, der sich an diesem Abend auch ohne Einschränkung dem Publikum mitteilt.

Wieder am 8., 12. und 14. Dezember