Kreuzungspunkt der Erfahrungen seines Schöpfers

Lance Ryan als Aron und John Tomlinson als Moses an der Dresdner Oper Foto: Ludwig Olah/Semperoper

Die Dresdner Semperoper eröffnet ihre Spielzeit unter neuer Intendanz. Die erste Premiere der Saison ist Arnold Schönbergs "Moses und Aron".

Während Arnold Schönberg seine Oper „Moses und Aron“ zum Bilderverbot des Mosaischen Gesetzes komponierte, vollzog sich mit ihm eine religiöse Wandlung. Die ersten beiden Akte entstanden von 1930 bis 1932. Im Sommer 1933 rekonvertierte Schönberg in Paris zum Judentum.

Mit der Machtergreifung der Nationalsozialisten und der Emigration des Komponisten gingen die fruchtbarsten Jahre seine Schaffens zu Ende. Die Preußische Akademie der Künste hatte Schönberg 1925 auf eine Professur nach Berlin berufen. Dort begann er sich mit einer Kantate zu „Moses am brennenden Dornbusch“ zu beschäftigen. Text und Musik daraus sind später in den ersten Akt von „Moses und Aron“ eingegangen. Bis an sein Lebensende spielte der Komponist mit dem Gedanken, das Fragment zu vollenden. Letztlich werden nur wenige Wortwechsel für den dritten Akt von ihm notiert.

Der Weg des Fragments „Moses und Aron“ auf die Bühne war lang. Erst wenige Wochen vor dem Tod des Komponisten erklangen 1951 überhaupt Teile davon. Eine konzertante Uraufführung erfolgte 1954 und weitere drei Jahre später eine Inszenierung in Zürich.

Der neue Intendant der Semperoper, Peter Theiler, eröffnet nun seine erste Dresdner Saison mit „Moses und Aron“. Das Stück hat in Dresden Erfolgsgeschichte. Hier kam es 1975 zu seiner ersten szenischen Aufführung in einem sozialistischen Land. Die Inszenierung von Harry Kupfer wirkte damals weit über die Grenzen der DDR hinaus. Mit 39 Aufführungen fesselte sie das Publikum und beeindruckte die Fachleute. Nun ist eine Interpretation des Regisseurs Calixto Bieito zu sehen, die musikalische Leitung liegt in den Händen von Alan Gilbert.

Die Handlung beginnt mit der Berufung des Moses (John Tomlinson). Die Stimme aus dem Dornbusch trägt ihm die Befreiung seines Volkes auf. Er könne zwar denken, aber nicht reden, gibt er zu bedenken. Darauf ergeht die Verfügung, dass Aron (Lance Ryan) sein Mund sein solle.

Aus dieser Aufgabenteilung erwächst der Konflikt der Handlung. Denn der Bruder verfügt ebenfalls über einen Kopf zum Denken. Während er Moses seine religiösen Skrupel in einer Art Sprechgesang kundtut, schwingt sich Aron in wohlklingender Unregelmäßigkeit die Zwölftonreihen auf und ab, vor und zurück. Hastig flackert seine helle Stimme mit der er das Volk bestrickt und dessen Verlangen nach sichtbaren Zeichen und Wundern auch gegenüber Moses in Schutz nimmt. Er fragt: „Kannst du lieben, was du dir nicht vorstellen kannst?“

Die neue Dresdner Inszenierung besticht mit einer durch und durch edlen Oberfläche. Vor allem die Chöre und die Staatskapelle tragen zu einem noblen Klangbild der schwierigen Schönbergschen Musik bei. Die Chorsolisten singen im ersten Akt zum Teil von den Logen und vom Balkon und schaffen damit einen verblüffenden Raumklang.

Regisseur Calixto Bieito ist berühmt und berüchtigt für den Einsatz schockierender Effekte. Hier aber nimmt er sich zurück. Die musikalische Irritation des Werks mag er als ausreichend empfunden haben, um sie nicht mit visueller Blutrünstigkeit zu übertreffen. Bühnenbildnerin Rebecca Ringst schuf für die Inszenierung einen kahlen Raum, der wie die Verschalung für eine Tiefgarage wirkt. Die leeren Wände bilden die Projektionsfläche für das Beleuchtungskonzept von Michael Bauer. Schein und Widerschein des Lichtes gliedern die Szenerie stärker, als die Gruppierung der Menschen selbst. Mal werden diese von den Scheinwerfern aus dem Dunkel geholt, dann reflektieren wieder die Wände und der Boden das flutende Licht oder die Bühne wird nur vom spärlichen Schein aus dem Orchestergraben beleuchtet.

Rückwärtig läuft der Szenenbild-Kasten in eine schiefe Ebene aus. Von dort betritt das Volk die Bühne und später steigt Moses vom Berg herab, um seinen Bruder zur Rede zu stellen. „Aron, was hast du getan?“ In den orgiastischen Szenen laufen endlose Zeilen eines Programm-Codes und farbig verschwommene Filmbilder über die Flächen. Anstelle eines goldenen Kalbs werden zwei götzenhafte Menschengestalten bejubelt. Statt die Gesetzestafeln berserkerhaft zu zerschmettern, reißt Moses Blätter aus einem Notizbuch. Doch die meisten dieser Spitzfindigkeiten, Accessoires und Gesten gehen wegen ihrer Kleinteiligkeit im großen Sog der Massenszenen unter. „Euer Blut ernährt Ägypten“, ruft Aron und ritzt dabei die Stirnen der ihm Anvertrauten, wie der Hirte seine Herde kennzeichnet. Zum Ende wird die Schräge aufgerichtet und grenzt den Raum nach hinten steil ab.

Vor allem die Leistung der Chöre – Staatsopernchor, Kinderchor der Staatsoper, Sinfoniechor Dresden und Vocalconsort Berlin – grenzt an Zauberei. Die Ensembles setzen den sinnlichen Aron gegen den abstrakten Moses ins Recht, indem sie das Spröde geschmeidig werden lassen und dem Unaussprechlichen die Beredsamkeit des Wohlklangs verleihen. So wie überhaupt paradoxerweise das Werk dort den größten Eindruck hinterlässt, wo eine Klangmalerei beinahe spätromantischer Prägung den Schleier der orthodoxen Zwölftontechnik vorübergehend lüpft. Als Moses vor dem Schweigen Gottes mit dem Ausruf „O Wort, du Wort, das mir fehlt“ innerlich zusammenbricht, heult ein orchestrales Unisono auf. Das hochkonzentrierte Dresdner Premierenpublikum spendete lang anhaltenden Beifall.

Wieder am 6., 10. und 15. Oktober