Ein Kunst-Genie mit starker Ausstrahlung

Giambologna nach Michelangelo: "Der Tag", Florenz vor 1574 Foto: SKD/W. Kreische

Von der Skulptur zur Statuette: Eine Ausstellung in der Dresdner Gemäldegalerie Alte Meister zeigt, wie das Werk Michelangelos andere Künstler beeinflusste.

Eine Ausstellung zieht Besucher an, obwohl sie kein einziges originales Werk des Künstlers zeigt, mit dessen Namen sie beworben wird: Das spricht für eine besonders starke Ausstrahlung jenes Künstlers. Michelangelo ist ein solches Genie, das selbst auf so indirekte und vielfach gebrochene Weise noch unwiderstehlich wirkt.

Zu beobachten ist das derzeit in den Staatlichen Kunstsammlungen Dresden. Dort entfaltet in der Sonderausstellung „Schatten der Zeit – Giambologna, Michelangelo und die Medici-Kapelle“ seine Kunst die mit Abstand stärkste Präsenz durch Gipsabgüsse nach seinen Marmorskulpturen aus dem Bestand der Dresdner Skulpturensammlung. Gleich am Eingang der Gemäldegalerie Alte Meister sind sie auf einem gestuften Podest im Kreis angeordnet. Zuoberst prangt die Pietà aus dem Petersdom über dem rebellischen Sklaven aus dem Louvre, dem der Kopf des monumentalen Davids bis an die Hüfte reicht. Neben der im Detail unausgeführten Kreuzabnahme aus dem Dommuseum Florenz steht der antiken Plastiken nachempfundene Bacchus, der anno 1497 den bildhauerischen Ruhm des 22-jährigen Michelangelo begründete.

Abgesehen von den allgemeinen Huldigungen an den Kunst-Giganten, die an den Fassaden Dresdner Musentempel zu lesen sind, gibt es zwei konkrete Verbindungen zwischen Michelangelo und der sächsischen Residenz. Zum einen schenkte der toskanische Herzog Cosimo I. de' Medici um 1560/70 dem sächsischen Kurfürsten August vier Statuetten aus Alabaster. Sein flämischer Hofkünstler Giambologna hatte sie nach den Personifikationen der Tageszeiten am Grabmal in der Medici-Kapelle von San Lorenzo angefertigt.

In der Draperie dieser Figuren hatte Michelangelo einige Stellen nur angedeutet. Die für den Betrachter verdeckten Rückseiten wurden nur skizziert. Der Kopist wiederum schöpfte nicht aus der Quelle eigenen Überschwangs: Giambologna hat an den betreffenden Stellen nach seinem Vermögen ergänzt und die viel kleineren, frei beweglichen Figuren vollplastisch durchgebildet. Im Gegensatz zur düster wuchtigen Architektur der Vorlage sind seine Stücke Schmuckwerk und Reminiszenz. Es ist ein Unterschied zwischen einem monumentalen Baumeister und einem eleganten Kunsttischler.

Ungefähr aus der gleichen Zeit wie Giambolognas Nachempfindungen stammt eine Sammlung von Tonmodellen nach Michelangelos Erfindungen. Sie gelangte im 19. Jahrhundert in den Besitz des Dresdner Bildhauers Ernst Julius Hähnel, dem Schöpfer der Standbilder Theodor Körners auf dem Georgplatz und Königs Friedrich August II. auf dem Neumarkt. Unter Hähnels sechs Sandsteinstatuen für die Sempergalerie befand sich auch eine des Michelangelo. Sie wird nun in der Ausstellung präsentiert.

Lange Zeit war die Sammlung von Hähnel berühmt und übte große Anziehungskraft auf die kunstinteressierten Besucher Dresdens aus. Später kamen die Stücke nach Vancouver. Sie sind heute im Besitz des Reichsmuseums Amsterdam, das sie für die Ausstellung nach Dresden ausgeliehen hat. An den Wänden hängen einige der vierzig Heliogravüren aus der 1924 erschienenen Mappe „Michelangelo: Die Terrakotten aus der Sammlung Hähnel“. Die Einleitung zu jener Mappe schrieb der Kunsthistoriker Julius Meier-Gräfe in der Überzeugung, damit eigenhändige Werke des großen Florentiners zu beschreiben. Hähnel selbst fühlte sich angespornt zu dem allegorischen Relief „Michelangelo und die Göttin der Nacht“.

Weitere Ausstellungsstücke zeigen den stilbildenden Einfluss des großen Vorbildes auf seine direkten Nachfolger. Auf Michelangelos Überhöhungen von Körperproportionen beruhen die gesteigerten Ausdruckswerte des Manierismus und des Barock. Ein aus Lindenholz geschnitzter „Julius Caesar“ von Giambologna ist ein graziler Wiedergänger von Michelangelos David. Statt der Steine für die Schleuder liegt ein Zepter in seiner rechten Hand. Erst unlängst konnten die Staatlichen Kunstsammlungen Dresden ihren Bestand von drei Kleinbronzen Giambolognas um einen „Mars“ ergänzen, der über die Fürstenabfindung 1924 in den Kunsthandel gelangt war.

Peter Paul Rubens zeichnete die Allegorie der Nacht von den Medici-Gräbern. Sein Gemälde „Leda und der Schwan“ aus der Dresdner Gemäldegalerie ist eine Abwandlung dieser Figur. Neben dieser Spurensuche beeindruckt in der Ausstellung die Elementargewalt, mit der Michelangelos Formen die europäische Kunst prägten. Allenthalben ist das bis heute an der barocken Architektur und dem Figurenschmuck im Dresdner Stadtbild wahrzunehmen.

„Schatten der Zeit – Giambologna, Michelangelo und die Medici-Kapelle“ bis zum 7. Oktober in der Gemäldegalerie Alte Meister