Die große Zirkus-Show begann in Meißen

Am Dresdner Staatsschauspiel erzählt Rainald Grebe die Geschichte des Circus Sarrasani. Der Anspruch: "The Greatest Show On Earth".

Menschen, Tiere, Sensationen! Vor den Zeiten von Fernsehen und Internet holte man mit diesem Versprechen Scharen von Zuschauern in die Zirkuszelte dieser Welt. Zum Beispiel 1902. Da stellte sich in Meißen der neu gegründete „Circus Sarrasani“ erstmals der Öffentlichkeit vor. Mit Menschen, Tieren, Sensationen: Die Nummern der Artisten kamen wohl gut an, ebenso die Tierdressuren. Nur die zur Schau gestellten „Wundermenschen“ hätten eher Mitleid als Begeisterung ausgelöst, berichten die Chronisten.

Diese Gründungsgeschichte eröffnet ein neues Stück des Dresdner Staatsschauspiels. Rainald Grebe präsentiert dort als Regisseur und Entertainer „Circus Sarrasani: The Greatest Show On Earth“. Der Zirkus, der in Meißen seine Premiere erlebte und in Dresden groß wurde, erlangte Weltruhm und überstand Schicksalsschläge vom Ausmaß griechischer Tragödien. Regionalgeschichte, Weltgeschichte, die Kulturgeschichte des Zirkus: Das wird hier in Art Nummernrevue reflektiert.

Und wie in Shows üblich gibt es gelungene und weniger gelungene Nummern. Schade, dass hier die Zahl von Belanglosigkeiten und allzu simplen Albernheiten hoch ist. Zudem scheint der rote Faden durch das Konglomerat von Darbietungen eher nur ein Fädchen. Als eine Art Showmaster moderiert Sven Hönig die Auftritte an. Mal folgt man der Chronologie als einfachster aller Handlungsordnungen. Dann wird wieder Musik gemacht, als Symbol für den Ersten Weltkrieg ein Papp-U-Boot versenkt, sehr häufig und laut das Wort Dresden gesagt, ein Flohzirkus vorgeführt ...

Als eine der stärksten Zugnummern dürfte sich am Ende der Name des Kabarettisten Rainald Grebe erweisen. Der ist mit zwei Gesangsnummern und einigen improvisiert wirkenden Zwischenspielen auf der Bühne zu sehen. Diese Auftritte verstärken allerdings den Eindruck, dass es der „Greatest Show On Earth“ an einer Idee mangelt, wie man lokales und Weltgeschehen plus Kulturhistorie am Beispiel des Circus Sarrasani zu einem spannenden Ganzen zusammenspinnen könnte. 

Um sich hat Rainald Grebe ein großes Ensemble von Artisten und Schauspielern versammelt. Ihnen ist es zu verdanken, dass das Stück dann doch hin und wieder mit Momenten hintergründigen Humors und mit Zirkus-Zauber glänzen kann.

Letzteren spüren die Zuschauer bei den Nummern von Akrobaten. Auf der schauspielerischen Haben-Seite dieses: Vor allem Anna-Katharina Muck und Thomas Eisen können aus mancher Szene ein Kabinettstückchen zaubern. Wortgewaltig ist Eisens Philippika angesichts der Tatsache, dass im Internet-Zeitalter jeder exotische Reiz fremder Orte und Menschen verflogen sei. Ein Höhepunkt des Abends ist Anna-Katharina Mucks Auftritt als williges Opfer des aktuellen „Hygge“-Wahns. So gemütlich sei es, die Welt vom eigenen Sofa aus zu betrachten. Aber das ist eben doch nicht genug. Also: Auf die Zirkusschaukel!

Anja Lais gibt dem Radebeuler Zirkusgründer Hans Stosch-Sarrasani senior im Maharadscha-Kostüm Gestalt. Hoch über der Bühne zappelt und zürnt der: Mit solchen laienhaften Darstellungen wie diesen hätte er seinen berühmten Dresdner „Zirkus der 5.000“ nie und nimmer Abend für Abend voll bekommen. Das Theater sei hoch subventioniert und könne sich deshalb solche Stümpereien leisten! Auch diesen selbstironisch-ernsten Humor gibt es hier. Dieser schöne Moment ist einer „Greatest Show On Earth“ würdig.

Wieder am 31. Mai, 4. und 21. Juni