Abschied der Familie Brück von "Brück & Sohn"

In siebenter Generation führt Annette Brück die Geschicke des Verlags "Brück & Sohn". Sie wird bald die Leitung des Unternehmens abgeben und sucht einen Nachfolger. Foto: Grau

Der traditionsreiche Meißner Verlag steht vor einer großen Veränderung. Nach sieben Generationen gibt die Gründerfamilie das Unternehmen ab: Ein Nachfolger wird gesucht.

Die Nachricht verbreitete sich schnell in Meißen. „Brück & Sohn“ hat seinen Laden wieder eröffnet: für genau 60 Tage. Nun herrscht Andrang im „Weihnachtsladen“ in der Burgstraße 1. Glückliche Kunden stöbern zwischen Geschenkpapier, Weihnachtskarten und Adventskalendern.

Chefin Annette Brück sieht es mit einem lachenden und einem weinenden Auge. „Schön, dass wir dort anknüpfen konnten, wo wir aufgehört haben.“ Die Meißner kaufen nach wie vor gern bei „Brück & Sohn“ – auch wenn das Schreibwarengeschäft in den vergangenen Jahren von einer Mieterin geführt wurde und nun schon seit Monaten leer stand.

Doch die temporäre Wiedereröffnung wird die letzte unter Brückscher Regie sein. Annette Brück und ihr Mann Helmut geben nicht nur ihren Laden, sondern auch den Verlag „Brück & Sohn“ auf. Sie suchen nach einem Käufer für das Familienunternehmen.

„Brück & Sohn“ und Meißen: Das gehörte seit anno 1793 zusammen. Annette Brück führt Verlag und Geschäft in siebenter Generation. Nun wird die Familientradition enden. „Unsere Kinder haben andere Berufe und wollen das Unternehmen nicht weiterführen“, sagt Annette Brück. Sie akzeptiert diese Entscheidung und hat ihre getroffen: Sie will loslassen.

Eine Erkrankung und eine Reise brachten sie dazu. Vor einigen Jahren bekam Annette Brück die Diagnose Krebs gestellt. Während der Behandlung seien ihre Gedanken neue Wege gegangen, schildert die Firmenchefin. „Meiner Meinung nach ist an einer schweren Krankheit auch die Psyche mit beteiligt.“ Auch wenn sie immer gern das Familienunternehmen geleitet habe, habe sie spätestens jetzt den ständigen Druck gespürt. Pflicht zum Erfolg: Das bringt die Verantwortung für die Mitarbeiter und die Fortführung einer Tradition mit sich. „Wenn man eine solche Belastung spürt, muss man loslassen“, sagt Annette Brück. „Ich habe in den vergangenen Jahren viele Dinge losgelassen.“ So fiel zum Beispiel die Entscheidung, das Schreibwarengeschäft in der Burgstraße nicht mehr selbst zu führen, sondern es zu vermieten.

Der Verlag aber blieb in Familienhand. „Brück & Sohn“ ohne Brück? Nein, das war nicht vorstellbar. Oder doch? Eine Reise ließ Annette Brück umdenken. Drei Monate lang war sie mit ihrem Mann in den USA unterwegs, auf den Spuren einst ausgewanderter Familienmitglieder. „Wir hatten diese Reise gut vorbereitet. Als wir dann unterwegs waren, merkten wir, dass unsere Mitarbeiter die Dinge im Griff hatten. Es gab keine Probleme und wir waren mit dem Gefühl unterwegs, dass die Firma auch laufen kann, wenn wir nicht im Hause sind.“ Dieses Gefühl von Freiheit habe sie genossen. So sehr, dass sie es öfter haben will. Den eigenen Interessen folgen und spontan sein können: Das soll die Zeit nach der Firmenübergabe möglich machen. Annette Brück freut sich darauf.

Sich zur Suche eines Nachfolgers durchzuringen, sei ein harter Kampf gewesen. Die Familie trage aber die Entscheidung mit und auch mit den sechs Generationen Vorfahren sei sie nun im Reinen. „Die hätten es sicher nicht gewollt, dass ich mich für das Unternehmen selbst aufgebe.“

Die Nachfolge-Suche für den Verlag läuft seit einigen Monaten. Es habe schon einige Interessenten gegeben. Annette Brück ist zuversichtlich, eine kompetente neue Leitung für das Traditionsunternehmen zu finden. Das Haus in der Burgstraße bleibe in Familienhand. Der Name „Brück & Sohn“ soll möglichst erhalten werden und der Firmensitz in Meißen bleiben. „Es ist unser Wunsch, dass der Erwerber auch unsere vier Mitarbeiter übernimmt.“ Die genauen Modalitäten seien aber mit dem Interessenten zu verhandeln, der das Unternehmen schließlich übernimmt.

Derzeit liefen die Geschäfte sehr gut. Das mache Lust aufs Weitermachen, sagt Annette Brück. Aber das sei nun auch ein guter Zeitpunkt, den Verlag in neue, jüngere Hände zu übergeben. Vor allem mit den bekannten Adventskalendern haben Annette und Helmut Brück dem Unternehmen in den vergangenen Jahren Erfolg verschafft. Die Kunden nutzen auch gern das Online-Geschäft, das „Brück & Sohn“ seit einigen Jahren anbietet und stetig ausgebaut hat. Der Erfolg mache Freude. Um ihn für die nächsten Jahre zu sichern, sei nun aber auch eine tatkräftige neue Verlagsleitung gefragt. „Sie muss wieder neue Ideen entwickeln und Veränderungen anschieben. Auch ein Traditionsunternehmen kann sich nicht ausruhen.“

In das kommende Jahr wird „Brück & Sohn“ aber noch von Annette und Helmut Brück geführt. Das passt, sagt die Chefin. Es wird ihr 31. Jahr als Leiterin des Hauses sein, das Jahr des 225. Geburtstags von „Brück & Sohn“. Das Jubiläum soll gefeiert werden: nicht als Abgesang, sondern als Aufbruch zu neuen Ufern.