Abriss in der Altstadt, Neubau am Stadtrand?

Steht Meißen Abriss oder Sanierung an der Fährmannstraße besser zu Gesicht? Während die Zukunft dieses alten Stadtquartiers offen ist, soll am Stadtrand bald neu gebaut werden. Foto: Grau

In Meißen wird wieder über Stadtentwicklung diskutiert. Wo braucht man Baugrundstücke und Wohnungen, um Zuzug zu erreichen und Leben in die Stadt zu bekommen?

Abriss in der Altstadt, Neubau am Stadtrand? Beides ist dieser Tage in Meißen möglich – und die Stadtentwicklung wird wieder zum heiß diskutierten Thema. Es geht um Stadtviertel, die sich nach den jüngsten Hochwassern entvölkert haben, um Familien, die in Meißen Baugrundstücke suchen, und um den Wunsch nach einem attraktiven und belebten Stadtkern. Wie lässt sich das alles unter einen Hut bringen?

Mit den Baugrundstücken sollte es in Meißen eigentlich ganz einfach sein. Oder doch nicht? Nach Jahren, in denen nur wenige Häuser neu entstanden, erlebt die Stadt nun einen kleinen „Bauboom“. Gleich mehrere Baugebiete wurden jüngst neu erschlossen. An der Alten Ziegelei, an der Siedlerstraße … und bald auch am Stadtblick? Dort wird ebenfalls ein neues Baugebiet geplant: So hat es der Meißner Stadtrat bei seiner jüngsten Sitzung beschlossen. Allerdings ist diese Entscheidung umstritten.

Es ist ein eher kleines Baufeld, für das der Architekt Claus-Dirk Langer im Auftrag des Eigentümers die ersten Pläne gezeichnet hat. Nur 1,6 Hektar groß, Platz für 15 Einfamilienhäuser. Nicht die Größe, sondern vor allem die Lage sorgt für Streit. Die Siedlung „Am Stadtblick“, gelegen am Ortseingang aus Richtung Wilsdruff, entstand in den 1980er Jahren. Die Reihenhäuser wurden damals auf den Acker gebaut. Die Planungen der DDR-Jahre sahen an dieser Stelle eigentlich noch mehr Gebäude vor. Doch die „Wende“ vereitelte den Weiterbau des Gebiets.

Das neue Baugebiet „Am Stadtblick“ beruht auf den rund 30 Jahre alten Plänen. Das Baufeld ist jenes, das bereits damals die kleine Siedlung „abrunden“ sollte. „Vorgesehen waren 18 Häuser und eine Ergänzungsstraße“, sagt Claus-Dirk Langer. Häuser und Straße könnten nun entstehen: auf hochwertigem Ackerland.

Stadtplanerin Marina Jach aus dem Meißner Bauamt gibt zu, dass es Bedenken gegen die Erschließung gibt. Anwohner befürchten mehr Verkehr in ihrem Viertel. Doch vor allem Umweltschutzverbände und das Landratsamt bewerteten das Vorhaben negativ. Braucht Meißen dieses neue Bauland wirklich? „Das ist ein Vorbehalt, der bei den Abstimmungen mit dem Landratsamt deutlich geworden ist“, sagt Marina Jach. Umweltschützer lehnen das Projekt ab, weil damit wertvolles Ackerland versiegelt wird. Das Baufeld liegt nicht im ohnehin dicht besiedelten Stadtgebiet, sondern im „Außenbereich“.

„Ich habe grundsätzliche städtebauliche Bedenken, wenn wir in Meißen außen neu bauen und innen nicht verdichten“, sagt Stadtrat Dr. Helge Landmann von den „Freien Bürgern“. Weil das Gebiet allerdings recht klein sei, könne man dem Vorhaben am Stadtblick gerade noch so zustimmen. Grundsätzlicher wird „Grünen“-Stadtrat Heiko Schulze: „Wir sollten die Zersiedlung stoppen und stattdessen attraktive Bauflächen in der Innenstadt anbieten.“, sagt er. „Am Stadtblick wird hochwertige Ackerfläche geopfert. Wir bekommen dort Probleme mit der Bodenerosion. Lange gewachsene Bäume müssten gefällt werden.“

Doch es gibt auch Stimmen, die am Stadtblick mehr statt weniger Neubau fordern. FDP-Stadtrat Martin Bahrmann begrüßt das Vorhaben: „Es schafft Zuzug nach Meißen. Das hilft uns allen.“ Jörg Schlechte von der CDU denkt in die gleiche Richtung. In dem Gebiet am Stadtrand habe es in den 1990er Jahren Pläne für ein weit größeres Baugebiet gegeben. „Damals waren wir zu langsam und die Interessenten sind in andere Gemeinden abgewandert.“ Das dürfe nicht noch einmal geschehen. „Wir sollten in dem Gebiet größere Planungen zulassen.“ Nur wenn Meißen genügend Bauplätze anbiete, werde es vom Zuzug aus dem wachsenden Dresden profitieren.

Die Argumentation erinnert an die frühen 1990er Jahre. Damals sei es auch um das große Baugebiet am Lerchaer Stadtrand gegangen, sagt Marina Jach. „Die Planungen umfassten eine weit größere Fläche auch südlich der Querallee. Das war aber in der Zeit, in der man annahm, dass Meißen auf 50.000 Einwohner wachsen würde.“

Es kam anders. Meißen schrumpfte und hat erst in jüngster Zeit wieder eine stabile Einwohnerzahl von rund 28.000 erreicht. Wegen der Einwohnerentwicklung hätten damals die Aufsichtsbehörden die Pläne für großflächigen Neubau am Meißner Stadtrand gestoppt, erinnert sich Marina Jach. „Von einem Riesen-Wohngebiet an dem Standort können wir uns verabschieden.“

Dafür gäbe es aber noch einen weiteren Grund. „Kleinere Bau-Standorte in der Stadt werden inzwischen viel besser angenommen“, hat die Stadtplanerin beobachtet. „Wer zieht heute noch gern in ein riesiges, neu erschlossenes Gebiet mit 200 Grundstücken?“ Die individuellere Note sei auch beim Neubau gefragt. Das biete das kleine Baufeld am Stadtblick.

Gilt das nicht auch für all die Brachflächen, die viel näher am Meißner Stadtzentrum liegen? Marina Jach verweist auf das neue „Brachflächenkataster“, in dem die Stadtverwaltung zusammenstellt, wo es überall leere Grundstücke oder solche mit verfallener Bebauung gibt. „Damit treten wir aktiv an Investoren heran“, sagt sie. Allerdings: So recht anbeißen wollte bisher kaum einer. Zudem seien viele Brachen in der Stadt auch nicht für Wohnbebauung geeignet.

Dabei gibt es sie gleich am Rande der Altstadt: leere Wohnhäuser. Vor allem dort, wo Elbe und Triebisch in den vergangenen Jahren gleich mehrfach über die Ufer traten. Schwierig ist die Lage am Theaterplatz. Prekär ist sie in der Triebischvorstadt. Leerstand und Verfall prägen dort zum Beispiel das Bild der Fährmannstraße.

Im Jahr 2012 kündigte die Stadt Planungen für diesen Straßenzug an. Das Ziel: retten, was zu retten ist. Durch Sanierungen, durch Neugestaltung – und eventuell auch durch Abriss. Weit gekommen ist man mit dem Planen seither aber nicht. Erst das Hochwasser von 2013, dann die Schlammflut im Triebischtal: „Die Stadtverwaltung hatte erst einmal andere Aufgaben“, sagt Katrin Diersche vom Meißner Bauamt. Aufgegeben seien die Planungen für die Fährmannstraße dennoch nicht.

Seit 2013 gilt für das Gebiet eine Veränderungssperre. Sie wurde bereits verlängert: vor wenigen Tagen erneut bis zum Frühjahr 2017. Einige Stadträte verlieren nun die Geduld und vermuten einen Vorsatz. Helge Landmann erinnert daran, dass die leeren Gründerzeithäuser der Fährmannstraße Baudenkmale sind. „Und die machen wir kaputt: durch Nichtstun.“ Seit 2012 habe die Stadtverwaltung nicht einmal die Denkmalschutzbehörden zum Problem Fährmannstraße kontaktiert.

Wird abgewartet, bis nichts anderes als der Abriss der maroden Häuser übrig bleibt? Dann wäre es auf alle Fälle leichter, eine Idee umzusetzen, die seit einiger Zeit diskutiert wird: die Gestaltung einer Triebisch-Promenade an der Fährmannstraße.

Wäre sie ein Frevel oder eine Chance für das vernachlässigte Viertel? „Wir haben ein Problem, wenn wir immer mehr Brachen in die Innenstadt schlagen“, sagt SPD-Stadtrat Matthias Rost. „Die Meißner Altstadt lebt von ihrer dichten Bebauung.“ So sieht es auch Helge Landmann: Mit dem Abriss von Bebauung an der Fährmannstraße nehme man dem Quartier Chancen. „Einen so wichtigen innerstädtischen Bereich einfach zu einer Triebisch-Terrasse umzugestalten, löst dort noch keine Probleme.“

Doch es gibt auch Gegenstimmen. Die Häuser an der Fährmannstraße seien Ruinen, weil sie im Überflutungsgebiet liegen und nicht wirtschaftlich zu sanieren seien, sagt ULM-Stadtrat Wolfgang Tücks. Ein Abriss biete Chancen, meint FDP-Mann Martin Bahrmann. So schaffe man in der eng bebauten Straße Weite und Licht. Das mache die Häuser, die stehen blieben, attraktiver.

Wie es mit der flutgefährdeten Triebischvorstadt weitergeht, ist nicht abzusehen. Vorerst bleibt dort alles beim Alten. Bis zum nächsten Jahr hat die Stadtverwaltung Zeit, Planungen zu beginnen: vielleicht auch für eine Bebauung, die Zuzügler in die Meißner Innenstadt lockt.