Wo Argumente zählen, und nicht Lautstärke

Dr. Julia Gerlach leitet den neuen Studienbereich der Evangelischen Akademie Meißen Foto: Grau

Die Evangelische Akademie Meißen hat einen neuen Studienbereich "Demokratie, Wirtschaft und Soziales". Seine Leiterin ist Dr. Julia Gerlach.

Ihr Weg nach Meißen hatte viele Stationen. Kindheit und Jugend in Essen, Studium in Bonn, berufliche Stationen in der Ukraine, in Russland und Usbekistan, in Berlin und Leipzig. Jetzt ist Dr. Julia Gerlach an der Evangelischen Akademie der Sächsischen Landeskirche angekommen. Seit Anfang April leitet die 38-jährige Politikwissenschaftlerin hier den neu geschaffenen Studienbereich „Demokratie, Wirtschaft und Soziales“.

Der Zuschnitt des Themenfelds ist neu im Spektrum der Akademie. Schwerpunkte seien Fragen der demokratischen Kultur, von Wirtschaft und Sozialem, heißt es dazu von der Leitung des Hauses. „Wir möchten die aktuellen Herausforderungen und Fragestellung einer sich verändernden Gesellschaft in der sich globalisierenden Welt aufnehmen, eigenständig Themenschwerpunkte setzen, nach Zusammenhängen und Handlungsmaximen auch im Lichte einer christlichen Ethik fragen und Diskurse gestalten.“ Julia Gerlach erklärt das kompliziert Klingende an einem Beispiel. Wie werde aktuell über politische Fragen debattiert? „Da steht die Demokratie derzeit – vorsichtig formuliert – vor Herausforderungen. Nehmen wir die Diskussionskultur. Eigentlich sollten Argumente zählen, heute wird aber vor allem Lautstärke gemessen. Da sehe ich meine Arbeit als eine Art von politischer Bildung. Es geht darum, die Grundlagen des Austauschs zu stärken.“

Miteinander ins Gespräch kommen. Die eigenen Standpunkte darlegen. Die Ansichten des Gegenübers hören und erwägen. Kontrovers, aber sachlich die beste Lösung suchen: Das ist in diesen aufgeheizten Tagen ein hoher Gewinn für die politische Kultur und die Gesellschaft. Die Evangelische Akademie ist einer der Orte, an denen so etwas möglich und ausdrücklich gewünscht ist. Allerdings liegt er zwar idyllisch, doch recht versteckt in einer kleineren Stadt abseits großer Verkehrswege. Also ist es eine Aufgabe der neuen Studienleiterin, die Angebote der Akademie auch zu den potenziellen Nutzern zu bringen.

In Dresden sei man mit Veranstaltungen schon recht gut vertreten, sagt Gerlach. Sie organisiert Vortragsreihen und Diskussionsrunden nun auch in Leipzig. Auch Chemnitz wäre ein guter Ort, um möglichst viele Menschen miteinander ins Gespräch zu bringen. Verabschiedet sich die Akademie damit Stück für Stück von Angeboten am Meißner Hauptsitz? „Die Ausweitung unserer Arbeit auf andere Städte ist ein erklärtes Ziel“, sagt Julia Gerlach. „Aber darüber vergessen wir Meißen nicht. Wenn es uns gelingt, die Leute an anderen Orten für unsere Angebote zu interessieren, führen wir sie nicht von hier weg, sondern ebnen Wege nach Meißen. Dann nutzen sie auch unsere Seminare hier.“

Wie man Austausch und Wissensvermittlung organisiert, weiß die Studienleiterin. In der Ukraine, in Moskau und Berlin hat sie unterrichtet und Studiengänge konzipiert. In Leipzig arbeitete sie zuletzt am Leibniz-Institut für Länderkunde. Wieso ging sie von einer wissenschaftlichen Institution zur kirchengebundenen Akademie? In ihrer Kindheit und Jugend sei sie christlich erzogen worden, sagt Julia Gerlach. „Das ist eine frühe und intensive Prägung.“ Auch wenn die Religion später keine so starke Rolle mehr in ihrem Leben gespielt habe, sei die Bindung an bestimmte Werte ein guter Ausgangspunkt für ihre Arbeit. Respekt ist eine Voraussetzung für Austausch.

Der Start in Meißen war für Julia Gerlach arbeitsreich. Die ersten Veranstaltungen mussten organisiert werden. Die langfristige Planung von Seminaren und Diskussionsrunden ist ebenso wichtig. Dazu knüpft sie nun Kontakte: zu potenziellen Referenten, zu Veranstaltungsstätten, zu Gruppen, die Wissen zu Demokratie, Wirtschaft und sozialen Fragen beisteuern können. „Für meine Arbeit hole ich mir Partner ins Boot“, sagt die Studienleiterin. Vieles müsse parallel getan werden, denn die Zeit, den neuen Studienbereich an der Akademie zu etablieren, sei knapp. Zunächst für zwei Jahre ist Julia Gerlach angestellt.

Da sind noch mehr Vorhaben, die sie in dieser Zeit anpacken will. „Der neue Studienbereich bietet die Chance, jüngeres Publikum ansprechen.“ Das könnte man zum Beispiel mit digitalen Angeboten locken: mit Streaming von Veranstaltungen und Diskussionrunden oder mit Lernmöglichkeiten im Internet. Das muss ebenso organisiert werden, wie Julia Gerlachs eigener Umzug nach Meißen. Im Sommer soll es soweit sein, der Stadtteil steht schon fest. „Meißen ist eine schöne Stadt“, sagt die neue Studienleiterin – und ein Ort, der dem Austausch und dem einander Zuhören auch die nötige Ruhe biete.