Schlechte Prognose für die beiden Theaterlinden

Schlecht gewählt sei der Standort der beiden Linden vor dem Meißner Theater: Das ist ein Ergebnis eines Fachgutachtens zum (schlechten) Zustand der Bäume Foto: Archiv

Das letzte Kapitel im Streit um die Neugestaltung des Meißner Theaterplatzes? Ein Gutachten schätzt die Überlebenschancen für die umstrittenen Bäume vor dem Theater als gering ein.

Monatelang hatten die Meißner diskutiert. Der Fachmann machte es schnell: Nur eine Viertelstunde brauchte der Dresdner Baumgutachter Dr. Henrik Weiß, um bei der jüngsten Sitzung des Meißner Bauausschusses seine Prognose für die Zukunft der beiden „Theaterlinden“ vorzustellen. Kurz gefasst: Am derzeitigen Standort haben die Bäume kaum eine Chance auf ein langes und gedeihliches Leben. Die Linden zu versetzen, würde sich wohl nicht lohnen. Dafür sind sie nicht vital genug. Ob sie an einem neuen Standort anwachsen, ist unsicher.

Gutachter Weiß, Forstingenieur und öffentlich vereidigter Sachverständiger, hat die beiden Bäume am Haupteingang des Theaters gründlich unter die Lupe genommen. Schon der Standort der zwei „Krim-Linden“ sei nicht günstig, führte er vor den Stadträten aus. Der Theaterplatz wird immer wieder von Hochwasser heimgesucht. Linden vertragen aber Überflutungen nur schlecht.

Als die beiden Bäume – Geschenke des Meißner Rotary-Clubs – 1993 gepflanzt wurden, lief bei der Standortwahl offenbar einiges schief. Auf dem gepflasterten Theaterplatz bekamen die Linden nur schmale Baumscheiben, die noch mit schweren Abdeckungen versehen wurden. So bekommen die Wurzeln kaum Niederschlag. Der Luftaustausch ist eingeschränkt. Zu den Seiten und nach unten ist der Raum, in dem sich die Wurzeln ausbreiten konnten, äußerst knapp bemessen. Nur 35 Zentimeter Tiefe blieben da einem der Bäume für die Wurzelzone: Darunter ist der Boden bereits „verdichtet“. Eine der Linden wurde zu tief in das Pflanzloch gesetzt. Das war der Entwicklung des Baumes ebenfalls abträglich.

Die Standort-Probleme machen sich am Wuchs der beiden Bäume bemerkbar. Für Laien überraschend: Der größeren der beiden Linden geht es aktuell noch schlechter als der kleineren. Mit zehn Metern Höhe und 68 Zentimeter Stammumfang habe sich dieser Baum eigentlich mittelprächtig entwickelt, führte der Gutachter aus. Nachdem das Schutzgitter um den Stamm entfernt wurde, entdeckte Weiß jedoch ein gravierendes Problem: Pilzbefall, der im betroffenen Bereich bereits ein Drittel der Rinde absterben ließ.

Der Baumgutachter hat die befallene Rinde entfernt. Das hatte die Meißner, die die beiden Bäume am Standort erhalten wollen, mutmaßen lassen, die Linde sollte bewusst geschädigt werden. Nun stellte Weiß klar, dass das Entfernen der vom Pilz befallenen Rinde zwar die „Wunde“ des Baums trocknen lasse. Es sei aber kaum möglich, dass sich an der Stelle wieder neues, gesundes Holz bilde. „Dort ist das Gewebe bereits tot.“ Eventuell werde sich der Pilzbefall weiter ausbreiten. Der Baum habe kaum Widerstandskräfte, da seine Vitalität aufgrund des schlechten Standorts gering sei. „Am jetzigen Standort ist die Prognose also unklar. Wegen der Erkrankung und drohender Stammfäule halte ich eine Umpflanzung dieses Baums nicht für sinnvoll“, so Weiß.

Der zweite, kleiner Baum habe derzeit eine noch geringere Vitalität als der erste. In den vergangenen Jahren sei er unterdurchschnittlich gewachsen. Nun stagniere sein Wachstum. Es zeigten sich sogar Erscheinungen des Absterbens. Am jetzigen Standort habe diese Linde eine schlechte Überlebensprognose. Ein Umpflanzen sei jedoch möglich. Gutachter Henrik Weiß: „Das Versetzen bedeutet für den Baum Stress. Das ist mit dem Risiko des Absterbens verbunden. Wenn die Linde aber die Anwachsphase von drei bis fünf Jahren erfolgreich meistert, kann sie an einem neuen Ort die Chance auf besseres Wachstum haben.“

Für die Stadträte im Meißner Bauausschuss stellt sich da aber die Kostenfrage. Das Versetzen eines größeren Baumes ist aufwendiger, als die Pflanzung eines neuen. Sie sprachen sich dafür aus, nun die bereits getroffenen Beschlüsse zur Neugestaltung des Theaterplatzes umzusetzen. Das hieße: Die beiden Linden vor dem Theater werden entfernt. Als Ersatz werden zehn neue, kleinkronige Bäume längs der Leipziger Straße und ein Birnbaum nahe des Baderbergs gepflanzt.

Während Oberbürgermeister Olaf Raschke die Pläne zur Neupflanzung lobt und das Zahlenverhältnis „elf zu zwei“ herausstellt, gibt es bei aller Einsicht ins Notwendige auch Kritik. „Wir dürfen nicht immer nur an Neupflanzungen denken“, sagt Christiane Bense von der Meißner Gruppe des Bundes für Umwelt und Naturschutz (BUND). „Es muss auch darauf geachtet werden, dass die gepflanzten Bäume gute Bedingungen für ihr Wachstum haben. Sie brauchen genügend Platz. Wir wollen auch große Bäume in der Stadt haben.“