Die Altstadt ist noch nicht gänzlich gerettet

Das Sanierungsgebiet ist bald Geschichte und Meißen wieder stolz auf seine Altstadt. Was ist bei der Stadtsanierung gelungen, was nicht? Ein Rundgang mit einem Denkmalschützer.

Der Spaziergang durch die Altstadt soll an einem Ort beginnen, der Dr. Andreas Christl besonders gut gefällt. Also verabredet sich der Chef der Denkmalschutzbehörde des Landratsamtes auf dem Meißner Markt. Frühe Vormittagsstunde an einem Wintertag: Selten sieht man diesen Platz so leer und doch so schön. Nur wenige Menschen, keine Autos, keine Freisitze vor den Gaststätten. Stattdessen der pure Architekturgenuss. „Schauen Sie sich mal um“, sagt Andreas Christl. Der Blick fällt auf ausnahmslos sorgsam restaurierte Häuser. Auch die Frauenkirche, deren Turm den Markt überragt, trägt ein neues Dach. „Bis auf das Hirschhaus von 1901 gehen hier alle Gebäude auf das 15. bis 16. Jahrhundert zurück“, erklärt der Denkmalschützer. „In dieser Geschlossenheit gibt es das kaum in einer anderen Stadt.“

Vor 30 Jahren hätte niemand darauf gewettet, dass der Meißner Markt einmal wieder so herausgeputzt aussehen würde. Ende der 1980er Jahre waren weite Teile der Altstadt verfallen. Andreas Christl erinnert sich noch an diese Zeit. „Architekturstudenten der Dresdner TU hatten damals den Gebäudebestand des Meißner Zentrums untersucht. 80 Prozent der Häuser waren kaputt. Und vor der Wende lagen schon Pläne für Abriss und Neubau des Gebiets vom Markt bis an die Triebisch vor.“

In anderen Städten der DDR planierte man noch kurz vor der Wende ganze Altstadt-Quartiere, um dort danach Plattenbauten zu errichten. Meißen blieb dieses Schicksal erspart. Ein DDR-Neubau an der Kerbe blieb das einzige „Pilotprojekt“ des sozialistischen Bauens im Altstadtkern.

Dass die alten Gebäude rund um den Markt heute so gut erhalten sind, hält Denkmalschützer Christl selbst für sehr erstaunlich. Gerade angesichts des Zustands mancher Häuser zur Wendezeit: Er deutet auf die Marktgasse 1. „Das Haus hatte damals kein Dach mehr.“ Unsachgemäße Eingriffe am Dachstuhl hätten fast den Ruin des Gebäudes aus dem Jahr 1552 bedeutet. Das Dach musste abgenommen werden, das Mauerwerk war schon geschädigt, Geld und Material für eine Reparatur aber kaum zu bekommen. „In der Wendezeit war an der Stelle schon ein Neubau vorgesehen“, sagt Christl. Das Engagement von Denkmalschützern und Hilfe aus der Partnerstadt Fellbach bei der Beschaffung von Fördermitteln verhinderten dies. Heute ist die Marktgasse 1 eine sorgfältig restaurierte Perle der Meißner Altstadtarchitektur. Das Geschäft im Erdgeschoss ist vermietet, ebenso die Büros und Wohnungen in den oberen Stockwerken.

Die Marktgasse ist für Denkmalschützer Christl ein schöner Anblick: bis man zum Kleinmarkt kommt. Diese Platz ist zwar neu gestaltet – und doch fehlt ihm etwas. Wo einst das Kleinmarkt-Kaufhaus stand, klafft seit dessen Abriss in den 1990ern eine Lücke in der Häuserfront. Dass hier der Platz plötzlich keine Begrenzung mehr hat, fällt auch dem Laien auf.

Die leere Fläche ist keine klassische Brache. Die Stadt hat dort einen Parkplatz anlegen lassen. Eine Zwischenlösung, hofft Christl. Eine, die aber vermutlich lange Bestand haben wird. „Vielleicht schaffen ja spätere Generationen hier wieder eine Bebauung.“

Der Kleinmarkt ist nicht der einzige Ort, an dem Lücken im Meißner Stadtgefüge klaffen. Andreas Christl denkt an die Einmündung der Poststraße zur B 6, wo an einem wichtigen Stadteingang ein Eckhaus verschwand, das das Straßenbild prägte. Auch auf der anderen Elbseite, an der Ecke von der Zscheilaer zur Hafenstraße, gibt es seit Jahren eine solche Fehlstelle. Ein Abriss sei schnell erledigt, sagt Christl. Mit Lücken, die anschließend das Stadtbild verschandeln, müsse man oft auf Jahrzehnte leben. Gleich um die Ecke vom Kleinmarkt hat man es sich so eingerichtet.

Dort liegt der Rossmarkt, der heute wie ein überdimensionierter Fußweg neben der Durchgangsstraße wirkt. Bis Anfang der 1990er Jahre war er tatsächlich ein Platz. Dann verschwand das Eckgebäude an der Einmündung zur Marktgasse. „Ein Bau aus den 1920er Jahren“, erinnert Christl. Glücklicherweise sei das dahinterliegende Barockhaus erhalten geblieben. Es ist saniert und beherbergt eine öffentliche Toilette. Trotz dessen wieder hergerichteter Fassade hat aber der Rossmarkt seinen einstigen Charakter verloren.

Weiter geht es zur Fleischergasse. Für den Denkmalschützer ist diese Straße ein gutes Beispiel für eine gelungene Meißner Stadtsanierung der vergangenen zweieinhalb Jahrzehnte. Schöne, restaurierte Bürgerhäuser sind hier zu sehen. Anders als in anderen Straßenzügen überwiegt hier auch die Zahl vermieteter Geschäfte. Denkmalschutz sei mehr, als nur auf Fassaden zu achten, sagt Andreas Christl. Er schaut in ein Ladenlokal: Mächtige Holzbalkendecken mit prachtvoller Bemalung gibt es hier. Noch vor 20 Jahren hätten viele Hausbesitzer solche Dinge eher als mühsam zu erhaltende Last empfunden. „Da wurde so etwas gesichert und dann verhängt.“ Mittlerweile setze ein Umdenken ein. „Viele Eigentümer spüren, dass das historische Erbe ja gerade das Flair der Altstadt ausmacht und auch Leute hierher zieht.“ Also runter mit den abgehängten Decken! In immer mehr Meißner Häusern wird die Historie restauriert und stolz gezeigt.

Wenn man in die Görnische Gasse einbiegt, hat man diesen Eindruck noch nicht. Es ist ein städtebaulich schwieriges Terrain: Auch ein Vierteljahrhundert nach der „Wende“ sehen viele Häuser noch so aus wie 1987 – oder noch verfallener. In der ohnehin weitgehend freigezogenen Meißner Altstadt erlebte die Görnische Gasse in den 1990er Jahren noch einmal Entvölkerung. Bis dahin bewohnte Häuser wurden leer. Verriegelt gammeln sie seit Jahren vor sich hin. Dazwischen stehen auch sanierte Häuser, doch der Eindruck bleibt ein zwiespältiger: Auf der Görnischen Gasse scheint die Wende zum Besseren noch nicht geschafft.

Oder doch? Denn es gibt hier eben doch Hoffnungszeichen. Die Görnische Gasse 4 hat wieder eine schmucke, farbig gefasste Fassade. Die Restaurierung wurde vor einigen Monaten beendet. Jetzt hat das alte Haus wieder Bewohner. Auch die Görnische Gasse 35 ist eine Baustelle: Aus der Brandruine wurde wieder ein Wohnhaus. Andreas Christl setzt auf Zuzug ins Stadtzentrum: „Wer jetzt in die Altstadt zieht, ist meist jung, weiß das Besondere der alten Häuser zu schätzen und will genau so wohnen.“ Der Görnischen Gasse 35 ist von außen übrigens nicht anzusehen, dass sich in ihrem Inneren die vermutlich älteste Holzbalkendecke von Meißen befindet. Auch sie wird restauriert.

Ist so etwas nicht sehr aufwendig? Welcher Bauherr kann sich das leisten? Verhindern Auflagen des Denkmalschutzes, dass sich Interessenten für alte Häuser finden? Andreas Christl wird grundsätzlich: Denkmalschutzbehörden und Bauherren entwickelten idealerweise gemeinsam einen sehr individuellen Plan für die Erhaltung eines historischen Gebäudes. Und dabei gehe es nicht um Vorschriften und Konfrontation, sondern um Kooperation. „Denkmalschutz soll ja mehrere Dinge gewährleisten: die historische Substanz erhalten, aber auch eine neue Nutzung der Denkmale möglich machen.“

Die Zwischenbilanz des Denkmalschützers zur Görnischen Gasse fällt gemischt aus. In einigen der heute verfallenen Häuser könne sich bald etwas zum Besseren wenden, sagt Andreas Christl. Dort bereiteten Eigentümer Bauarbeiten vor. Andere Immobilien blieben weiterhin stark gefährdet. Bei einem Haus sei beispielsweise der Eigentümer nicht mehr auffindbar. Dort müsse die Stadt so gut es geht die Bausubstanz sichern.

Durch die Rosengasse geht es zurück zum Markt. Über die Jahre ist hier viel saniert worden – auch weil viele Eigentümer in ihren Häusern wohnen, sagt Andreas Christl. Wäre es in allen Meißner Straßen so, wäre die Stadt noch besser erhalten, meint der Denkmalschützer. Eigentümer, die in ihren Häusern wohnen, hätten einen anderen Bezug zu dem Gebäude. Sie engagierten sich gegen jedes Zeichen des Verfalls.

Für die Meißner Altstadt brachten die Jahre der DDR und die Nachwendezeit große Umbrüche in der althergebrachten Eigentümerstruktur. Die DDR kommunalisierte Immobilien, die dann verfielen. Nach der Wende übernahmen Alteigentümer, von denen viele inzwischen nicht mehr in Meißen lebten. Das Verkaufsmonopoly begann. Heute sind viele Altstadt-Immobilien im Besitz von Nicht-Meißnern, für die Wohnungs- und Geschäftsleerstand durch vorteilhafte Steuerregelungen nicht unbedingt eine finanzielle Einbuße bedeuten muss.

Vielleicht ändere sich das auch wieder, sagt Denkmalschützer Christl auf dem Weg zurück zum Markt. Alles in allem: Bei der Meißner Stadtsanierung sei schon viel geschafft. „Die Wende war für diese Stadt ein Glücksfall.“ Aber besser könne es natürlich immer noch werden.