Kann Meißen das Hochwasser aussperren?

Bei starkem Hochwasser leider ein gewohntes Bild: Die Meißner Altstadt wird zur Seenlandschaft. Ingenieur Holger Metzig entwickelt nun Pläne, die Fluten aus der Stadt zu halten. Foto: Archiv

Ein Ingenieur entwickelt eine neue Idee für den Flutschutz der Altstadt. Nun soll diskutiert werden, ob Meißen seine Hochwasservorsorge umstellt.

Holger Metzig formuliert vorsichtig. „Es ist eine Idee, noch keine Umsetzungsplanung.“ Doch die Idee umzusetzen, würde sich für Meißen lohnen, ist sich der Ingenieur und Stadtrat sicher. Es geht ihm darum, die Meißner Altstadt dauerhaft auch vor starkem Hochwasser zu schützen. Das gilt bislang als unlösbar.

Denn die Lage der Stadt ist ein Problem. Dicht an der Elbe stehen die Häuser. Die „offene Flanke“ zum Fluss ist mehrere hundert Meter lang. Und selbst wenn sie geschlossen würde, hätte man die Überflutungsgefahr nicht gebannt. Im Gegenteil: Mit abzudichten wäre die Triebischmündung. Sobald das aber geschähe, staute sich der kleinere Fluss, der mitten durch die Altstadt fließt ...

Ingenieur Holger Metzig erwägt nicht weniger, als den Meißner Hochwasserschutz neu zu konzipieren. Es wäre ein Paradigmenwechsel. „Auf dem Tisch liegen drei Optionen“, erklärt er. „Die erste wäre es, einfach mit dem immer wiederkehrenden Hochwasser zu leben.“ So macht man es in Venedig, aber dort steigt das Wasser auch nicht übermannshoch in flussnahe Häuser. Option Nummer eins falle für Meißen also aus.

„Die zweite Variante ist es, das steigende Wasser in die Stadt zu lassen, dabei aber die Gebäude so gut wie möglich zu schützen.“ Das praktiziere man derzeit in Meißen. Die Bilanz fällt für Metzig aber durchwachsen aus. „Bei den Fluten von 2002 und 2013 gab es in der Meißner Altstadt Schäden von insgesamt rund 400 Millionen Euro.“ Und nach jeder Flut musste mit hohem Aufwand getrocknet, saniert und umgebaut werden.

Option Nummer drei erschien bislang für Meißen undenkbar. Wie wäre es, das Wasser einfach komplett aus der Altstadt auszusperren? Viel zu aufwendig, technisch kaum machbar und wenn doch, viel zu teuer: Das sind bislang die Argumente gegen eine solche Lösung. Holger Metzig glaubt, dass sie dennoch grundsätzlich umsetzbar ist.

Der Mann aus dem Baufach hat seine Vorstellungen zu einem neuen Hochwasserschutz für die Altstadt monatelang erwogen. Jetzt zeigt er Skizzen. Oberirdisch wäre die Sache eher einfach, sagt Holger Metzig. Vor der Meißner Altstadt ließen sich bei einem Hochwasser mobile Wände aufbauen, teils auf den schon vorhandenen festen Schutzmauern. In anderen Städten schützten solche Systeme auch. Der Aufbau von mobilen Wänden vor der Altstadt wäre in zwei Tagen zu schaffen.

Ein größeres Problem für Meißen ist jedoch der eher lockere Untergrund unter der Altstadt. Bei einem Hochwasser sickert hier die Feuchte bis an die Oberfläche. Das Wasser drückt aus dem Boden in die Altstadt. Um diese Gefahr auszusperren, müssten an den Uferbereichen der Altstadt Schutzwände in den Boden kommen. Das Verfahren, bei dem Beton über Bohrungen in die Erde eingebracht wird, wäre aufwendig. Zu bedenken sei ein weiteres Problem, sagt Holger Metzig. Eine komplett geschlossene unterirdische Schutzwand unterbräche auch die in die Elbe mündenden Regenwasserleitungen der Altstadt. Da bräuchte es bei Hochwasser Abhilfe durch Schieber und Pumpen. Eventuelles Sickerwasser müsste gesammelt und abgeleitet werden. Das ließe sich lösen, meint Metzig. „Für das Abschiebern von Leitungen und alternative Lösungen gibt es in der Stadt ja bereits Konzepte.“.

Unterbrochen würde bei einem Hochwasser auch der Wasserfluss von der Triebisch in die Elbe. Holger Metzigs Idee ist es, bei einer Elbe-Flut die Triebischmündung per Schutzwand abzudichten. Doch wohin mit dem ankommenden Wasser? „Dafür bräuchten wir starke Pumpen.“ Sie ließen sich an der Triebischmündung einbauen und würden bei Bedarf Wasser durch die geschlossene Wand in die Elbe pumpen. Das sei durchaus machbar, so der Ingenieur. Zwei Pumpen, die zusammen pro Sekunde 16 Kubikmeter Wasser befördern, könnten die Stadtwerke per Aggregat betreiben. In anderen Städten, die auf Komplett-Abdichtung setzen, seien bei Hochwasser sogar weit leistungsfähigere Pumpen im Einsatz. „In Hitzacker sind die sogar für 60 Kubikmeter pro Sekunde ausgelegt.“

Überhaupt lohne der Blick in andere Städte, sagt Holger Metzig. Ebenso wie die niedersächsische Elbe-Stadt Hitzacker setze etwa auch das viel größere Regensburg auf die Möglichkeit, Fluten gänzlich aus der Stadt zu halten. Schwere Hochwasser der Donau hätten die Bayern zum Umdenken gebracht. „An Regensburg sieht man aber auch, dass der umfassende Schutz nicht von heute auf morgen zu haben ist.“ Die Bauarbeiten dort seien langwierig und teuer. „In Regensburg will man die Schutzanlagen 2025 komplett fertig haben“, sagt Holger Metzig. Rund 100 Millionen Euro werden dafür investiert. Allerdings hat Regensburg auch mit 37 Kilometern viel mehr Uferbereiche zu schützen als Meißen. „Bei uns geht es um rund 600 Meter vor der Altstadt.“

Wie lange dafür gebaut werden müsste, wie teuer der Flutschutz würde: Das kann der Ingenieur noch nicht sagen. „Wir reden hier von Jahren. Aber der Aufwand würde sich lohnen: Denken Sie an die 400 Millionen Euro Schaden, die wir 2002 und 2013 hatten.“ Holger Metzig will mit seinen Plänen zunächst eine Diskussion anstoßen. Ist ein Komplett-Schutz der Meißner Altstadt vor Hochwasser machbar und erwünscht? Darüber müssten Stadtrat und Stadtverwaltung entscheiden. Bei Metzigs Ratsfraktion, der Unabhängigen Liste Meißen, gibt es Unterstützung. Die ULM will das Thema auf die Agenda des Stadtrats setzen.

Entscheiden sich die Meißner dafür, beginnt erst das Ringen um die Umsetzung. „Die Stadt wäre mit dem Bau überfordert“, weiß Holger Metzig. „Bau und Finanzierung müssten die zuständigen Landesbehörden übernehmen.“ Da ist noch Überzeugungsarbeit nötig.