Öfter mal Ärger ums Grün vor der Haustür

Zwei Bäume, ein Problem: Die Linden vor dem Theater sollen weichen. Nun hat eine grundsätzliche Diskussion ums Meißner Stadtgrün begonnen. Foto: Archiv

Über den Zustand und die Zukunft der Meißner Stadtbäume wird derzeit viel diskutiert. Welchen Prämissen folgt die Stadtverwaltung bei dem Thema?

Der Meißner will es grün und ärgert sich, wenn ein Baum verloren geht. In jüngster Zeit sieht er zu solchem Ärger oft Anlass. „Die Baumfällaktionen haben in Meißen große Ausmaße angenommen“, sagt etwa Grit Yildiz. Gemeinsam mit anderen hat sie das „Aktionsbündnis Grünes Meißen“ ins Leben gerufen und eine Petition für den Erhalt von Stadtbäumen gestartet. Eine gefällte Silberpappel an der Loge, Schwund bei den Buchen am Waldschlösschen, dezimiertes Grün an der Elbe: Ist Meißen eine Stadt, in der Axt und Säge das Sagen haben?

Vor allem an der geplanten Fällung von zwei Linden auf dem Theaterplatz entzündete sich Streit. Die Bäume sollen einer Neugestaltung des Platzes weichen. Als Ersatz sind mehrere kleinere Bäume vorgesehen. Für die Linden gab es sogar eine kleine Demonstration. Die Sache ist politisch geworden und mittlerweile auch etwas vergiftet. An den Protest der Baumschützer hängten sich jüngst auch ungebetene Unterstützer dran. Im Internet ernannte sich bereits die offenbar den neu-rechten „Identitären“ nahe stehende „Meißner Wellenlänge“ zum Verteidiger der Theaterplatz-Linden.

Wer fällt welches Grün und aus welchen Gründen? Ist die Stadt ein Baumvernichter? Wie oft wird in Meißner Privatgärten die Säge angesetzt? Wie werden Bäume geschützt und wo wird nachgepflanzt? Im Meißner Bauamt versucht Katrin Diersche, einen Überblick übers Thema zu geben. Die Planerin ist für das Meißner Stadtgrün zuständig.

Zum Auftakt ein zweifellos richtiger Gemeinplatz: Die Stadt lässt Bäume fällen, aber auch pflanzen – zuletzt etwa an der Gerbergasse. Dort stehen seit dem vergangenen Herbst junge Bäume. Planerin Katrin Diersche ist dem Stadtgrün wohl gesonnen. Sie zählt auf, was Bäume in der Stadt an Gutem bewirken. Sie binden Kohlendioxid und produzieren Sauerstoff. Sie filtern Staub aus der stickigen Stadtluft, spenden Schatten und kühlen sommers ihre Umgebung dank Verdunstung. Dabei gelte die einfache Regel: je größer der Baum, desto mehr. Junges Stadtgrün ist schön, älteres noch schöner. „Denken Sie nur an die Linden auf dem Heinrichsplatz. Die stammen schon aus der Zeit um 1905.“

Warum sollen dann die beiden Bäume vor dem Theater schon nach gut 20 Jahren gefällt werden? Sie haben offenbar mindestens ein Standort-Problem. Nicht nur, dass der Platz vor dem Theater-Eingang für neue Nutzungen freigemacht werden soll. In der Stadtverwaltung argumentiert man auch mit Anforderungen eines sich verändernden Klimas und mit der sehr komplizierten Standort-Suche für Bäume in einer Stadt.

„Vor jeder Pflanzung wird heutzutage sehr genau überlegt, was wo in die Erde kommt“, sagt Diersche. Am Beispiel der „Stadtulmen“ und „Stadtbirnen“ an der Gerbergasse: Die sollten nicht nur für ein oder zwei Jahre, sondern für Jahrzehnte stehen. In früheren Zeiten sah man das vielleicht nicht immer so. Die Vorfahren machten es sich leichter: Sie pflanzten, was ihnen gefiel oder was gerade Mode war.

Heute seien die Anforderungen höher, sagt Stadtplanerin Diersche. Der Klimawandel mache dem Stadtgrün zu schaffen. Das bedeute nicht nur, dass es in den Städten sommers heißer und trockener sei, als noch vor Jahrzehnten. Mit der Wärme kommen auch neue Schädlinge und Baumkrankheiten in mitteleuropäische Breiten. „Am bekanntesten ist wahrscheinlich die Kastanienminiermotte.“ Sie frisst an den Kastanienblättern und sorgt dafür, dass das Laub dieser beliebten Stadtbäume schon weit vor der Herbstzeit welkt und verdorrt.

Die Städte brauchten neue Bäume, die das veränderte Klima erträglicher werden lassen. Andererseits bekomme den bisher gewohnten Sorten der Wärme- und Trockenheitsstress sehr schlecht. Man setze also bei Neupflanzungen auf andere und neue Sorten, sagt Katrin Diersche. Sommerlinden seien in dicht bebauten Innenstädten keine allzu gute Wahl, Winterlinden schon eine bessere. Eigens gezüchtete „Stadtulmen“ und „Stadtbirnen“ wie an der Gerbergasse sollen mit den besonderen Bedingungen besonders gut zurechtkommen. „Sie wurzeln bis zu den Grundwasserschichten, entwickeln eher schlanke Baumkronen und tragen keine oder nur sehr kleine Früchte.“ Ebenso wichtig sei die Widerstandsfähigkeit gegen Krankheiten und Schädlinge, so Diersche. „Die Stadtbirnen sind zum Beispiel resistent gegen den Feuerbrand.“

Damit die Bäume 50, 100 oder mehr Jahre leben können, sei aber auf noch viel mehr zu achten. Schwierig wird es, wo Baum und Technik harmonieren müssen – in einer Stadt so gut wie überall. Gas-, Wasser- und Elektroleitungen sind unter den Straßen verlegt. Möglichst entfernt von den Wurzeln neuer Straßenbäume: Darauf werde heute geachtet, sagt die Planerin. Für Leitungsarbeiten in ein paar Jahren, soll kein Baum gefällt werden müssen. Die Altvorderen hätten es nicht immer so genau genommen. „Da wurden dann zum Beispiel auch Bäume auf Gasleitungen gepflanzt.“ Die feinen Wurzeln drangen in die Muffen der Rohre ein. Gas strömte aus und vergiftete die Bäume.

Kranke Bäume müssten dann eben doch gefällt werden. Das sorge immer wieder für Proteste von Anwohnern, sagt Katrin Diersche. Die Stadt pflanze nach, schon weil es dazu gesetzliche Verpflichtungen gibt. Die Schwierigkeit dabei: Die neuen Bäume sind jünger und entwickeln oft nur kleine Kronen. Sie sind meist kleiner als die, die verloren gehen.

Katrin Diersche kann einiges über die schwierige Beziehung von Stadtbewohnern zu Bäumen vor deren Haustüren erzählen. Mal beschwere man sich über zu viel Schatten oder fallendes Laub, dann wieder über zu wenig Grün. Die Meißner haben auch selbst eine Verantwortung für das Grün in der Stadt, sagt die Planerin: „Auch die Bäume im Garten zählen dazu.“ Während um die „öffentlichen“ Bäume vor den Häusern oft erbittert gestritten werde, sei in den Privatgärten in den vergangenen Jahren ganz ohne Aufschrei viel Baumbestand verloren gegangen.

In Sachsen hatte vor einigen Jahren eine Gesetzesnovelle Fällungen in privaten Gärten Vorschub geleistet. Viel mehr Bäume als zuvor können seither ohne Genehmigung umgesägt werden. „Der Effekt war deutlich zu spüren“, sagt Diersche. Die staatlich genehmigte „Aktion Säge“ habe in so manchen Meißner Gärten Opfer gefordert. Darauf habe die Stadtverwaltung kaum noch Einfluss. Sie könne in vielen dieser Fälle auch keinen Ersatz für verschwundene Bäume einfordern.

Jeder verlorene Baum ist eine Sorge um die Zukunft: Gilt das auch für Nadelbäume? Katrin Diersche will in dem alten Streit, ob Nadelgehölze überhaupt in Städte gehören, nicht dogmatisch argumentieren. Grundsätzlich seien Nadelbäume in Städten „eher verzichtbar“. „Aber ein Pauschalurteil ist da auch nicht richtig. Denken Sie an Zedern, Mammutbäume oder Lärchen in Villengärten! Das sind sehr wertvolle Bäume, die unbedingt erhalten werden sollten.“

Dass es in Meißen und anderen Städten vor Jahrhunderten kaum Bäume gegeben haben soll, sei übrigens eine Legende, sagt Katrin Diersche. Es komme nur darauf an, in welches Jahrhundert man zurückblicke. Die Meißner Bürger um 1500, 1600 oder 1700 hegten und pflegten Bäume in der Stadt – schon weil sie auch deren Früchte nutzen wollten. „Erst mit der Industrialisierung wurden die Quartiere immer mehr bebaut und jeder Quadratmeter genutzt“, so die Stadtplanerin. Die Bäume verschwanden. Aber wer will schon zurück in die Zeit rauchender Industrieschlote?