Rudolphs Werk zeigt Dresden als Landschaft

Ein Sammler-Ehepaar zeigt in Radebeul Werke des Künstlers Wilhelm Rudolph. Im Mittelpunkt stehen dessen Bildzyklen zum Thema "Dresden 45".

Das Ehepaar Gottfried und Annerose Klitzsch, seit Jahren in München lebend, lädt zum dritten Mal zu einer Ausstellung von Dresdner Kunst in seine Radebeuler Villa ein. Nach der Präsentation von Werken des Aquarellmeisters Paul Wilhelm im Jahr 2016 und einer spannungsvollen Doppelausstellung von Hermann Glöckner und Helmut Schmidt-Kirstein im vergangenen Winter wird nun seit dem 10. Februar das Werk des Dresdners Wilhelm Rudolph (1889 – 1982) vorgestellt.

Am 13. Februar wurde in Dresdens Innenstadt auf mehreren Litfaßsäulen für die Ausstellung „Wilhelm Rudolph – Dresden 45“ geworben. Das Plakatmotiv zeigte einen Holzschnitt der Dresdner Trümmerlandschaft „Ammonstraße“, den Rudolph 1946/47 geschaffen hatte und der bald danach in einer großen Kunstausstellung in der Nordhalle, dem heutigen Militärhistorischen Museum, große Beachtung fand.

Als Arbeiterkind im Jahr 1889 in Hilbersdorf bei Chemnitz geboren, besuchte Wilhelm Rudolph mit einem Stipendium aus der königlichen Schatulle die Dresdner Kunstakademie. Er überstand als einfacher Soldat im Ersten Weltkrieg vier Jahre an der Westfront, während neben ihm sein Bruder fiel. Zwischen den Weltkriegen konnte er sich dann mit seinem ausdrucksvollen Realismus in der deutschen Kunstszene behaupten.

Wilhelm Rudolphs Werke wurden angekauft und im Ausland gezeigt. 1929 war er an der Ausstellung Neuer Sachlichkeit im Stedelijk Museum Amsterdam beteiligt. Vor allem aber gehört er damals zu den Erneuerern des Holzschnittes. Dabei reizte ihn nicht der kokette Primitivismus des expressionistischen Flächenholzschnitts. Zunächst wählte er die Technik zur wohlfeilen Wiedergabe seiner Bilder für einen erweiterten Käuferkreis. „Ich hoffte, mit dieser Eindeutigkeit Menschen der verschiedensten Grade ansprechen zu können und fand, daß sich meine Eindrücke … in dem widerstrebenden Holz gestalten und unmittelbar ausdrücken ließen.“

Rudolphs schlichtes Bemühen, die Reize der Malerei und Federzeichnung in den Auflagendruck zu transportieren, führten ihn über die Jahre zu einer singulären Meisterschaft in diesem Fach. Aus den Werken der unmittelbaren deutschen Nachkriegskunst ragen Wilhelm Rudolphs Federzeichnungen und Holzschnitte zu Dresden und den Dresdnern hervor. Viele Künstler rangen damals mit abstrahierter Metaphorik, fahler Farbigkeit und einer Ästhetik der Armut, um eine künstlerische Signatur für die katastrophale Situation des völligen Zusammenbruchs von Land und Leuten zu schaffen. Man denke an die Ruinenbilder von Carl Hofer und Otto Dix. Während die Künstlerschaft weithin verunsichert war und an ihrem erprobten Bildstrategien irre wurde, erlangte Rudolphs Kunst unter den dramatischen Umständen eine noch nie dagewesene Intensität. Der Zusammenbruch manifestierte sich besonders drastisch in den Trümmerfeldern von Dresden. Ausgerechnet in diesem Zentrum der Vernichtung gelang einem Künstler der endgültige Durchbruch zur befreienden Form. Ein über die Jahre erprobter kraftvoller, intelligenter und doch von Räsonnement völlig unberührter Realismus stand ihm dafür zur Verfügung. Er erlaubte es ihm, einen gültigen Ausdruck dieser Zeit zu finden.

Die Privatsammlung Klitzsch hat ihren Schwerpunkt in dieser Rudolphschen Werkgruppe. In Radebeul wird ein musealer Überblick der Holzschnitte, Lithografien, Federzeichnungen und Aquarelle aus mehreren, über Jahre verfolgten Zyklen zu diesem Thema gezeigt. Gottfried Klitzsch möchte damit das Augenmerk auf den Zusammenhang lenken: Den Trümmern der Stadt entsprechen die „Menschenreste“, die Gespenstern gleich die Aschehaufen ihres Lebenssinns und ihrer Heimat durchstreifen. Da sind die Veduten der als Trümmerfassade ein letztes Mal aufscheinenden Barockstadt, da sind die Kolonnen der Vertriebenen, die Brennholzsammler in den Schutthalden und die „Trümmer der Wehrmacht“. Der Künstler hat den Menschen und seinen Lebensraum stets als Zusammenhang begriffen. Seine Aquarelle von „Dresden als Landschaft“ zeigen, wie die Natur von den geräumten Flächen zwischen den ausgebrannten Gehäusen wieder Besitz ergreift.

Früher genügten Andeutungen auf die Ereignisse vom Februar 1945. Beinahe jede Familie war auf die eine oder andere Weise betroffen. Häufig noch in den 1990er Jahren kamen ältere Dresdner in Unterhaltungen mit Besuchern rasch auf die Bombennächte zu sprechen – als wäre seither nichts Wesentliches in der Stadt mehr geschehen. Vielleicht wurde nun sogar mehr davon gesprochen als in den vorangegangenen Jahrzehnten, wo die Distanzierung „überlebensnotwendig“ war und von den überall noch gegenwärtigen Zeichen im Stadtbild lieber abgesehen wurde, um Lebensnormalität wiederzufinden.

Viele halten dem Anblick von Grauen nur in der Spiegelung durch eine künstlerische Form stand. Im Gegenzug verliert eine Kunst an Gewicht und Dauer, die solchen Erfahrungen vorsichtig aus dem Wege geht. Wilhelm Rudolph wusste, dass das Thema seiner Darstellungen den Zugang nicht einfacher macht. Anfang der 1980er Jahre sagte er: „Man darf noch kein volles Verständnis erwarten. Es ist noch zu früh für diese Sachen.“ Allerdings tut sich die Kunstwissenschaft heute schwerer damit, als die von Rudolph visierten „Menschen der verschiedensten Grade“.

Die Aufmerksamkeit der Radebeuler Ausstellung wägt maßvoll ab zwischen dem schwierigen Thema und der Exzellenz der Werke. Ein sorgfältig erstelltes, hervorragend gestaltetes Buch mit vielen erhellenden Textbeiträgen und brillanten Abbildungen bahnt den Zugang zum Werk und den Umständen seiner Entstehung. Es ist weit mehr als ein Katalog zur Ausstellung und ungeachtet der zwei Publikationen der Hochschule für Bildende Künste Dresden (2002) und der Städtischen Galerie (2014) das gehaltvollste Buch über den Künstler seit dem Essay des Leipziger Publizisten Horst Drescher von 1989.

„Wilhelm Rudolph – Dresden 45. Zeichnungen, Lithographien und Holzschnitte“, Hohe Straße 35 in Radebeul-West, geöffnet bis zum 6. Mai an den Wochenenden von 11.00 bis 18.00 Uhr (am 1. April geschlossen)