Glückliche Rückkehr mit Webers "Euryanthe"

Die Dresdner Philharmonie hat im Kulturpalast einen neuen Konzertsaal bekommen. Jetzt kehrt auch Dirigent Marek Janowski zu dem Orchester zurück, der einst im Streit um den Saal geschieden war. Foto: Dresdner Philharmonie/Jörg Simanowski

Der Dirigent Marek Janowski hatte wechselvolle Beziehungen zu Dresdens berühmten Orchestern. Zur Philharmonie kehrte er jetzt mit einem Werk von Carl Maria von Weber zurück.

Carl Maria von Webers „Freischütz“ gilt als eine deutsche „Nationaloper“. Von ihr gibt es viele Einspielungen mit berühmten Sängern und Dirigenten, von Joseph Keilberth über Carlos Kleiber bis zu Christian Thielemann. Vor einigen Jahren wurde das Werk gar zum Gegenstand des Opernfilmes „Hunters Bride“: gedreht an Naturschauplätzen, die schon den Komponisten inspirierten.

Gerade entgegengesetzt ist es mit Webers einziger durchkomponierten Oper „Euryanthe“. Die Uraufführung im Oktober 1823 am Wiener Kärntnertortheater unter Webers Leitung und mit der 17-jährigen Henriette Sonntag in der Titelrolle hatte Erfolg. Dennoch konnte das große romantische Werk nach einer Legende aus dem 13. Jahrhundert um die „überaus tugendhafte und keusche Prinzessin von Savoyen“ keinen Platz im gängigen Opernrepertoire behaupten.

Ignaz Franz Castelli meinte damals, die Oper sei „fünfzig Jahre zu früh gekommen“. Tatsächlich sollte es dann sogar dreimal so lange dauern, ehe im Weber-Gedenkjahr 1976 die erste Gesamteinspielung von „Euryanthe“ verfügbar war. Marek Janowski dirigierte damals die Dresdner Staatskapelle. Die Aufnahmen fanden 1974 in der Dresdner Lukaskirche statt, wo einige Jahre später auch die hervorragende Aufnahme von Wagners Ring mit Janowski und der Staatskapelle produziert wurde.

Der Dirigent war in der damaligen DDR auf ein Orchester mit einer einzigartigen Klangkultur getroffen, das sich zugleich für ein Arbeitsethos entzünden ließ, welches bei arrivierten Kollegen auf der anderen Seite des eisernen Vorhangs kaum noch anzutreffen war. Nachdem die Grenzen offen waren, änderte sich das. Die Umstände, unter denen die Loyalität sehr rasch einseitig aufgekündigt wurde, empfand der Dirigent als unanständig. Bis auf den heutigen Tag hat er nie wieder mit der Staatskapelle zusammengearbeitet.

Gleichwohl blieb Marek Janowski in Dresden präsent und war zu Beginn des Jahrtausends für einige Jahre sogar Chefdirigent der Dresdner Philharmonie. Diese Beziehung wurde dann gleichfalls mit Verdruss beendet. Unter dem Vorwand der Hochwasserschäden trat die Stadt Dresden von ihrem Versprechen zurück, endlich einen angemessenen Konzertsaal für die Philharmonie zu bauen.

Erst im vergangenen Jahr hat Philharmonie im Dresdner Kulturpalast „ihren“ exzellenten Saal bekommen. Und mit dieser Wendung zum Besseren kehrte nun auch Marek Janowski als Dirigent der Philharmonie nach Dresden zurück. In der Saison 2017/18 war er in einem Konzert mit der unvollendeten 9. Sinfonie von Bruckner und dem gleichfalls fragmentarischen 3. Klavierkonzert von Bela Bartok, mit Francesco Piemontesi am Flügel, zu erleben. Beinahe zeitgleich mit der Vertragsverlängerung von Christian Thielemann als Chefdirigent der Sächsischen Staatskapelle wurde bekannt, dass Marek Janowski ab 2019 das andere große Dresdner Orchester leiten soll. Dass damit für die Musikstadt Dresden bald große Zeiten anbrechen könnten, machte die konzertante Aufführung von Carl Maria von Webers „Euryanthe“ durch die Dresdner Philharmonie unter Marek Janowski am 19. Januar deutlich.

Die Gesamteinspielung von 1974 sollte ursprünglich von Otto Klemperer geleitet werden. Der sagte ab und mit Marek Janowskis Dirigat begann dessen fruchtbare Zusammenarbeit mit den Dresdner Orchestern. Über „Euryanthe“ sagt er: „Die Musik ist genial und unglaublich inspirierend, übertrifft die Qualität des ‚Freischütz’.“ Für das Dresdner Konzert im Januar stellte er eine Fassung zusammen, die ohne Atempause berückende klangliche Schönheiten herausstellt.

Wenn Euryanthe (Emily Magee) in einsamer Ödnis fleht „Wo berg’ ich mich?“, hören wir vertonte Landschaft und Raum gewordene Klänge. Das Orchester ist von Weber überschaubar besetzt und erzeugt dennoch gewaltige Wirkungen. Zwischen den ätherischen Geigen und Flöten und den unheimlichen Bässen und Hörnern spannt sich eine ganze Welt. Ein gespenstisches Weben scheint in der „Euryanthe“ aus der Wolfschlucht des „Freischütz’“ hinaufgestiegen zu sein. Es breitet sich als feiner Duft über die ganze Szenerie aus. Wenn es hier ebenfalls einen Jägerchor unter dem Titel „Die Thale dampfen“ gibt, so ist doch vom ländlich Lieblichen der Schützengeschichte nichts zu merken.

Durch musikalische Schönheit wird der gestelzte Ton des Librettos von Helmina von Chézy notwendig und glaubhaft. Oft singen die Instrumente mit den Sängern im Duett. Der Entstehung der geheimnisvollen Klangfarben, welche Weber für die Instrumentalgruppen geschrieben hat, ist bei genauem Hinsehen oft nicht auf die Schliche zu kommen. Alles ist verflochten und ergibt im Zusammenklang Töne, die keinem Instrument allein zu entlocken wären. Musik wird hier zur reinen Zauberei.

Dabei wurden dieser konzertanten Aufführung durch die Positionierung von Sängern und Instrumentalisten dramatische Wirkungen hinzugefügt. Während Eglantine (Catherine Foster), Adlor (Bernhard Berchtold) und Lysiart (Egils Silins) vor dem Orchester standen, kam der Bass des Königs Ludwig (Steven Humes) mäßigend und umfassend aus dem Hintergrund zwischen Geigen und Blech.

Im Finale des ersten Aufzugs verkünden die Trompeten von der Empore herab „Jubeltöne, Heldensöhne“. Die Damen und Herren des MDR-Rundfunkchors sangen auf dem Balkon unter der großen Orgel. In der Schlussszene umfasste sich das wieder gefundene Paar und kehrte sich dem jubelnden Chor zu. Das Konzert wurde vom Rundfunk aufgezeichnet und wird im Februar gesendet.

Die Rundfunkaufzeichnung wird am 3. Februar ab 19.05 auf Deutschlandfunk Kultur und am 24. Februar auf MDR Kultur gesendet.