Große Show mit besonderem Gangster

Ui (Michael Berndt-Canana), gekonnt symbolisch verkrümmt, nebst seinem Spießgesellen Roma (Sebastian Reusse) Foto: König

Bertolt Brechts düstere Parabel vom "aufhaltsamen Aufstieg des Arturo Ui" wurde an den Landesbühnen Sachsen neu inszeniert. Nicht nur der Hauptdarsteller leistet Großes.

Vorhang auf zur großen Gangster-Show! Der Auftakt zur Neuinszenierung des Brecht-Stücks vom „aufhaltsamen Aufstieg des Arturo Ui“ an den Landesbühnen Sachsen wirkt geradezu klassisch. Moritat trifft Mafiafilm, die Parallelen zur Politik sind klar erkennbar: Regisseur Peter Kube folgt den Spuren des Autors, der seinen „Arturo Ui“ 1941 als nur leicht verfremdeten Widergänger des machthungrigen Adolf Hitler auf die Bühne schickte.

Jener Ui wird also gebührend angekündigt. Conference, Musikuntermalung vom Piano und Tusch: Der Vorhang öffnet sich und gibt den Blick auf eine 1920er-Jahre-Chicago-Kulisse nebst Dauer-Theaterbenebelung frei. Da sitzt der Ui – ein Häufchen Elend. Seinen mit Gerissenheit, Tücke und Brutalität gemeisterten Aufstieg werden die Zuschauer nun gute zweieinhalb Stunden lang verfolgen. Dieser windige, verkrümmte Typ soll ganze Städte (also Länder) knechten können? Jawohl, das kann er – wenn sich ihm niemand in den Weg stellt.

In ihrer Bildsprache (Ausstattung: Stefan Weil) und Lesart des Stoffs ist die Inszenierung konsequent. Trenchcoats und edler Zwirn der Reichen und Mächtigen stehen gegen die Arbeitskluft derer, die von ihnen beherrscht werden. Das Ensemble kostet den besonderen, hohen Ton der Brechtschen Verse aus. Die Gegensätze sozialer Klassen treten offen zutage und Arturo Ui spielt mit ihnen zu seinem Vorteil. Himmelschreiend ungerecht sind die Zustände. Der Gangster nutzt sie aus und treibt sie auf die Spitze.

Die Hauptrolle des Arturo Ui ist mit Michael Berndt-Canana glänzend besetzt. Bei ihm ist der Gangsterboss – Brechts epischem Theater gemäß – eine karikaturenhafte Übertreibung. Berndt-Canana lebt sie zur Gänze aus, betreibt akrobatische Köperverrenkungen, führt aberwitzige Sprachkunststücke vor. Genau damit gelingt es ihm, in den äußerlich komisch wirkenden Extrempunkten von Uis Verhalten den bedrohlichen Ernst dieser Figur deutlich zu machen: ihr unbedingtes Streben nach Macht.

Daneben haben es andere Figuren schwerer, Wirkung zu entfalten. Als Kapitalisten des Karfioltrusts, die ihren Blumenkohl gegen alle Widerstände absetzen wollen und dafür Uis Hilfe in Anspruch nehmen, sind Felix Lydike, Johannes Krobbach und Marcus Staiger aalglatt. Uis Spießgesellen Roma (Sebastian Reusse), Givola (Grian Duesberg) und Giri (Marcus Staiger) bleiben trotz Durchtriebenheit und eigener Macht-Ambitionen doch stets Verfügungsmasse ihrer Chefs. Als Dockdaisy sorgt Julia Vincze für komische Momente in der düsteren Parabel. Sandra Maria Huimann hat vor allem als ambivalente Betty Dullfeet starke Auftritte. Kühl und berechnend bandelt sie zunächst Zusammenarbeit mit Ui an, gibt sich ihm schließlich lüstern hin. Nach der Ermordung ihres Mannes will sie dem Gangster die Gefolgschaft verweigern – und stimmt dann doch in den Jubelchor für Ui ein: Auch bei ihr kommt das Fressen vor der Moral.

Warum nun aber Ui ein nahezu widerstandloser Durchmarsch durch alle gesellschaftlichen Instanzen gelingt, bringt keine andere Figur so gut zum Ausdruck, wie die des greisen Senators Dogsborough. Tom Hantschel übernimmt diese Rolle: nach außen wohlanständig, doch hinter den Kulissen korrupt. Ein vermeintlich ehrenwerter Gangster wird leichte Beute für die unfeinen Gangster vom Schlage Uis. Die Gesellschaft, in der die ehrenwerten Gangster regieren, hat bereits ihre Maßstäbe und ihre Abwehrkräfte verloren.

Stringent und eindringlich stellt das die Radebeuler Inszenierung dar. Es ist eine stimmige Interpretation mit nur einem Manko: Indem sie das Geschehen so offensichtlich in der 1920er-Jahre-Kulisse verortet, setzt sie die Parabel – Epilog hin oder her – hinter den Schleier des Historischen. Wie geht Arturo Ui heute vor? Wie reagieren wir auf einen wie ihn? Diese Frage muss sich hier leider keiner stellen, der es nicht möchte.

Wieder am 30. Dezember, 5., 13. und 26. Januar