Die gelungene Bewahrung der Kuschelzone

Drei ratlose WG-Bewohner auf der Couch: Moritz Gabriel, Sophie Lüpfert und Luca Lehnert (v.l.) spielen in Lutz Hübners "Willkommen" an den Landesbühnen Foto: König

Wie nah darf Fremdes dem eigenen Alltag rücken? Darüber streitet eine WG im Theaterstück "Willkommen" an den Landesbühnen Sachsen.

Gerade noch Party, plötzlich frostige Stimmung: Dozent Benny kündigt den Mitbewohnern seiner Dresdner WG an, für ein Jahr in die USA zu gehen. Super! Glückwunsch und Küsschen. Sein Zimmer, erklärt Benny dann, würde er gern untervermieten. An einen nach Deutschland Geflüchteten: Diese bräuchten jede tatkräftige Unterstützung, um sich in die Gesellschaft ihres Ankunftslandes zu integrieren. Die Mienen der Mitbewohner frieren ein – und schon bald sind die deutschen Mittelklasse-Vertreter, die hier bislang so friedlich und kuschelig miteinander lebten, in den schönsten Streit verstrickt. „Willkommen“ heißt das neuste Erfolgsstück von Lutz Hübner, in dem nun aber niemand so unvoreingenommen und offenherzig Willkommen sagen möchte.

An den Landesbühnen Sachsen hat Regisseur Tom Quaas das Stück mit einem sehenswert aufspielendem Ensemble inszeniert und leicht an die lokalen Verhältnisse adaptiert. In der Rolle des Benny gibt Moritz Gabriel den für alles und jeden Verständnisvollen. Gut sein kann so einfach sein, wenn man nur für den Anlass sorgen und sich nicht mehr um eventuelle Folgen kümmern muss.

An die denken zwei der Mitbewohner schon jetzt in vorauseilender Zuschreibung und Erwartung. Jonas (Holger Uwe Thews) kümmert sich eigentlich nicht so um Politik und Interkulturelles. Aber in der Probezeit seines Banker-Traumberufs muss er ausgeschlafen sein. Eine syrische Familie im Nebenzimmer ginge da gar nicht: Man wisse ja schließlich, wie laut es bei Arabern so zugehe. Eine stille Frau wäre vielleicht eine Lösung …

Auch für Doro (Sophie Lüpfert): Der rollen sich nämlich schon beim Gedanken an einen arabischen Mann als Mitbewohner die Fußnägel hoch. Sie kenne das Macho-Gehabe von der Straße und verachte es zutiefst. Doro will in ihrer Wohnung leben, ohne sich sorgen zu müssen, ob ein Mitbewohner sich an ihren Liebhabern oder Sonnenbädern auf dem Dach stört.

Fotografin Sophie (Sandra Maria Huimann) ist dagegen Feuer und Flamme für Bennys Idee. Nicht ganz uneigennützig: Die Integration eines Flüchtlings-Mitbewohners könnte ja zum Thema ihres nächsten Kunstprojektes werden. Studentin Anna (Luca Lehnert) hat längst eigene interkulturelle Kontakte geknüpft. Sie schwanger vom Neuköllner Türken Achmed (Felix Lydike) – und darüber schwer verwirrt.

Und nun? Prallen in bester Lutz-Hübner-Manier Weltsichten nebst Vorurteilen aufeinander – so lange, bis jede Position ihre bedenkens- und entsorgenswerten Seiten offenbart hat. Mit miefigen Pauschal-Ressentiments und Gruppen-Vorurteilen kommt hier keiner durch, am Ende bekommt aber jeder sein Fett weg. In ihrer turbulenten WG-Aussprache bekriegen sich Doro, Sophie, Anna, Jonas und Benny, schließen wechselnd aberwitzige Koalitionen. Fein beobachtet und mit Ironie auf die Bühne gebracht sind diese mit vielen „könnte“, „würde“ und „sollte“ versehenen Sandkastenspiele der deutschen Mittelschicht.

Alle Figuren sind ein gekonnt überspitztes, doch lebensnahes Klischee: von der resoluten Doro, die „Errungenschaften der sächsischen Lebensart“ verteidigen will, bis zu Sophie, die in höchste Rage gerät, wenn ein Türke andere Türken „Kanaken“ nennt. Schwarz-Weiß ist nicht. Der Zuschauer blickt auf ein Schlachtfeld, auf dem die Konfliktlinien kreuz und quer verlaufen.

Und in dem eine WG am Ende doch einen allseits bequemen Kompromiss sucht. War ja immer so schön friedlich hier: Müssen wir ja nicht kaputt machen! Kann man die Aufregungen und Zumutungen der Welt nicht doch irgendwie vom eigenen kuscheligen Sofa fernhalten? Auch das ist sehr genau beobachtet und auf der Bühne umgesetzt.

Wieder am 12. und 19. November, 7. Dezember