Kunstverein geht mit zehn Ausstellungen "außer Haus"

Hier eröffnet kein Geschäft, sondern eine Ausstellung: Künstlerin Julia Boswank bei den Vorbereitungen in der Neugasse 15 Foto: Bahrmann

Der Leerstand von Geschäften und Sorgen um die Verödung der Innenstadt sind Teil des Meißner Alltags. Nun werden zehn Ladenlokale auf Zeit mit Kunst gefüllt.

Die Veränderung der Stadt ist nicht zu übersehen. In Meißens Altstadt stehen etliche Geschäfte leer. „Bei einem Rundgang Ende des vergangenen Jahres haben wir über 50 gezählt“, sagt Matthias Lehmann. „Wir“: Das sind in diesem Fall die Mitglieder des Meißner Kunstvereins. Und die bringen nun zumindest zeitweise wieder Leben in zehn dieser Ladenlokale: mit Kunst.

Dazu hat der Verein Vermieter angeschrieben, um kostenfreie Nutzung der Läden gebeten und sich Unterstützung aus Dresden geholt. Zehn Meisterschüler der Dresdner Kunsthochschule stellen vom 8. Juli bis zum 19. August Malereien und Zeichnungen, Installationen und Videokunstwerke in leeren Geschäften der Meißner Innenstadt aus.

„Außer Haus: Künstlerische Inventuren im Raum der Stadt“: Der Titel des Ausstellungsprojekts spielt auf mehrere Anliegen der Organisatoren an. „Außer Haus“ gehen diesmal sowohl der Kunstverein, als auch die beteiligten Künstler. Die Vereinsgalerie im Bennohaus am Markt wird während der Gruppenausstellung allein als Informationsstelle genutzt. Vor, während oder nach dem Rundgang können Besucher dort Station machen und sich Interviews anhören, die Magdalena Schreiter, eine Schülerin des Landesgymnasiums Sankt Afra, mit den beteiligten Künstlern geführt hat. Die Kunst selbst hat diesmal ihren Platz in der Stadt: nicht in einer Museums- oder Galerievitrine, sondern an den Alltagsorten Meißens.

Zu klassischen Ausstellungen kommt interessiertes, oft kundiges Publikum in Museen oder Galerien. Die Meißner werden dagegen der Kunst im Alltag begegnen: zufällig beim Blick in Schaufenster. Diese ungewöhnliche Konstellation sei herausfordernd und reizvoll, sagt die Dresdner Kunstprofessorin Monika Brandmeier, deren Meisterschüler in Meißen ausstellen. Schon beim Aufbau in den Geschäften seien die ersten Kontakte zustande gekommen. „Das Interesse, an dem, was wir hier machen, ist groß“, sagt zum Beispiel Marit Wolters, deren Installation „Fassade“ in der Neugasse 19 zu sehen ist. Nachbarn und Passanten hätten bereits sehr interessiert nachgefragt. „Da gibt es keine Scheu“, bestätigt auch Künstlerin Julia Boswank, die unter dem Titel „Blick nach vorn“ in der Neugasse 15 ausstellt. „Die Anlieger freuen sich über unsere Aktion. Wir merken, dass der Leerstand ein Thema ist, das die Stadt beschäftigt.“

Dazu passt die „Inventur“, die der Kunstverein mit dem Ausstellungsprojekt anregen will. Was geschieht mit der Stadt, wenn die über Jahrhunderte gewohnte Ökonomie zusammenbricht? Das Internet wird zum neuen Umschlagplatz von Waren, Ideen und Unterhaltung. Den Städten droht dagegen Verödung: Nicht nur in Meißen stehen immer mehr Läden leer.

Mit diesen Themen setzen sich die Künstler auf unterschiedliche Weise auseinander. Die inhaltliche und gestalterische Spanne der gezeigten Arbeiten ist groß. Gleich ist dagegen die Perspektive, die die Betrachter einnehmen. Die Läden bleiben geschlossen, die Kunstwerke entfalten ihre Wirkung allein beim Blick durch die Schaufenster. Die Vielfalt der künstlerischen „Inventur“ der Meißner Altstadt erschließt sich am besten bei geführten Rundgängen zu den zehn temporären Ausstellungsorten. Bislang sind zwei solcher Touren geplant: Sie beginnen am 22. Juli und am 12. August jeweils 17.00 Uhr in der Kunstvereins-Galerie am Markt. Bei großem Interesse werde man weitere Führungen anbieten, sagt Kurator Matthias Lehmann.

Ein erstes Fazit zieht er schon vorab. Das Ausstellungsprojekt werde Meißens Leerstandsproblem nicht lösen. Es könne aber das Bewusstsein der Meißner beeinflussen. Zum einen verdeutliche es die gegenwärtige Situation. Zum anderen bringe es neue Lösungsansätze ins Spiel: Die Stadt lebe nicht nur von der Ökonomie, sondern auch von Kultur und einem Gefühl des Miteinanders. „Wir zeigen soziale und künstlerische Kooperation als eine Perspektive für die Belebung der Stadt.“

Die Finissage der Ausstellung findet zur „Langen Nacht“ am 19. August statt: Auch an diesem Tag wird ab 20.00 Uhr ein geführter Rundgang stattfinden.