Blick in die Lebenswelt von gestern

Das "Zeitreise"-Museum ist von Radebeul nach Dresden umgezogen. Im Hochhaus am Albertplatz entfaltet es jetzt ein Panorama des DDR-Alltags.

Einer Besucherin entfährt es angesichts der nachgestellten Wohnlandschaft aus sozialistischer Konsumgüterproduktion: „Das war meine Welt.“ Und für 17 Millionen Ostdeutsche bedeutete das Staatsterritorium der Deutschen Demokratischen Republik bis zur Maueröffnung tatsächlich die Welt. Denn wer nicht zum staatstreuen Reisekader gehörte, konnte allenfalls einen bemessenen Urlaub in einem sozialistischen Bruderland ergattern.

Unter dem Namen „Welt der DDR“ ist nun die Sammlung des Radebeuler „Zeitreise“-Museums seit Januar im Hochhaus am Dresdner Albertplatz zu besichtigen. In einem der Obergeschosse des Simmel-Einkaufsmarktes ergibt sich damit ein reizvoller Kontrast: kapitalistische Warenvielfalt hier, die äußere Hülle des realsozialistischen Lebensalltags von vor 1989 dort.

Mit dem Umzug von Radebeul nach Dresden wurde nicht nur die Anordnung, sondern auch das Konzept der Präsentation etwas modifiziert. Der Besucher wird nun nicht über den Unrechtsstaat und die Stasi-Überwachung belehrt. Es gibt keinen wissenschaftlichen oder gesellschaftspolitischen Anspruch der Ausstellung. Es geht lediglich darum, die Atmosphäre einer verflossenen Gegenwart nacherlebbar zu machen. Wer sich dieser Stimmung nicht unkommentiert hingeben mag, wird sich der „Welt der DDR“ eben nicht ausliefern. Für kritische Vergangenheitsaufarbeitung gibt es Angebote von den Zentralen für politische Bildung bis zum Haus der Geschichte. Sensationen sind dagegen Zyklen unterworfen. In Radebeul waren die Besucherzahlen des „Zeitreise“-Museums zuletzt zurückgegangen.

Das Fazit der neuen Präsentation könnte lauten: Weniger ist mehr. Statt der etagenweisen endlosen Archivierung wird am neuen Standort ein beinahe vollständiges Kaleidoskop von DDR-Alltagsleben entfaltet.

An der Wand der Schau zieht sich eine Fahrzeugparade entlang. Die Mitte des langgestreckten Hauptraumes wurde geschickt in Kojen geteilt. Die Stellwände sind mit alten Zeitungen tapeziert. Da finden sich ein Postamt, eine Poliklinik, ein Friseur. Bemerkenswert vollständig sind Vorzimmer und Chefzimmer des Volkseigenen Betriebs „Cowaplast“ aus Coswig-Kötitz erhalten. An dieser Stelle wird die „Welt der DDR“ zu einer archäologischen Soziologie. Das Chefzimmer, wie es bis zur Wende in Betrieb war, wird sich nur unwesentlich von dem der Vorgängerbetriebe unterschieden haben, die „Deutsche Pluviusin A.-G.“ und „Kötitzer Leder- und Wachstuch-Werke Aktiengesellschaft“ hießen. Bei allem Niedergang und aller Vernachlässigung trug die DDR auch konservierende Züge. Hinzu kam später noch das Merkmal der Stagnation.

Mit den Exponaten des Museums hat sich dadurch auch ein Stück gesamtdeutsche Vergangenheit erhalten, für die die DDR spätestens ab den 1970er Jahren als eine Arche Noah wirkte. Mit dem Begriff des Museums wird in Dresden ehrlicherweise nicht mehr gearbeitet. Geboten wird das Eintauchen in eine perfekte Kulisse.

Es gibt viele Besucher, die sich beim Rundgang völlig den Wiedererkennungseffekten hingeben. In einem Glasschrank stehen Unterrichtsmaterialien. Eine Reihe von Räumen mit privater Wohnungseinrichtung erweckt den Eindruck, durch ein vormaliges Möbelhaus zu schlendern. So wie man damals meist vor Überraschungen gefeit war, weil es beinahe überall dasselbe gab, so überrascht heute die Wiederbegegnung. Ein Besucher stellt fest: „Das ist wirklich mein Kinderschrank.“ Eine Frau erzählt: „So ein Sternradio hab’ ich noch. Das hab’ ich in den Garten mitgenommen.“

Zu sehen ist unter anderem auch, dass die Sanitärkeramik der DDR versuchte, vielfältig zu sein. Toilettenbecken in braun und himmelblau zielten auf eine geschmacklose Abweichung vom immer gleichen Weiß. Jedoch ist der Raumteiler zur Buchhandlung am Ende des Rundgangs nichts weniger als gutes Kunsthandwerk. Dergleichen geglückte Verschönerungen gab es in der öffentlichen Lebensumwelt der DDR auch. Der Schau gelingt eine Art von Objektivität: Nichts wird denunziert und nichts beschönigt.

Viele Objekte, die auf der begrenzten Fläche des neuen Dresdner Domizils nicht dauerhaft ausgestellt werden können, sind zuweilen bei Depotführungen zu sehen. Die Auswahl der Dauerausstellung lässt allerdings nichts zu wünschen übrig. Der Umfang ist beinahe erschöpfend. Ein Rahmenprogramm von thematischen Veranstaltungen ergänzt die neu eingerichtete „Welt der DDR“.