"Zorro" als Musical: Tanzen, Rächen, Singen

Da haben sich zwei gefunden: Unübersehbar sind die schöne Luisa (Iris Stefanie Maier) und der edle Rächer Zorro (Carlos Matos) einander zugetan Foto: König

Die Landesbühnen Sachsen präsentieren die Abenteuergeschichte von "Zorro" als Musical. Frei interpretiert wird darin wohlbekannte Popmusik.

Wer hätte gedacht, dass ein Tänzer so gut singen kann? Carlos Matos, Chef der Ballett-Sparte der Landesbühnen Sachsen, kann sich nicht nur anmutig bewegen. Einer Musical-Ausbildung sei dank ist er auch bestens bei Stimme. Wie in der neusten Inszenierung des Radebeuler Theaters zu sehen und zu hören ist: In „Zorro – Das Musical“ glänzt Matos in der Titelrolle.

Mit Maske, Sombrero, wehendem Umhang und Degen: So kommt Abenteuerheld Zorro gerade immer im richtigen Moment auf die Bühne, wenn Schutzlose vor der Willkür grausamer Herrscher zu retten sind. In diesem Fall ist Zorros eigener Bruder Ramon (Andreas Petzoldt) der Diktator. Mit ihm liegt der Held nicht nur aus politischen, sondern auch aus amourösen Gründen im Clinch. Beide freien um Luisa (Iris Stefanie Maier), eine Freundin aus Kindertagen. Freiheitskampf, Liebeswirren, familiäre Verwicklungen: Voilá, da ist ein echtes Theatergebräu angerichtet!

In diesem Falle schmeckt es mal nach spritzigem Sekt, mal nach Eintopf und manchmal auch nach beidem zusammen, was eine verwirrend komische Kombination ist. Gewollt oder ungewollt? Das ist keine leicht zu beantwortende Frage.

Vielleicht liegt es ja daran, dass das 2008 in Großbritannien uraufgeführte Musical um Zorro alle Themen und Publikumsinteressen bedienen will. Wichtigstes Lockmittel ist süffige Sommermusik, die jeder kennen dürfte, der in oder vor den 1980ern geboren wurde. Mit Flamenco-Pop hatten die „Gypsie Kings“ Weltkarriere gemacht. Ihre Hits „Diobi, Djoba“, „Bamboleo“ und „Baila Me“ werden großzügig für die Theaterschmonzette verwurstet. Freunde der Abenteuerliteratur kommen ins Theater, um hier die Heldentaten Zorros auf der Bühne zu sehen. Dann ist da auch noch die politische Ebene: Zorro führt einen Aufstand der Unterdrückten gegen die Diktatur seines Bruders an. Das ist nun durchaus ernst gemeint. Der abrupte Wechsel der Stimmungslagen bringt den Musical-Dampfer ab und zu in starkes Schlingern.

In der Landesbühnen-Inszenierung ist es an Carlos Matos in der Rolle Zorros, alle Erwartungshaltungen zu bedienen. Das macht er ausgezeichnet. Feurig tanzend bezirzt er die Frauen. Seine Gesangsstimme ist beeindruckend. Wichtig auch: Diesem Zorro blitzt der Schalk aus den Augen. Das schafft die nötige ironische Distanz, die es braucht, die Lieder und Texte des Stücks zu ertragen. Erschreckend dreist reimen Holger Hauer und Jürgen Hartmann in der deutschen Übersetzung fortwährend „Herz“ auf „Schmerz“ und „zwischen den Stühlen“ auf „spielst mit meinen Gefühlen“.

Unter der Leitung von Jan Michael Horstmann macht eine kleine, feine Band dazu flott tanzbare Musik. Regisseur Manuel Schöbel bringt jede Menge spanisch angehauchtes Leben auf die von Stefan Wiel gestaltete Bühne. Die Tänzer der Landesbühnen-Compagnie wirbeln im Flamenco-Schritt. Der Opernchor zeigt sich als Landvolk. Wieder einmal zahlt sich die Zusammenarbeit des Radebeuler Theaters mit der Theaterakademie Sachsen aus. Mehrere Studentinnen lassen in verschiedenen Rollen ihre eindrucksvollen Stimmen ertönen.

Apropos „eindrucksvolle Stimme“: Nicht nur Carlos Matos ist eine sängerische Entdeckung auf der Radebeuler Bühne. Emily Burns-Scott in der Rolle von Zorros früherer Geliebten Inez steuert fast soulige Klänge bei. Dafür gab es bei den ersten Aufführungen extra großen Applaus. Eine sichere Bank sind die Besetzungen aus dem Opernensemble der Landesbühnen. Iris Stefanie Maier gibt der von Zorro umworbenen Luisa mehrere Facetten: kokett als verliebte junge Frau, von gerechtem Zorn entflammt im Freiheitskampf. Andreas Petzoldt gewinnt selbst der Rolle des Widerlings Ramon noch Charakternuancierungen ab. Der Musical-Küchenpsychologe weiß: Der Diktator ist durch ein Kindheitstrauma geprägt. Stets fühlte er sich gegenüber seinem Bruder zurückgesetzt, so dass er schließlich unleidlich wurde.

Das Musical ist kein Stoff für Theater-Feingeister. Die Handlung liegt platt auf der Hand wie die kalifornische Wüste unter stechender Sonne. Das Gute wird siegen, das Böse wird bestraft: Wozu wäre sonst Zorro da? Hier zählt das Gefühl und nicht die politische Weltlage. Dementsprechend theatralisch wird auf der Bühne agiert. In vielen Szenen gewinnt die Radebeuler Inszenierung daraus eine leichte, dem Abenteuerroman angemessene Stimmung. Schwierig wird es immer dann, wenn doch Politik ins Spiel kommt. Dann wird aus großen Gesten einfach großer Kitsch.

Aber das ist letztlich zu verschmerzen. Ein Musical ist eben Musical: mal Sekt, mal Eintopf, mal beides. In der Erinnerung bleiben schöne Tänze, schöne Stimmen – und eine überraschend gut besetzte Heldenrolle.

Wieder am 26. Mai und 9. Juni