Kunst aus Porzellan im Chemnitzer Wasserschloss

Das Wasserschloss von Chemnitz-Klaffenbach ist derzeit Ausstellungsort für Porzellankunst. Auch Künstler aus Dresden und Meißen zeigen dort ihre Werke.

Das Wasserschloss von Klaffenbach bei Chemnitz ist noch bis zum 11. Juni Ausstellungsort für Kunstwerke aus Porzellan und Keramik. Drei Ausstellungen werden dort in einer präsentiert – unter prominenter Beteiligung von Künstlern aus Meißen und der Dresdner Region. Zu den Ausstellern gehören unter anderem Silvia Klöde von der Künstlergruppe „Weißer Elefant“ und Olaf Stoy nebst den Mitgliedern des Dresdner Porzellankunstvereins.

Stoy und die Vereinsmitglieder widmen sich in ihrem ausgestellten Werk einem sehr aktuellen Themenkomplex: weltweite Flucht- und Migrationsbewegungen und deren Ursachen. Im Frühjahr 2015 beherrschte das Flüchtlingsthema den Alltag, doch die Diskussion über Ursache und Wirkung gehörte kaum dazu. Bilder von zerbombten Städten und flüchtenden Menschen prägten die Berichterstattung. Die Flüchtlingswelle rollte über den Balkan auf Deutschland zu. Die Politik schien überfordert. Proteste gegen Asylbewerber eskalierten. Es gab Anschläge auf Unterkünfte und Übergriffe auf Pro-Asyl-Veranstaltungen: auch in Freital, der Heimat des Dresdner Porzellankunstvereins.

Künstler nehmen das aktuelle Geschehen auf ihre eigene Weise wahr. Die Welt verändert und Gegensätze verschärfen sich. Täglich wird man mit kriegerischen Auseinandersetzungen, Terror und offen zur Schau getragenem Extremismus konfrontiert. Wie kann man mit den Mitteln der Kunst darauf reagieren?

Die Mitglieder des Dresdner Porzellankunstvereins haben dazu folgenden Standpunkt: Kunst könne die Welt nicht verändern, aber es sei möglich, Zeichen zu setzen. Man könne Menschen zusammenbringen, die der gefühlten Hilflosigkeit etwas entgegensetzen wollen. So wurde die Idee für die Porzellan-Installation „100 Blüten“ entwickelt, die aktuell im Wasserschloss Klaffenbach zu sehen ist.

Als Grundlage modellierte der Künstler Olaf Stoy eine Blütenform in zwei unterschiedlichen Größen und nahm Gipsformen davon ab. Daraus wurden nach und nach einhundert Porzellanblüten hergestellt. Vom 14-jährigen Flüchtlingskind bis zum 79-jährigen Vereinsmitglied beteiligten sich Laien wie Profis an der Herstellung. Es entstanden sehr individuell gestaltete Blüten. Bei näherer Betrachtung lassen sich unterschiedlichste Handschriften entdecken. Zusammen ergeben sie ein Ganzes: Es steht für die Möglichkeit gemeinsamen Handelns im positivem Sinne. Eine weitere Lesart: Porzellan ist zerbrechlich …genauso zerbrechlich wie die Balance des gesellschaftlichen Zusammenlebens. Also muss man vorsichtig damit umgehen.

Die Installation „100 Blüten“ ist als Wanderausstellung konzipiert. Bisher wurde sie unter anderem zum „Tag der Kunst“ in Pirna, bei der ersten „Porzellanbiennale“ auf der Albrechtsburg in Meißen und im restaurierten Kreuzgang des Freiberger Doms gezeigt.

Die Bildhauerin Silvia Klöde stellt im Klaffenbacher Schloss Frauenbüsten aus Porzellan aus. Sie sind ein bekanntes Sujet von ihr: vielgestaltige, mehrdeutige, sympathische und lebensfrohe Darstellungen von Menschen, die als „Quellen der Inspiration und Faszination“ mitten unter uns leben. Silvia Klöde hatte nach ihrem Studium in Dresden ihre Lebensaufgabe in der Porzellan-Manufaktur Meissen gefunden und ihr porzellanenes Lebenswerk bis 2010 sukzessive erweitert. Die Porträtbüste als freie Erfindung der Künstlerin besitzt ein wirkungsreiches künstlerisch-ästhetisches Potenzial.

Die originelle Welt der Büsten von Silvia Klöde entsteht einzig und allein durch sie selbst. Wach und geschult ist ihre Sensibilität. Unvoreingenommen nimmt die Künstlerin unsere Lebensverhältnisse wahr und sie weiß, dass sie sich einzig und allein darauf verlassen kann. Die Büsten sind Mittel ihrer Lebensbewältigung und persönliche Botschaften.

Mit dem Werk „Auf-Getaucht“ begann 2011 für Silvia Klöde eine neue Schaffensperiode. Von ihm leiten sich weitere Gestaltungen ab. Mit der 2012 entstandenen Büste „Manu-ELA“ artikulierte die Künstlerin ein künstlerisches Programm für die Zukunft. Die Buchstaben „ELA“ stehen für „Erfolgreich, Leistungsfähig, Attraktiv“.

Als Künstlerin sieht Silvia Klöde das „Abbild an sich“ nicht unbedingt als das Erstrebenswerte ihres Tuns. Bei manchen Rezipienten steht es noch immer hoch im Kurs, denn oftmals will man nur das sehen, was man eben schon kennt. Silvia Klöde ignoriert dennoch nicht die Grundsituation des Körperlichen: Augen, Ohren, Mund, Nase, Schultern und Busen. Zur Kennzeichnung der menschlichen Wesenheit setzt sie die farblichen Gestaltungen ein. Sie machen das Charakteristische der Persönlichkeit auf der Oberfläche der Plastik anschaulich.

Für Silvia Klöde ist es ein Balanceakt zwischen der Plastizität der Form und der farblich strukturierten Bemalung. Ihre Büsten sind harmonisch proportioniert, ebenmäßig und immer als Frauenbüste erkennbar. Durch die polychrome Bemalung entstehen liebenswerte junge Frauen. Oft haben sie den Betrachter im Blick. Sie sind aber auch nachdenklich in sich gekehrt: fragend, betörend, zweifelnd, niemals theatralisch, sondern eher verträumt, sehnsüchtig, witzig, optimistisch, wissend, herausfordernd, keck, verspielt, skeptisch. Alle wissen sehr wohl um ihre Attraktivität, ihren Charme, ihren Mut – und um ihre Zweifel wohl auch.

Damit gelingt es Klöde, ein differenziertes Spektrum von Lebenseinstellungen heutiger Frauen künstlerisch zu interpretieren. Für die Betrachter ist es ein Vergnügen, in diese Gesichter zu blicken und mit ihnen zu kommunizieren. Silvia Klöde findet ihre Anregungen in der phantasievollen Betrachtung des Alltags und nicht in der Vergangenheit, selbst wenn sie das „Urteil des Paris“ darstellt. Sie bleibt mit ihren Figuren in unserer Gegenwart: Jeder Jüngling, jeder Mann erwählt sich irgendwann seine „schönste Frau der Welt“, an deren Auswahl sie aber überaus aktiv beteiligt ist. Drei dieser Köpfe, gut zueinander platziert, entfalten eine fast bühnenreife Szenerie aller Gefühlsregungen.

Die Porzellane von Silvia Klöde – Leuchter, Spiegelrahmen, Wandbilder und vor allem ihre Frauenbüsten – sind im Schloss Klaffenbach in einem eigenen Raum eindrucksvoll und mit einer betörend poetischen Ausstrahlung arrangiert. Die Lichtregie ermöglicht optimale ästhetische Wirkungen.

Anders bei der Installation „100 Blüten“ von Olaf Stoy und dem Dresdner Porzellankunstverein. Sie ist im Klaffenbacher Schloss leider kläglich gefangen in einem viel zu kleinen Raum, in den Besucher nur unvollkommen von außen hineinblicken können – entweder von der inneren Haustreppe oder aus der Fahrstuhlkabine! Die Verantwortlichen für diese misslungene Situation hatten offenbar weder ein rationales noch emotionales Verständnis für die ästhetische Energie dieser eindrucksvollen Installation. Sonst hätten sie dieses fatale und geistlose „Eingesperrtsein“ nicht geduldet.