Ein Pfarrer und viel Volk in "Gottes eigenem Land"

Setzten schon im 18. Jahrhundert auf Völkerverständigung: Gojko Mitic als Häuptling Fliegender Pfeil (li.) und Moritz Gabriel als Pfarrer Heinrich Melchior Mühlenberg Foto: König

Die Landesbühnen Sachsen verhelfen einer Figur der deutsch-amerikanischen Geschichte zu Theater-Ehren. Heinrich Melchior Mühlenberg leistet viel in "Gottes eigenem Land".

Heinrich Melchior Mühlenberg hatte es wahrlich nicht einfach. Eigentlich wollte der Pfarrer als Missionar nach Indien. Doch der hallesche Pietisten-Vorsteher Gotthilf August Francke hatte andere Pläne mit ihm: Er schickte Mühlenberg anno 1742 nach Nordamerika.

Eine Art Himmelfahrtskommando: Mühlenberg sollte unter den evangelischen Siedlern für Ordnung sorgen. Die waren als eher raues Volk bekannt und hatten sich von den theologischen Idealen der europäischen Kirchenoberen weit entfernt. Schon der Seeweg zu den verirrten Schäfchen war mühsam und gefahrenreich. Zu allem Übel wurde Mühlenberg in der „neuen Welt“ nicht mit offenen Armen empfangen. Die Zahl der Prediger, die dort die Menschen auf mehr oder minder rechte Wege führen wollten, war groß. Der Pfarrer aus Halle hatte mit starker Konkurrenz zu kämpfen – unter anderem von den Herrnhuter Brüdern aus Sachsen.

Von den Mühen Mühlenbergs, seinem bewegten Leben in Nordamerika und seinen letztlich errungenen Erfolgen als „Vater der lutherischen Kirche“ in den USA erzählt an den Landesbühnen Sachsen das Stück „In Gottes eigenem Land“. Die Inszenierung nach einer gleichnamigen Buchvorlage von Eberhard Görner ist ein Beitrag des Radebeuler Theaters zu den diesjährigen Reformations-Feierlichkeiten. Gezeigt wird sie in den nächsten Wochen auch bei den Meißner Burgfestspielen.

Zwei Fragen stellen sich dem geneigten Zuschauer. Was hat die Geschichte von Heinrich Melchior Mühlenberg mit Martin Luther und der Reformation zu tun? Und gelingt es, die Buchvorlage angemessen und ansprechend für die Theaterbühne zu übersetzen?

Besonders die Antwort auf Frage Zwei ist sicher auch von individuellen Vorlieben geprägt. Die Aufgabe, aus Eberhard Görners Mühlenberg-Buch „In Gottes eigenem Land“ ein Theaterstück zu fertigen, übernahm ein erfahrener Bühnenautor. Olaf Hörbe ist selbst Mitglied des Schauspielensembles der Landesbühnen Sachsen. In der Vergangenheit adaptierte er bereits mehrere Werke Karl Mays für die Aufführungen auf der Rathener Felsenbühne. Doch man muss zugeben: Zwischen May und Mühlenberg liegen Welten.

Der Radebeuler Abenteuerschriftsteller schrieb auf Effekt von wagemutigen Helden, deren Kämpfen und Edeltaten. Autor Eberhard Görner hatte es da schon schwerer. In Heinrich Mühlenbergs Leben drehte sich vieles um eher spröde Themen wie Bibelauslegung und Kirchenverfassung. Und selbst wenn sich das daraus entstandene Buch dank literarischer Stilmittel süffig liest: Wie bringt man so etwas auf die Bühne, wo es dargestellt werden muss?

Mit jeder Menge Volk! Der britische Regisseur Damian Cruden, der die Inszenierung an den Landesbühnen leitete, ist ein Spezialist für die Arbeit mit sogenannten „community players“. Auch in Radebeul holt er die Laien auf die Bühne: Neben Profis spielen sie Siedler, Indianer, Soldaten. Das Konzept geht auf. Die Laien vermögen Erstaunliches. Ihr Spiel ist im besten Sinne „Volkstheater“. Sie zeigen kleine Charakterstudien, statt nur Statisten zu sein.

Und noch mehr Volk betritt die Bühne. Es sind Chöre: jeweils verschiedene an den unterschiedlichen Aufführungsorten des Stücks. Mit einem ähnlichen Konzept hatten die Landesbühnen schon in der Inszenierung „Wie im Himmel“ Erfolg. Die Gesangsensembles stellen zum einen ganze Kirchgemeinden dar. Mit ihren Interpretationen von religiösen Liedern steuern sie zudem das bei, was die Inszenierung wesentlich trägt und strukturiert: Musik.

„In Gottes eigenem Land“ ist mit einem wahren Soundtrack unterlegt. Für den sorgen nicht nur die volkreichen Chöre, sondern auch das fünfköpfige Herren-Gesangsensemble „Nobiles“. Dessen Mitglieder interpretieren mal kirchliche Klänge, mal indianische Gesänge. „Nebenbei“ spielen sie auch noch. Die Sänger schlüpfen in verschiedene Rollen.

Zentrum der manchmal wimmelbuchartigen Szenen ist jedoch stets Moritz Gabriel in der Rolle des Heinrich Mühlenberg. Allzu leicht machen es ihm Stück und Regie zunächst nicht, ein differenziertes Charakterbild des Pfarrers zu zeichnen. Zu dicht gepackt ist die Abfolge von Episoden aus Mühlenbergs Leben. Zu einfach gerät hin und wieder die Zuordnung von „Gut“ und „Böse“. Die durchschimmernde Absicht: Mühlenberg wirkt wie ein Held. Erst im zweiten Teil des Abends gewinnt die Inszenierung etwas mehr Ruhe. Nun ist es auch möglich, Widersprüche in des Pfarrers Charakter anzudeuten.

Eine weitere tragende Rolle hat Julia Rani als Mühlenbergs Ehefrau Anna Maria. Frisch, selbstbewusst und mit wachem Geist: So wird sie zum Rollenvorbild und zur Identifikationsfigur für Zuschauerinnen.

Am meisten dient Stück und Inszenierung jedoch die Einführung von zwei Erzählerrollen. Sophie Lüpfert und Holger Uwe Thews sind als Mühlenbergs Schatten, rettende Engel oder widerstreitende Stimmen ständig auf der Bühne präsent. Sie halten auch milde ironische Distanz, wenn Mühlenberg wieder im Heldenglanz erstrahlt.

Gojko Mitic, der als Gast-Star die Rolle des Indianer-Häuptlings Fliegender Pfeil übernommen hat, zeichnet diesen Charakter überraschend mehrschichtig. Fliegender Pfeil ist keine „edle Rothaut“ wie bei Karl May, sondern ein Stammesführer, der in politischen Wirren nach einer Überlebenschance für sein Volk sucht.

Von Luther und der Reformation ist das alles schon recht weit entfernt, eine Verbindung zum aktuellen Jubeljahr nur schwach erkennbar. Interessant ist „In Gottes eigenem Land“ trotzdem: weil das Stück einen Theologen porträtiert, der in bewegter Zeit auch unter Widerständen seinen Weg ging, neue Wege fand und Umwege dabei in Kauf nahm.

Interessant ist das Stück auch, weil es die Lust am Theater zu wecken vermag. Sichtbar bei den Laienspielern auf der Bühne, aber auch bei den Zuschauern: „In Gottes eigenem Land“ ist wie gemacht für die Freiluft-Aufführungen der Burgfestspiele.

Am 3. und 4. Juni im Radebeuler Theater, am 16. und 17. Juni bei den Burgfestspielen in Meißen