Bischof Benno statt Luther in der Albrechtsburg

Auch dieses wertvolle Stück ist ein Exponat der Meißner Sonderausstellung: Die Mitra wird Bischof Benno zugeschrieben, ist tatsächlich wohl aber erst im 14. Jahrhundert entstanden Foto: Henning von Rochow

In der Albrechtsburg Meißen widmet sich eine ungewöhnliche Sonderausstellung nicht nur dem Thema Reformation. Sie glänzt mit hochkarätigen Exponaten.

So unterläuft man Erwartungen. Jahrelang arbeitete man im Schlösserland Sachsen am Reformations-Thema. In der 2007 begonnenen „Luther-Dekade“ füllten sich die dem Freistaat gehörenden Schlösser und Burgen mit hochkarätigen Ausstellungen. Im Schloss Rochlitz würdigten Sonderschauen die Frauen, die das sächsische Reformationsgeschehen prägten. Im Nossener Schloss beleuchtet man, wie sich der hiesige Adel im Widerstreit der Konfessionen verhielt. Das Torgauer Schloss Hartenfels wird stolz als „Residenz der Reformation“ präsentiert.

Und Meißen? Hier gestalte man nun – passend im Jubeljahr der Reformation – den Höhepunkt der „Lutherdekade“ im Schlösserland, sagt dessen Chef Christian Striefler. Es ist: „ein Kontrapunkt“. Man setzt auf den Effekt der Überraschung. Reformator Martin Luther ist nicht der Held der Sonderschau, die in diesem Jahr Besucher in die Albrechtsburg locken soll. Stattdessen ein Katholik, ein Heiliger sogar. Es ist Bischof Benno von Meißen, der im Titel der Ausstellung als „Sachsens erster Heiliger“ angekündigt wird.

Das war er tatsächlich, wenn man unter „Sachsen“ das Gebiet des heutigen Freistaats versteht. Und natürlich hat die Ausstellung auch mit der – weit nach Bennos Lebzeiten stattgefundenen – Kirchenreformation zu tun. Die Schau widmet sich der Konfessionsspaltung quasi über Bande: am Beispiel des historischen Meißner Bischofs, der ausgerechnet zu der Zeit heilig gesprochen wurde, in der sich in Wittenberg und Torgau schon der evangelische Glaube durchgesetzt hatte.

Und auch im benachbarten albertinischen Sachsen seinen Siegeszug fortsetzen wollte: Noch hielt hier aber die altgläubige Landesherrschaft dagegen. In den bewegten Reformationszeiten hatte Herzog Georg von Sachsen die Heiligsprechung von Bischof Benno betrieben. Bei seinen Untertanen musste er dazu nicht allzu viel Überzeugungsarbeit leisten. In Sachsen war Benno schon seit dem 13. Jahrhundert volksfrömmig verehrt worden. Im Meißner Dom gab es ein prächtiges Hochgrab für seine vermeintlichen Gebeine. Hierher pilgerte, wer sich himmlischen Beistand in schwierigen Lebenslagen erhoffte. Dem noch nicht offiziell heiligen Benno wurden Wunder zugeschrieben.

Kein Wunder war es, dass der katholischen Kirche und Sachsens Herzog Georg anno 1523 die Heiligsprechung Bennos sehr wichtig war. Sie war ein Zeichen der Stärke in der Abwehr der noch jungen evangelischen Konfession.

Kuratorin Claudia Kunde hat für die neue Ausstellung in der Albrechtsburg beides zusammengebracht: die vermeintlichen Wunder und die Legenden um Benno mit den religionspolitischen Fakten. Die Schau bebildert exquisit das wenige Bekannte zu des Bischofs Leben, vor allem aber dessen spätere Deutungen. 210 Exponate werden präsentiert. Sie stammen aus Museen, Kirchen und Archiven in ganz Europa. Unter anderem steuerten die katholischen Bistümer Dresden-Meißen und München-Freising, die mit dem heiligen Benno eng verbunden sind, wertvolle Leihgaben bei. So schickten die Münchner sogar Bennos vermeintlichen Bischofsstab nach Meißen. Bislang wurde der streng geschützt in der bayrischen Hauptstadt aufbewahrt: „Hier ist er nun zum ersten Mal außerhalb von München ausgestellt“, sagt Claudia Kunde. Das Bistum Dresden-Meißen lieh eine Mitra aus, die Benno gehört haben soll.

Beide Exponate teilen mit anderen Dingen, die Benno zugeschrieben werden, ein Problem: Sie können nicht in seinem Besitz gewesen sein. Untersuchungen ergaben, dass Mitra und Bischofsstab wohl erst nach dem Tod des Bischofs angefertigt wurden. Das thematisiert die Ausstellung – und die politischen Vorgänge, die hinter den Zuschreibungen an den Heiligen standen. Auch Luther kommt zu Wort, der anno 1524 „wider den neuen Abgott und alten Teufel, der zu Meißen soll erhoben werden“ polemisierte.

Lange dauerte die Verehrung des Heiligen Benno in Meißen ohnehin nicht. 1539 wechselte mit dem Landesherrscher auch die religiöse Ausrichtung des albertinischen Sachsens von „katholisch“ zu „evangelisch“. Das Grab Bennos im Meißner Dom wurde öffentlichkeitswirksam zerstört: „ein dramatisches Ereignis“, sagt Ausstellungskuratorin Claudia Kunde. Die vermeintlichen Gebeine des Heiligen wurden versteckt und gelangten später auf verschlungenen Wegen nach München, wo Benno noch heute hoch verehrt wird. Benno-Reliquien wurden in alle Winde zerstreut oder zerstört. Gleiches geschah mit dem gesamten Meißner Domschatz.

Damit das im Zuge der Ausstellungsvorbereitungen gewonnene Wissen nicht verloren geht, hat das Schlösserland ein voluminöses Begleitbuch zur Ausstellung herausgebracht. Tatsächlich habe es einige interessante Funde gegeben, sagt Claudia Kunde. Ein Beispiel: „Im sächsischen Staatsarchiv haben wir die Heiligsprechungsurkunde Bennos entdeckt.“ Dieses Dokument war bislang nicht bekannt gewesen. Mit den vielen anderen Exponaten ist es nun bis Anfang November in der Ausstellung „Ein Schatz nicht von Gold“ in der Albrechtsburg zu sehen.