Die Geschichte der Schöpfung nach Goldberg

George Taboris "Goldberg-Variationen" machen das Theater zum Schauplatz einer biblisch anmutenden Erzählung: neu inszeniert an den Landesbühnen Sachsen.

„Die leere Bühne ist eine Stätte der Schönheit – besonders am ersten Probentag, wenn noch nichts schiefgegangen ist.“ Auf der Studiobühne der Landesbühnen Sachsen wird jedoch bald ein mittleres Chaos herrschen, angerichtet von einem Regisseur mit Gottes-Attitüde und dilettierenden Schauspielern mit Star-Allüren. Ein Bühnen-Lebens-Wahnsinn. Armer Goldberg!

In George Taboris Schauspiel „Die Goldberg-Variationen“ müht sich jener Regieassistent nach Kräften, den losen Laden einer offenbar von einem Unstern beschienenen Inszenierung zusammenzuhalten. Nichts weniger als die biblische Geschichte soll gespielt werden, inklusive Schöpfungsgeschichte, Moses, Kain, Abel, Isaak und Jesus. Ein gutes Ende des Unternehmens ist kaum zu erwarten. Der gottgleiche Regisseur Mr. Jay hat üble Laune und keine Lust. Die Schauspieler sabotieren seine Pläne nach Kräften. Es ist an Goldberg, alle bei Laune zu halten und aufs Ziel einzuschwören.

„Die Goldberg-Variationen“ hat an den Landesbühnen Sachsen Marcelo Diaz in Szene gesetzt. Zu Taboris geschliffenen Worten addiert er eine einfallsreich bunte Ausstattung von Anja Furthmann. Das Theater im Theater wird vor allem von einem Schauspieler getragen: Michael Berndt-Cananá in der Titelrolle des Goldberg. Seiner Aufgabe ergeben, mal dienstfertig, mal schlau kombinierend, mal begeistert, dann verzweifelt: So schlägt sich Goldberg durch das Bühnengeschehen, das natürlich an das ganz große Welttheater erinnert.

So vielschichtig und facettenreich wie Michael Berndt-Cananá in der Rolle des Goldberg dürfen sich nicht alle Akteure zeigen. Am ehesten noch Olaf Hörbe als tyrannischer Regisseur Mr. Jay: Der Bühnen-Gott, dessen Name an Jahwe erinnert, ist Goldbergs Widerpart und intellektueller Sparringspartner. Übel gelaunt, an anderen Menschen – Schauspielern gar – uninteressiert, es sei denn, sie sind weiblich und lassen sich ins Bett ziehen: So stiefelt Mr. Jay über die Bühne. Seine kaum versteckte Lust an der Demütigung der Menschen, besonders Goldbergs, ist nicht zu übersehen. Der misanthropische Typ ist eine Paraderolle, die Olaf Hörbe gut ausfüllt.

Das gemeine Schauspieler-Volk hat es da schwerer. Tom Hantschel, Felix Lydike und Johannes Krobbach sind als Typen gebucht, Futter für Gags. Über die ausgiebig dargebotene Unbeholfenheit der Herren darf gelacht werden. An ihnen kommen auch die hübsch überdrehten Kostüme von Anja Furthmann gut zur Geltung. Julia Vincze meistert ihren Part gut. Sie schlüpft in mehrere Rollen: Sowohl als Putzfrau, als Schauspiel-Star wie auch als taffe Bühnenbildnerin wird ihr in der Inszenierung dennoch kaum mehr zugestanden, als Stichworte für die Rededuelle von Goldberg und Mr. Jay zu geben.

Komödie kippt zu Groteske, dreht zu Tragödie, wird in Lachen aufgefangen: Auf solch schmalem Grat balanciert Marcelo Diaz’ Inszenierung. Das gelingt vielfach gut. Ein Preis der Stimmungswechselbäder ist jedoch das schnelle Überspielen manch interessanter Momente. Ausspielen, Aushalten, Hineinbegeben: Das ist nicht möglich, wenn auf Tränen schnell wieder Lachen folgen soll. Im Ergebnis heben sich die kurzen Ausschläge nach oben und unten auf. Es bleibt der Eindruck einer soliden Mittellage.