Die Barbaren-Frau, die mit dem Raumschiff kam

Da schwebt ein Raumschiff über Korinth: Am Dresdner Staatsschauspiel ist das Drama um "Medea" zu sehen Foto: Horn

Am Dresdner Staatsschauspiel wird Euripides' Drama um "Medea" erzählt. Es geht um kulturelle Fremdheit und die Fremdheit eines ehemaligen Paares.

Es beginnt wie ein alltägliches Scheidungsdrama. Ein Mann verlässt seine Frau und die gemeinsamen Kinder, weil ihm eine neue Heirat die Chance zum gesellschaftlichen Aufstieg bietet. Die Frau ist verzweifelt und droht dem Untreuen Rache an.

Das ist nun doch keine alltägliche Scheidungsgeschichte, sondern eines der ältesten Dramen, die die Menschheit kennt. Die verlassene Frau heißt Medea und ihre Rache am Mann ist furchtbar. Medea tötet nicht nur die künftige Ehefrau, die sich Jason ausgesucht hat. Sie bringt auch die beiden gemeinsamen Söhne um.

Die Mutter als Mörderin ihrer Nachkommen: Kann man die Motive einer solchen Tat begreifen? Seit über 2000 Jahren wird Euripides’ „Medea“ auf Theaterbühnen interpretiert. Die Kindstötung ist ein kaum fasslicher Akt geblieben. In Dresden geht nun Regisseurin Christina Rast an die Deutung der Tat. Ihre „Medea“-Inszenierung ist im Großen Haus des Staatsschauspiels zu sehen.

Die Regisseurin und Bühnenbildnerin Franziska Rast setzen an den Anfang ein starkes Bild, fast plakativ in seiner Aussage. Über der Bühne schwebt ein Raumschiff, ein „UFO“ wie aus einem Science-Fiction-Film der 1960er. Darunter hat sich die trauernde Medea mit ihrer Kinderschar in ein Bettenlager eingegraben. Jeder sieht: Diese Frau ist ein Alien in der wohlgeordneten Welt Korinths.

Paula Dombrowski spielt Medea von der ersten Minute an so mitreißend, dass keine Frage aufkommt, ob ihre Trauer und ihr Rachedurst berechtigt oder doch schon pathologisch sind. Es ist Medeas Abend, die Sicht einer Frau auf die Katastrophe ihrer Familie. Wer einen solchen Verrat erlebte, hat recht.

Fast genüsslich ruft sich Medea in Erinnerung, dass sie es war, die Jasons Aufstieg erst ermöglichte. Sie, Königstochter eines Barbarenvolks, half ihrem griechischen Geliebten, das Goldene Vlies zu erbeuten. Sie flüchtete mit ihm, verteidigte ihn vor Feinden und brachte dabei ihren Bruder um. Nun brach Jason das Liebesversprechen. Die starke, kluge und geheimnisvolle Frau an seiner Seite war ihm einst nützlich. Nun hindert sie ihn.

Medea bringt mit ihrer Klage nicht nur die Zuschauer auf ihrer Seite. Sie scharrt auch ihre Kinder um sich. Mit Maschinengewehren in der Hand umringen sie beschützend die Mutter, die mit ihrer Enttäuschung und Wut noch stärker ein Fremdkörper in den gut geölten Machtmechanismen Korinths ist. Diese Frau hat Feinde. Sie ist dieser Welt ein Feind.

Jason, der Grieche, hat hier offenbar einen kulturellen Vorsprung. Er bewegt sich sicher auf dem ihm bekannten gesellschaftlichen Parkett. Sebsatian Wendelin legt diese Figur als überaus biegsamen Typen, fast schon eine Karikatur, an. Korinth steht jedoch auf seiner Seite. Froh ist man hier, die „Barbarin“ Medea wieder loszuwerden. Korinth den Korinthern!

Die Dresdner Inszenierung spricht diese Dimension des „Medea“-Stoffs an, vermeidet aber einfache Aktualisierungen und erhebt sie auch nicht zur einzigen Deutungsebene. Nein, Medea ist eine mehrfach Enttäuschte, Ausgestoßene und Verlassene.

Man wendet sich wieder der Tragödie zwischen Frau und Mann zu. Die Trennung als Abrechnung, die Kinder als Druckmittel, unerwiderte Liebe, gefühlte Beleidigung und der soziale Tod einer geschiedenen Frau: Das kennt man offenbar noch heute, wie es schon Euripides kannte. Jason spricht von gütlicher Scheidung und materieller Absicherung. Eine Beziehung darf man gescheitert nennen, wenn zwei Menschen so aneinander vorbei reden, wie es hier der Fall ist. Es wäre ein ganz alltägliches Scheidungsdrama, wenn man nicht Medeas fatale Konsequenz schon kennen würde.

Neben der live gespielten musikalischen Untermalung von Jarii van Gohl und Felix Müller trägt die Übersetzung von Simon Werle zur zeitgenössischen Anmutung der Inszenierung bei. Als Reminiszenz an die klassische griechische Tragödie gestaltet das kleine Ensemble (neben den Genannten Benjamin Pauquet und Sebastian Göpel) auch Chorszenen. Abgesehen davon hat die Sprache aber einen sehr heutigen Ton.

Wir sehen, wie Medea in ihrem Schmerz gefangen ist. Was treibt sie nun zum Mord an ihren Kindern? Rachedurst, Protest gegen Ausgrenzung, der Wunsch, alle Brücken hinter sich abzubrechen und neu zu beginnen? Letzteres wird nicht gelingen: Das weiß Medea selbst. Mit der Tötung ihrer Kinder bricht sie die Brücken zur Gesellschaft ab, wird endgültig zur Getriebenen und Verfolgten.

Diese Konsequenz trägt Medea. Warum sie es tut, bleibt ein Rätsel. Zum Schluss der Inszenierung wieder ein starkes Bild: Das Raumschiff kommt und trägt die fremd Gebliebene fort aus Korinth. Ob sie an einem anderen Ort Verständnis findet?

Wieder am 6., 13., 19., 28. und 30. April