Leider nur ein Grusel aus längst vergangener Zeit

Noch Dr. Jekyll oder schon Mr. Hyde? An den Landesbühnen ist Moritz Gabriel in der Doppelrolle zu sehen. Foto: König

Die Landesbühnen Sachsen zeigen die Geschichte von "Dr. Jekyll und Mr. Hyde". Die Inszenierung von Axel Köhler schwelgt in viktorianischem Ambiente.

Irgendetwas stimmt nicht mit diesem Mann. Das merkt man schon in der ersten Szene. Fahrig wirkt da der junge Arzt Dr. Henry Jekyll (Moritz Gabriel), als er seiner Schwester (Sophie Lüpfert) gegenübersitzt. Düster-drohend ist die Atmosphäre in der neusten Inszenierung der Landesbühnen Sachsen.

Regisseur Axel Köhler hat mit dem Schauspiel-Ensemble des Radebeuler Theaters ein Stück nach Robert Louis Stevensons bekannter Schauergeschichte von „Dr. Jekyll und Mr. Hyde“ in Szene gesetzt. Weithin bekannt ist Köhler für seine Opern-Inszenierungen. Der Radebeuler „Jekyll/Hyde“ ist sein erster Ausflug ins Schauspiel-Fach: Vielleicht ist das eine Erklärung für das, was mit dem Abend nicht so recht stimmt.

Jekyll fordert von seiner Schwester die Aufzeichnungen des verstorbenen Vaters. Der war ebenfalls Arzt und forschte offenbar nach den Geheimnissen der menschlichen Seele. Zögern und Erschrecken auf dem Gesicht der Frau: Diese geheimen, Unglück verheißenden Notizen will ihr Bruder haben? Der Vater, so sagt sie, sei ein Teufel in Menschengestalt gewesen.

Die Handlung der Inszenierung ist im viktorianischen England angesiedelt: Man hört hochtönende Sprache, sieht noble Häuser mit Dienstbotenschaft, prächtige Kleider und Knöpfstiefel, Gehröcke und Zylinder (Ausstattung: Stefan Wiel). Prinzipiell ist nichts dagegen zu sagen, einem Stück die Aura seiner Entstehungszeit zu lassen. Auf Biegen und Brechen erzwungene Aktualisierung bringt keinen Gewinn. Doch Gleiches gilt auch für den Blick in ein Theatermuseum, wenn das Thema durchaus Anlass böte, über zeitlos gültige Prämissen der menschlichen Natur zu reflektieren.

Im Falle des Radebeuler „Jekyll/Hydes“ hält die mächtige Patina der historisierenden Aufführung das Geschehen von Anfang an auf gehörigem Abstand zum Zuschauer. Schlimmer noch: Sie sorgt für eine gewisse Langeweile. Der Abend scheint sich etwas zäh dahinzuschleppen, obwohl die Schauspieler manchmal mit Gesten hantieren, die so übergroß und raumgreifend sind, wie die viktorianischen Kleider der Damen.

Das ist schade, versammelt Regisseur Axel Köhler doch ein gutes Schauspieler-Ensemble auf der Radebeuler Bühne. Allen voran sei Moritz Gabriel in der Titel-Doppelrolle genannt. Er spielt den ehrgeizigen Mediziner Jekyll und den durch Medikamenteneinfluss in Jekyll geweckten grausamen Mr. Hyde mit vollem Einsatz. Cordula Hanns verkörpert das von Hyde missbrauchte und von Jekyll verstoßene Dienstmädchen Annie Loder mit rauem Charme. Matthias Henkel ist ein distinguierter Gentleman, Rechtsanwalt und Freund Jekylls. Thomas Förster füllt gleich drei Rollen überzeugend aus: Er spielt Jekylls Arzt-Kollegen Lanyon und zwei von Hydes Mordopfern. Grian Duesberg ist Butler Poole, der die unheimlichen Veränderungen seines Herren mit wachsendem Unbehagen wahrnimmt. Nur Sophie Lüpfert bleiben leider von Anfang an in ihrer Rolle der Schwester kaum mehr als entrückte, vorahnungsvolle Blicke und melodramatische Gesten.

Die Radebeuler Inszenierung setzt vor allem auf die Dialoge des Stücks. Das könnte die überzeitliche Bedeutung des Themas von „Jekyll/Hyde“ unterstreichen. Tatsächlich ist viel von den unterschiedlichen Anteilen der menschlichen Persönlichkeit die Rede. Stevensons Geschichte reflektiert über Grausamkeit, die in jedem Menschen schlummert, über gesellschaftliche Normen, die sie einhegen sollen, und die Brüchigkeit von Zivilisation. Doch die Umsetzung auf der Bühne packt nicht recht – trotz der schauspielerischen Tour de force von Moritz Gabriel. Was gehen die seltsamen Experimente eines viktorianischen Arztes die heutigen Zuschauer an? Die Sprache klingt nach „lange her“ und die Art der Inszenierung stützt diesen Eindruck noch nach Kräften.

Manche szenischen Ideen sind reizvoll, wirken aber im Strom der Worte wie verloren. Von Zeit zu Zeit geht eine Kinderkapelle durch den Raum, hin und wieder wird Geschehen zur Zeitlupe verlangsamt. Diese verfremdenden Effekte scheinen eher willkürlich gesetzt: Es fehlt der rechte Rhythmus. Vielleicht hätten im Musiktheater auch manche der großen Gesten, die im Schauspiel so altertümlich anmuten, eine andere Wirkung entfaltet.

Das Publikum spendete bei der Premiere dennoch warmen Beifall. Die Schauspieler haben ihn verdient. Das Aktuelle an der Geschichte von „Dr. Jekyll und Mr. Hyde“ zu entdecken, bleibt jedoch einer anderen Inszenierung vorbehalten. In Radebeul war leider nicht mehr zu sehen, als ein viktorianisches Schauermärchen.

Wieder am 12., 26., 31. März