Die Gegenwelt der DDR in Dresden und anderswo

Jutta Voigt legt mit „Stierblutjahre“ ein amüsantes, kluges und unterhaltsames Buch über die ehemalige DDR, das heutige Deutschland und Gedanken zur Wiedervereinigung vor.

„Stierblutjahre“ heißt das neue Buch der Journalistin Jutta Voigt. „Erlauer Stierblut“ war in den Jahren der DDR ein rarer, begehrter, süßer Wein: Grundstoff für Alltagsfluchten. Jutta Voigt erzählt von der Sehnsucht nach einem anderen Leben in der ehemaligen DDR. Künstler, Bohemiens, Akademiker: Sie alle suchten „das richtige Leben außerhalb der Kontrolle des falschen Systems.“

Beispiele machen anschaulich, was damit gemeint war. „Hierbleiben als tätige Aufgabe“ war etwa das damalige Motto der Architektin Stephanie und des Schmuckgestalters Rolf Lindner aus Erfurt. Es war ein Lebensgefühl, das viele Menschen hatten. Jutta Voigt beschreibt Künstlertreffs in gutbürgerlichen Wohnungen am Weißen Hirsch in Dresden, die Welt der Bohemiens in Ost-Berlin und die legendäre Ausbürgerung von Wolf Biermann im Jahr 1976 nebst der sich anschließenden Ausreisewelle von Künstlern.

Zu lesen ist von den legendären Auftritten eines Gottfried Reinhardt, der mit seinem Puppenspiel in Ateliers und Wohnungen auch in Meißen gastierte. Sein kleines Theater und seine Stücke lebten von der liebevollen und detailgetreuen Gestaltung der Figuren und nicht zuletzt von zeitlosem Sprachwitz. „Die mächtig uns erscheinen, sind schwächer als die Kleinen. Sie wagen keinen Schritt allein aus Furcht, es könnt ihr letzter sein.“

Die „Gegenwelt“ der DDR kannte nicht nur Feste, sondern auch rebellische Kunstaktionen. Ein Beispiel aus Dresden: Hier hieß 1982 ein fantasievolles Parallelprojekt zur damaligen Staatlichen Kunstausstellung nach einem Gemälde von Edouard Manet „Frühstück im Freien“. Gedacht war es als Affront gegen die Allmacht des sozialistischen Realismus. Der Bildhauer Hans Scheib hatte zur Begrüßung der Gäste vor dem Leonhardi-Museum einen Pferdekopf aus der Abdeckerei geholt. Diese Geste wurde von der Staatsmacht als jugendlicher Leichtsinn toleriert. Andere Aktionen wurden während der Eröffnung mit Verboten belegt.

Glaubhaft beschreibt Jutta Voigt die prekäre Situation von Ausreisewilligen im Prenzlauer Berg und anderswo vor dem Herbst 1989. Im Kapitel „Zeitansage“ ist ein Gespräch mit der Schriftstellerin Katja Lange-Müller wiedergegeben. „Ich bin ja 84 weg“, sagt sie. „Das ist verdammt lange her. Ich habe inzwischen 30 Jahre meines Lebens in anderen Zusammenhängen verbracht.“ Nachdem die Mauer fiel, traf sie in einer Kneipe den Maler Volker Henze. „Ich streckte ihm die Hand hin. Und er sagte: ‚Eigentlich waren wir füreinander gestorben.’ Dieser Satz ging mir lange nach.“

„Boheme ist eine Eigenschaft, die tief im Wesen des Menschen wurzelt“, zitiert Jutta Voigt Erich Mühsam. Sie muss es ja wissen, da sie im Prenzlauer Berg aufwuchs. Sie studierte Philosophie an der Berliner Humboldt-Universität, arbeitete als Redakteurin, Essayistin und Kolumnistin bei den Wochenzeitungen „Sonntag“ und „Zeit“.

Wo hört das Journalistische auf und fängt das Literarische an? In diesem wirklich empfehlenswerten Buch ist der Übergang fließend.

Jutta Voigt: Stierblutjahre., ISBN 978-3-351-03611-9, Aufbau-Verlag, 19.95 Euro