Kleists tragische Komödie, rasant geschnitten

Amphitryon (Matthias Reichwald) rasend, Alkmene (Paula Skorupa , li.) schreckensstarr, Charis (Ina Piontek) bestürzt Foto: Baltzer

Am Dresdner Staatsschauspiel inszeniert Wolfgang Engel "Amphitryon", wo ein Gott die Menschen in Verwirrung und Identitätskrisen stürzt.

Jupiter macht es sich einfach. Der Göttervater nutzt, was ihm zu Gebote steht, um zu bekommen, was er möchte. Für eine Liebesnacht mit der bezaubernden Alkmene schlüpft er in die Gestalt ihres Gatten Amphitryon. So überlistet er spielend die tugendhafte Frau – und stürzt eine ganze Welt in die Krise.

Was im Vorgängerstück des Franzosen Moliere (aktuell an den Landesbühnen Sachsen sehr sehenswert inszeniert) noch ganz Satire war, ist bei Heinrich von Kleist eine bittere Tragikkomödie. „Wer bin ich?“, fragen sich in Kleists „Amphitryon“ die menschlichen Protagonisten, nachdem die Götter mit ihnen ein böses Verwirrspiel um Jupiters Vorteil willen getrieben haben.

Das beginnt in Wolfgang Engels neuer Kleist-Inszenierung am Dresdner Staatsschauspiel mit dem Auftritt von Amphitryons Diener Sosias (Philipp Lux). Der wurde von seinem Herren nach Hause vorgeschickt, um Alkmene die baldige Wiederkehr ihres Gatten nach mehrmonatigem, letztlich erfolgreichem Schlachtengetümmel zu verkünden. Doch Sosias begegnet vor der Haustüre einem Doppelgänger, der ihm unsanft den Zutritt verweht und behauptet, er sei Sosias … Den handfesten Argumenten seines Doppels gibt sich der Diener geschlagen. Doch wer ist er, wenn der andere plötzlich er sein soll?

Die ersten Szenen der Inszenierung geben den Ton und das Tempo des Abends vor. Kleists Mammut-Text ist stark gekürzt. Übrig bleiben knapp anderthalb Stunden Spielzeit ohne Pause: geschliffenes, hochartifizielles Wort und eine pointierte Szenenfolge. In Dresden findet sie auf einer von Olaf Altmann raffiniert ausgestatteten Bühne statt. Vor grauen Wänden, die eine nach der anderen nach oben weggezogen werden: Nach und nach nimmt das Spiel die Tiefe des Raums ein. Doch diese Tiefe ist immer gleich: eine Leerstelle. Vor dem monotonen Hintergrund charakterisieren die Kostüme von Zwinki Jeanneé die Figuren treffend. Die Lichtregie zaubert dazu manches Schattenspiel auf die Wände.

Eine rasant geschnittene Version des Kleist-Stücks braucht Schauspieler, die in nur wenigen Szenen Seelenbilder von Menschen in einer fundamentalen Identitätskrise zu zeichnen vermögen. Überwiegend gelingt das gut. Philipp Lux gewinnt dem Sosias vor allem komödiantische Töne ab. Ähnlich ist es mit Ina Piontek in der Rolle seiner Frau Charis, die hier zwischen herausgestellter Tugend, Zanksucht und Götterfurcht schwankt.

Paula Skorupa spielt die Alkmene als eine Frau, die in eine Schreckensstarre gerät, nachdem sie den an ihr begangenen Betrug bemerkt. Das verzweifelte Ringen um Worte angesichts der Vorwürfe ihres Mannes und des maßlosen Anspruchs von Jupiter: Das ist stark dargestellt. Ausbrüche und Beredsamkeit, als Jupiter sie spitzfindig vor eine Entscheidung zwischen ihm und Amphitryon stellt, sind es weniger: Zu statisch wirkt da Alkmenes Auftritt.

Anders wieder Matthias Reichwald in der Doppelrolle von Amphitryon und Jupiter. Er bringt die konträren Haltungen der beiden Protagonisten zumeist auf den Punkt. Hier der beschämte, bestürzte, fassungslos-ungläubige Amphitryon, dort der jovial-selbstsichere Gott Jupiter. Hier der Feldherr mit Herrschaftsanspruch über seine Frau, da der Gottvater mit Herrschaftsanspruch über alle Menschen. Martin Reick schlüpft in die Rolle des Merkur: hier ein unwilliger Gehilfe des Jupiter, ein unfreiwilliger Zeuge von Göttermacht, die Menschen in ihren Grundfesten erschüttert.

Für Regisseur Wolfgang Engel ist der Dresdner „Amphitryon“ die Rückkehr auf die Bühne nach langer, schwerer Krankheit. Bei der Premiere wurde er zusammen mit den Schauspielern vom Publikum gefeiert.

Wieder am 13. und 22. Februar, 5. März