Eine Geschichte aus der Lausitz im Kunstverein

Im Bennohaus am Meißner Markt sind "Bilder und Filmbilder" zu sehen. Die Künstler Maja Nagel und Julius Günzel beschäftigen sich in ihrer Ausstellung mit dem Tagebau in der Lausitz.

Der Film zeigt eine idyllische Landschaft: Felder und Wälder im Sonnenschein. Ein Dorf ist zu sehen. Die Bewohner sitzen zusammen und feiern ein Fest. Seltsam nur: Die Stimmung scheint gedrückt. Die Kamera geht nah an die Menschen. Sie fängt in ihren Blicken Verlorenheit ein.

„Blaubeeren – cerne jagody“ heißt der Film, für den diese Aufnahmen gemacht wurden. Maja Nagel und Julius Günzel drehten ihn 2013 in der sächsischen Lausitz. Eine Dokumentation des Lebens im sorbisch geprägten Land, der Traditionen – und des Verschwindens einer Lebenswelt. Was der Film zeigt, ist schon drei Jahre später so nicht mehr zu finden. Die Braunkohlebagger fressen unerbittlich das Lausitzer Land.

Die verlorenen Blicke der Bewohner des Dörfchens Rohne? Werden verständlich, wenn man weiß, dass sie beim Fest wahrscheinlich an das bevorstehende Ende ihrer Heimat dachten. Denn auch Rohne soll „abgebaggert“ werden. Die Umsiedlung seiner Bewohner ist Programm des federführenden Energie-Konzerns. Drei Jahre nach 2013 sind die gefräßigen Bagger Rohne wieder ein ganzes Stück näher gerückt.

„Bilder und Filmbilder“ nennen Maja Nagel und Julius Günzel ihre aktuelle Ausstellung in der Galerie des Meißner Kunstvereins. Warum erzählen sie diese Geschichte aus der Lausitz in Meißen? Der Braunkohletagebau scheint hier – mit Blick auf den lieblichen Meißner Markt – unendlich weit entfernt. Im Elbland protestiert man nicht gegen das Verschwinden ganzer Dörfer, sondern höchstens gegen den Bau von Windrädern.

Das stimme zwar, sagt Ausstellungskurator Matthias Lehmann. Doch ein Gefühl des Verlusts, eine Wahrnehmung des Verschwindens von Traditionen gäbe es eben auch hier. „Da geht Erinnerung verloren.“

In den Tagebau-Gebieten der Lausitz geschieht dieser Prozess unwiderruflich, schockierend schnell, brutal und doch mit einer unheimlichen Gewohnheit. Seit Jahrzehnten wird dort Kohle gefördert. Die Zahl „verschwundener“ Lausitzer Dörfer geht in die Hunderte. Zurück bleiben lebensfeindliche Mondlandschaften, bestenfalls menschenleere und kulturlose „Rekultivierungsflächen“. Diese Landschaften sind zwar von Menschen geschaffen. Doch was Menschen der Region über Jahrhunderte gaben, ist dort eliminiert.

Die Traditionen der Sorben – das, was ihnen die Lausitz zur Heimat macht – zitiert die Künstlerin Maja Nagel in ihren Bildern. Die Darstellungen von Frauen in Trachten, von Menschen bei Festen sind in der Galerie um die Film-Monitore gruppiert. Die Bildschirme sind klein gehalten: Die Ausstellung wahrt Balance zwischen Malerei und Filmkunst. Bewegte Bilder fesseln die Aufmerksamkeit. Sie transportieren Emotionen stärker und unmittelbarer. Sie schmälern hier aber nicht die Wirkung der Grafiken und Gemälde.

Die Zusammenarbeit von Künstlern und das Miteinander von Kunstgattungen soll in diesem Jahr das gesamte Ausstellungsprogramm des Meißner Kunstvereins bestimmen, sagt Kurator Matthias Lehmann. „2017 wird es bei uns nur Gemeinschaftsausstellungen geben. Wir erhoffen uns davon eine besondere Intensität der Ausstellungen, die eben durch die Auseinandersetzung der beteiligten Künstler entsteht.“ „Bilder und Filmbilder“ von Maja Nagel und Julius Günzel sind bis zum 4. März in der Kunstvereins-Galerie im Bennohaus zu sehen.