Der goldene Meißner Löwe, der ein Schwabe ist

Der goldene Löwe, der heute in Meißen zu sehen ist, stammt aus dem Schwäbischen. Er wurde von Ferdinand Nägele gefertigt. Foto: Grau

Der Wirtshausschild am "Goldenen Löwen" schmückt den Meißner Heinrichsplatz. Pia C. Gursch hat die besondere Geschichte des Schildes recherchiert und aufgeschrieben.

Der goldene Löwe auf dem Wirthausschild am Heinrichsplatz passt gut nach Meißen. Schließlich zeigt auch das Stadtwappen einen Löwen. Dabei ist der Löwe vom „Goldenen Löwen“ kein Meißner, sondern Schwabe. Wie das besondere Wirtshausschild von Sulzbach an der Murr an die Elbe kam und wer sein Schöpfer ist, hat Pia C. Gursch recherchiert. In einem Beitrag im Meißner Tageblatt schildert sie die Ergebnisse ihrer Forschungen.

Fragen wir den Wirtshausausleger doch selbst: „Wo kommst du her?/ Wo ich einst hing, da kehrten Wandrer ein zu Speis und Trank/ Löwen-Gasthaus ward’s genannt./ Einst schmückte ich mit Löwenstolz und Schlosserkunst/ als Wirtshausschild die Sulzbacher Flur zur Gästegunst./ In Sulzbach an der Murr – da war ich nicht allein:/ Mit „ Sonne“, „Ros“ und „Ochs“ hat vieles ich gemein!/ Wir alle stammen wohl aus einer Werkstatt fein./ Des Meisters Name, wohlbekannt im Schwabenland/ Ferdinand Nägele ward er genannt./ Jetzt bin ich zu alt, um noch zu wandern,/ zu jung, um ohne Wunsch zu sein./ Nun ward ich Meißner und gehör zu euch ins Sachsenland/ In luftiger Höh’ fühl ich mich wohl am Goldenen Löwen/ und lad’ euch ein, meine „Löwengäste“ zu sein ./ Ist’s da ein Wunder, dass ich so fröhlich bin?/ Vom Sulzbacher Gasthauslöwen aufgestiegen, verbringe ich nun meine goldenen Zeiten am „ Goldenen Löwen“ in Meißen./ In meinem Weinkelch serviere ich euch den guten Meißner Wein.“

Wer wissen will, welch altehrwürdiges Haus das heutige Hotel „Zum Goldenen Löwen“ in Meißen ist, muss sich auf die Suche nach Zeugnissen aus der Vergangenheit begeben. Während meiner Recherche der „ Löwen-Historie“ bin auf diesen Ausleger gestoßen. Und je mehr ich mich mit dem alten Sulzbacher oder jungen Meißner beschäftigte, desto mehr fesselte mich seine Geschichte. Im Mittelpunkt stand dabei die Frage: Wie kam das Wirtshausschild aus Sulzbach nach Meißen an der Elbe? Ich habe die lange Fahrt nach Sulzbach an der Murr und Murrhard gewagt.

Es war mehr als Interesse an den Fakten, mehr als reines Bedürfnis nach Information. Dabei hatte der Sulzbacher Historiker Mathias Klink schon gut recherchiert und zusammengetragen. Etwa um 1970 vom Löwengasthaus in der Backnanger Straße 20 in Sulzbach an der Murr abmontiert, wurde der Ausleger mit dem goldenen Löwen am 6. Dezember 1997 im renommierten Kunst- und Auktionshaus Nagel in Stuttgart zur Versteigerung angeboten. Klink und die Stadtverwaltung Sulzbach hatten die Spur aufgenommen: Mit 7.000 D-Mark in der Tasche bot der Historiker in Stuttgart im Auftrag seiner Gemeinde mit. Allerdings vergeblich. Den Wirtshausausleger mit dem kelchtragenden Löwen ersteigerte ein Unbekannter für viel mehr Geld. Dieser Nikolaustag hielt sich an sein Versprechen, zu verstecken. Das Auktionshaus verweigerte es, den Namen des Käufers preiszugeben. Die Sulzbacher verloren jede Spur des Schildes.

Doch Mathias Klink gab nicht auf. Eine solch meisterhafte Arbeit des berühmten schwäbischen Schlossers Ferdinand Nägele musste doch wiederzufinden sein! Klink suchte nach Löwenhotels, Löwenpensionen, Löwengasthäusern, Goldene Löwen in Deutschland, Österreich und in der Schweiz… Dann kam der große Augenblick: Per Mausklick präsentierte ihm der Internetauftritt des Meißner Hotels „ Zum Goldenen Löwen“ den lange ersehnten Fund. Ein verspätetes Nikolausgeschenk?

An dieser Stelle könnte die Geschichte schon zu Ende erzählt sein. Doch jener Wirtshausausleger wurde und wird zur Chronik deutsch-deutscher Geschichte, zur Chronik demokratischen Selbstverständnisses. Zu erzählen ist die Geschichte des Schlossers, der den jetzt Meißner goldenen Löwen anfertigte. Ferdinand Nägele (1808 – 1879) war der einzige Handwerker im ersten deutschen Parlament, der Frankfurter Nationalversammlung von 1848.

Durch das Antlitz des Löwenschildes schaut der Meister selbst. Es ist das Symbol seines handwerklichen Könnens, seiner Prinzipien und seines Anspruchs. Das schwäbische Murrhardt war Geburts- und Arbeitsort, es ist der letzte Ruheplatz von Ferdinand Nägele. Man weiß ihn hier zu ehren.

Als mich Christian Schweizer, der Leiter des privat geführten Stadtmuseums, als Gastgeber und Stadtbegleiter durch die Straßen und über die Plätze Murrhardts führte, zeigte er überall Spuren von Nägeles Wirken. „Hier sehen Sie am ‚Ochsen’ eine Nägele-Arbeit, dort die restaurierte Werkstatt des Meisters …“ Anerkennung, Stolz, Verbundenheit und ein lebendiges Traditionsbewusstsein sind zu spüren. Die Bewohner von Murrhardt und die Gäste erleben und genießen es.

Das Grab Ferdinand Nägeles schmückt noch eine Schlosserkunst von ihm selbst. Seine Lebensdaten – 1808 bis 1879 – sprechen von bewegter europäischer Geschichte. Nägele war tief in ihr verwoben – als Mitglied der Ständeversammlung und des Landtags in Stuttgart, als Abgeordneter der Deutschen Nationalversammlung 1848 in der Paulskirche zu Frankfurt, wo er sich den Demokraten anschloss. Der Schlossermeister war Anwalt bürgerlicher Rechte.

Ferdinand Nägeles Handwerkskunst war offenbar gefragt. In Sulzbach an der Murr, nur sechs Kilometer von Murrhardt entfernt, gibt es viele Wirtshäuser. Neben dem jetzt in Meißen beheimateten goldenen Löwen finden sich in Sulzbach noch andere kunstvoll gefertigte Nägele-Wirtshausschilder.

Am Haus Backnanger Straße 20, dem ehemaligen „Gasthaus zum Löwen“ fragte ich meine beiden Begleiter, Albrecht Wörner und Anette Satlukat vom „Verein zur Erhaltung des historischen Sulzbach/Murr“: „ Sind Sie traurig, dass der schönste aller schönen Wirtshausausleger nun ein Meißner geworden ist?“

Der goldene Löwe gehört uns allen – ob Meißner, Dresdner, Sulzbacher, Murrhardter, den Gästen aus nah und fern. Er gehört zur Geschichte unseres Landes. Und er stellt Fragen. Wie gehen wir mit unserer Geschichte um? Wie ehren wir Kunst? Wie halten wir es mit demokratischen Prinzipien und unserem Miteinander? Wie stolz sind wir auf unsere Traditionen?