Forschung auf der Spur der Wolfsohn-Porzellane

Den vermutlich ersten Markenrechtsstreit mit der Meißener Porzellan-Manufaktur führte eine Dresdner Händlerfamilie. Autor Dr. Hans Sonntag hat sich auf ihre Spur begeben.

Dr. Hans Sonntag, der ehemalige Leiter der „Schauhalle“ der Staatlichen Porzellan-Manufaktur Meissen, ist seit 2005 im Ruhestand. Doch er forscht und publiziert noch immer zum Thema Porzellan. Jetzt aber nicht nur zur Geschichte des Meisseners: Sein vierzehntes und neuestes Buch beschäftigt sich mit Porzellanproduzenten, die einst der Meissener Manufaktur einige Probleme bereiteten. Mit dem Titel „Helena Wolfsohn & Co. – Chronik einer jüdischen Händlerfamilie in Dresden“, das im Dresdner Verlag Christoph Hille erschien, rückt der Autor ein Thema regionaler (Porzellan-)Geschichte ins Blickfeld. Es dürfte Porzellanliebhaber in aller Welt interessieren, denn die Wolfsohn-Porzellane sind auf vielen Kontinenten bekannt und in Sammlungen präsent.

Vorab: Es ist kein literarisches Werk, das Hans Sonntag geschrieben hat. Nach Jahren geordnet präsentiert er Ergebnisse seiner akribischer Forschung. Kurz zusammengefasst erscheinen die Ereignisse, die zwischen 1770 und 1944 die Dresdener Händlerfamilien Meyer, Wolfsohn, Elb, Hirsch und Stephan beschäftigten. Die jeweils knappen Zusammenfassungen der historischen Ereignisse sind eine gute Basis für vielleicht spätere, noch tiefer lotende Forschungen. Und sie erzählen die interessante Geschichte eines weitreichenden Porzellan-Handelskonflikts.

Denn Helena Wolfsohn, am Dresdener Neumarkt ansässige Porzellan- und Antiquitätenhändlerin, und ihre familiären Nachfolger profitierten sehr geschickt vom Ruhm der begehrten Meissener Porzellane. International war das „Meissener“ fast ausschließlich unter englischer Bezeichnung als „Dresden China“ bekannt. Helena Wolfsohn und ihre Familie produzierten und vertrieben unter anderem Porzellane im Stil von Meissen (und von Berlin, Wien und Sevres), die künstlerisch durchaus interessant und wertvoll waren, aber eben nicht in den jeweiligen Manufakturen gefertigt wurden, sondern in den Dresdener Malateliers der Wolfsohns und anderer Hausmaler.

Kunden, die Porzellan-Laien waren, glaubten Meissener Qualitätsware zu kaufen: Für die Händler ein sehr lohnendes Geschäft. Mit der Meissener Manufaktur gab es jedoch bald großen Ärger. Umso mehr, da die Familie Wolfsohn & Co. äußerst selbstbewusst gegen das Meissener Traditionsunternehmen auftrat. Vor Gericht führte sie den wohl ersten Markenrechtsstreit mit der Manufaktur.

Dass die gekreuzten blauen Schwerter ein altes Produktzeichen der Meissener Manufaktur sind, war bekannt. Das bedeutete aber auch: Wer sein Porzellan als „echtes Meissener“ verkaufen wollte, musste vor allem nur ein Meissener Markenzeichen nachahmen. Das wusste auch Helena Wolfsohn. Auf ihren Porzellanen fand sich ein Zeichen, das stark dem „AR“-Monogramm („Augustus Rex“ für August den Starken bzw. dessen Sohn) ähnelte, mit dem die Meissener Manufaktur im frühen 18. Jahrhundert die Porzellane für den sächsischen Hof gekennzeichnet hatte.

Die Manufaktur wollte dagegen vorgehen, kannte jedoch auch die entscheidende schwache Stelle der eigenen Kennzeichnungsstrategie. Jeder Fachmann wusste, mit welchen Zeichen die Meissener Manufaktur ihre Porzellane markierte. Notariell registriert und damit rechtlich geschützt waren sie jedoch noch nicht.

Erst 1875 sicherte sich die Manufaktur ihre ersten Markenzeichen auch rechtlich mit allen Konsequenzen. Die Dresdner Händlerfamilie Wolfsohn übte sich daraufhin jedoch in Vorwärtsverteidigung. 1875/76 beantragte sie die Löschung der von der Manufaktur eingetragenen „AR“-Markierung. Sie habe selbst das Recht daran, da sie es seit 30 Jahren auf ihren Porzellanen verwende.

Die forsche Vorgehensweise brachte der Händlerfamilie zunächst einen Teilerfolg. Die vor 1875 von den Wolfsohns vertriebenen Porzellane waren nun kaum noch als Fälschungen zu beanstanden. Rechtlich stand fest, dass alle Marken der Manufaktur erst ab 1875 wirklich vor Nachahmungen geschützt waren.

Die Wolfsohns, deren Porzellane sogar auf Weltausstellungen, nationalen und internationalen Gewerbeschauen großen Anklang fanden und ausgezeichnet wurden, gaben aber nicht auf. 1877 ließen sie sich das „AR“-Monogramm mit britischen Handelsmarken schützen. Damit gewann man Zeit. Die Manufaktur musste erneut klagen. Erst um 1882 wurde der Familie Wolfsohn endgültig die Verwendung der „AR“-Marke auf ihren Porzellanen verboten. Die Familie entwickelte daraufhin ein Markenzeichen, das aus einem „D“ mit einer Krone darüber bestand.

Warum ihn die Porzellane der Familie Wolfsohn immer noch beschäftigen? Hans Sonntag muss nicht lange überlegen. „Bei meiner Arbeit in der Schauhalle hatte ich immer wieder mit ihnen zu tun. Ihre Besitzer brachten sie oft mit nach Meißen in der Hoffnung, sie hier fachmännisch einschätzen zu lassen. Es hätten ja wohl mit die ältesten Porzellane der Manufaktur sein können.“

Waren diese Besucher enttäuscht, als sie erfuhren, dass die Erbstücke gar keine Meissener Porzellane waren? „Manche vielleicht“, sagt Hans Sonntag. Trotzdem seien die Wolfsohn-Porzellane durchaus zeittypische Raritäten. „Noch heute sind sie auf den Antiquitätenmärkten bei Sammlern gefragt.“

Dr. Hans Sonntag: "Helena Wolfsohn & Co. - Chronik einer jüdischen Händlerfamilie in Dresden". Druckerei & Verlag Hille, Dresden. 163 Seiten. ISBN 978-3-939025-76-4. 13,90 Euro