Meißens glückliche Kinder: eine Porzellan-Geschichte

Ringelreigen in einem Meißner Garten: Diese Radierung schuf Rudolf Hentschel, der Bruder von Konrad, dem Schöpfer der "Hentschelkinder"

Die "Hentschelkinder" aus Meissener Porzellan sind bekannte und beliebte Sammlerstücke. Wer aber war ihr Schöpfer und woher kam die Inspiration zu diesen Figuren?

Ihre Beliebtheit ist bei den Freunden und Sammlern des Meissener Porzellans ungebrochen: Seit über 100 Jahren werden in der Manufaktur die „Hentschelkinder“ gefertigt. Ihren Namen haben die Figuren vom Meissener Modelleur und Bildhauer Julius Konrad Hentschel und seinem drei Jahre älteren Bruder Johannes Rudolf Hentschel, Porzellanmaler und Dekor- sowie Formgestalter. Wer waren diese Manufakturisten?

Leider hat man es bis heute versäumt, das Leben und Wirken der Familie Hentschel umfassend aufzuarbeiten. Schon ihr Vater war Manufakturist gewesen: Der Porzellanmaler Ernst Julius Hentschel (1843-1928), hatte von 1861 bis 1914 auch auf den Gebieten der damals neuartigen Pâte-sur-Pâte-Malerei und der Scharffeuerfarbenmalerei ausgesprochen kreativ gewirkt. Interessant ist es, das kreative Potenzial dieser drei Männer zu erfassen. Etwas Besonderes ist die familiäre Kontinuität des Porzellanhandwerks im Kontext der modernen, zeitgenössischen Porzellankunst.

Die Gräber der „Hentschels“ auf dem Alten Johannesfriedhof in Meißen befinden sich in einem bedauernswertem Zustand. Beschämend ist das, wenn man bedenkt, dass die „Hentschelkinder“ noch heute für die Manufaktur finanziellen Nutzen bringen. Vieles an den Lebensläufen der Familie Hentschel liegt im Dunklen. Selbst die spezielle Meissen-Literatur und diverse Angaben im Internet enthalten Fehler. Aus Konrad wurde da ein Conrad, aus Johannes Rudolf ein Hans Rudolph. Konrad Hentschel verstarb nicht am 9., sondern am 8. Juli 1907: So sagen es das städtische Sterberegister und die Grabinschrift. Auch die Angaben zu Studienzeiten, Fachrichtungen und Arbeitstätigkeiten stimmen oft nicht mit der Wirklichkeit überein.

Dürre Fakten ergeben noch kein Bild. Wie lebten die beiden unverheirateten und kinderlosen Brüder Rudolf und Konrad? Zeit ihres Lebens wohnten sie in Meißen – in unmittelbarer Nähe oder mit ihren Eltern am Krankenhausberg auf der Zscheilaer Straße 12 und 13. Dennoch flogen sie aus, um an der Kunstakademie in München, an der Acadèmie Julian in Paris und an der Dresdener Kunstakademie Malerei und Bildhauerei zu studieren. München, Paris und Dresden waren bekannte Zentren der Künste! Doch hatten die Brüder Freundinnen, eventuell Kinder? Waren sie musikalisch gebildet, sangen sie in einem Chor, beherrschten sie Fremdsprachen? Schätzten sie moderne Literatur, Bildhauer, Maler und Komponisten? Hatten sie einen aufgeschlossenen, toleranten und kommunikativen Freundes- und Bekanntenkreis? Kannten sie die Voigt-Brüder, Marianne Hoest und Karl Theodor Eichler, die in der Manufaktur arbeiteten? Oder Oskar Zwintscher und Sascha Schneider, die ebenfalls mit Meißen verbunden waren? Schlussendlich: Wo befinden sich heute die Nachlässe von Konrad und Rudolf Hentschel?

Die wenigen bekannten Fakten zum Leben der drei „Hentschel-Manufakturisten“ sind schnell erzählt. Vater Ernst Julius Hentschel wurde 1843 in Hirschfeld bei Bad Liebenwerda geboren und starb 1928 im Meißener Stadtkrankenhaus. 1861 wurde er Malerlehrling in der Meissener Porzellanmanufaktur. Ab 1867 bis zu seiner Pensionierung 1914 war er als Figurenmaler auf den oben erwähnten Gebieten tätig. Seine 1843 geborene Ehefrau und Mutter der beiden Söhne, Emma Auguste Clauß, hatte er 1868 geheiratet. Sie starb 1921 in Meißen.

Rudolf Hentschel wurde am 21. Oktober 1869 in Vorbrücke bei Meißen geboren. Am 27. März 1951 starb er in Meißen. 1884 war Rudolf Hentschel Zeichenschüler an der Meissener Porzellanmanufaktur geworden. 1888 begann er eine Lehre als Bossierer, die er im gleichen Jahr auch abschloss. Von 1889 bis 1891 studierte er Malerei an der Kunstakademie in München. Nach dem Studium kehrte er als Figurenmaler an die Meissener Porzellanmanufaktur zurück, studierte jedoch erneut 1893 an der Münchener Kunstakademie. Seine Malerprofessoren waren Nikolaus Gysis, Ludwig von Löfftz und Paul Höcker, wobei der „Secessionist“ Höcker als modernster Maler an der Akademie galt. Von 1894 bis 1895 folgte ein Malerei-Studium an der Acadèmie Julian in Paris und anschließend wohl ein Aufenthalt in Ètaples. Warum Rudolf Hentschel in den nordfranzösischen Ort reiste, ist nicht bekannt. Nach seiner Rückkehr arbeitete er wieder als Maler in der Manufaktur. Seit 1914 besaß er als freischaffender Künstler ein eigenes Atelier an der Wilsdruffer Straße 14 in Meißen. Von 1920 bis 1929 war er Lehrer an der Zeichenschule der Manufaktur. 1929 wurde er in den „einstweiligen“, ab 1934 in den „dauernden“ Ruhestand versetzt.

Rudolf Hentschel entwarf zum einen Dekore. Zum anderen schuf er mit seinem Bruder Vasenformen mit entsprechenden Dekoren, aber auch Figuren und Geschirrformen für Service. Die von ihm gestaltete Riesenvase „Das Wasser“ wurde 1900 als exzellenter Blickfang auf der Pariser Weltausstellung ausgestellt. Sie brachte den damals neuen Jugendstil zur Anschauung. Besonders delikat sind die Scharffeuerfarbendekorationen der von unten nach oben aufsteigenden blühenden Wasserlilien sowie die dezenten Farbwerte der Blätter, Seerosen und Schilfkolben. Die Farben werden von unten nach oben immer heller und lichter und finden ihren Abschluss im reinen Weiß des Porzellans. Bemerkenswert sind vier halbplastische, mit Seerosen geschmückte Mädchenköpfe. Mit diesem „Undine-Motiv“ widmete sich Rudolf Hentschel dem Thema des Verrats in der Liebe.

Bruder Konrad Hentschel wurde am 3. Juni 1872 in Cölln bei Meißen geboren. Er starb jung am 8. Juli 1907 an einem „Herzschlag“ in Meißen. Konrad wurde Zeichenschüler an der Meissener Porzellanmanufaktur und absolvierte anschließend eine Ausbildung zum Bossierer. Von 1891 bis 1893 studierte er Bildhauerei an der Münchener Kunstakademie bei Professor Wilhelm von Rümann. Als Bossierer kehrte er an die Meissener Manufaktur zurück, absolvierte 1896 eine Studienreise nach Italien und wurde 1897 Modelleur an der Manufaktur. Von 1899 bis 1901 folgte ein Bildhauer-Studium an der Kunstakademie in Dresden bei den Professoren Karl Heinrich Epler und Robert Diez. 1900 erhielt er eine akademische Auszeichnung, die „Große Silberne Medaille“. Der Porzellanmanufaktur blieb er jedoch verbunden. Speziell für die Weltausstellung 1900 in Paris hatte er seit 1896 ein Dejeuner mit der Form- und Dekorbezeichnung „Krokus“ entwickelt – vermutlich in Zusammenarbeit mit Bruder Rudolf. Es sollte vom praktizierten Jugendstil bei Meissen künden und fand tatsächlich Anerkennung. Heute ist das „Krokus-Dejeuner“ eine hoch gehandelte Antiquität. Bis 1902 schuf Konrad Hentschel dazu noch ein passendes Speiseservice in dieser Formgebung und Dekoration.

Seine Kinderfiguren entwickelte Konrad Hentschel sukzessive von 1904 bis 1907. Bei Porzellanliebhabern sind sie begehrt. Sie kommen ohne pädagogischen „Zeigefinger“ aus und stellen Kinder beim Spielen ganz natürlich dar. Die „Hentschelkinder“ sind mit sich selbst oder mit einem Objekt ihrer Zuneigung beschäftigt und ganz unbeeinflusst von Erwachsenen. Der Künstler muss still und genau beobachtet haben und sich der völlig eigenständigen „Kinderwelt“ bewusst gewesen sein.

Die Hentschel-Brüder wurden in der Manufaktur besonders gefördert, nachdem Erich Hösel 1903 zum Gestaltungsdirektor berufen worden war. Hösel hatte einst mit Ernst Barlach bei Professor Diez an der Dresdener Kunstakademie studiert. Er war so alt wie Rudolf Hentschel und nur drei Jahre älter als Konrad. Es war eine Zeit, in der junge Kräfte in der Manufaktur mehr Einfluss auf die künstlerisch-ästhetischen Produktentwicklungen bekamen.

Der Lebenskreis der Hentschel-Familie war von einem besonderen Wechselverhältnis geprägt. Den Ausflügen in die weite Welt, den Reisen und Studien an Kunstakademien steht die Tatsache gegenüber, dass Rudolf und Konrad Hentschel in Meißen stets im engsten Umkreis ihrer Familie lebten. Vorbrücke, Zscheilaer Straße 12, dann 13: Das waren von 1880 bis 1950 die Wohnadressen von Vater Julius, Mutter Emma Auguste, Konrad und Rudolf. Auch Onkel Richard Clauß (1857 – 1930), Bruder der Mutter von Rudolf und Konrad, war Absolvent der Dresdener Kunstakademie im Fach Malerei von 1873 bis 1876 und wohnte ganz in der Nähe. Er war Besitzer des Hauses Zscheilaer Straße 12.

Der tägliche Arbeitsweg der Hentschel-Brüder zur Manufaktur war ein Meißen-Panorama: entweder über die Straßenbrücke, durch die Gerbergasse, Neugasse und Talstraße oder über die Eisenbahnbrücke, den Neumarkt, die Kersting- und Talstraße. Vielleicht nahmen sie auch die Straßenbahn?

Einem beschaulichen Meißner Alltag standen die gesellschaftlichen und künstlerischen Umbrüche jener Zeit gegenüber, in der Rudolf und Konrad Hentschel als junge Männer lebten und arbeiteten. Ab etwa 1895 trat eine neue Kunstauffassung an, den konservativen Historismus und Eklektizismus zu überwinden. Alle künstlerischen, ästhetischen und technischen Mittel wurden dazu genutzt. Namensgebend für den aufkommenden „Jugendstil“ wurde die ab 1896 erscheinende avantgardistische Kunstzeitschrift „Jugend“ aus München. Unter verschiedenen Namen setzte sich der „Jugendstil“ sukzessive in ganz Europa durch. Er entfaltete sich in fast allen Bereichen der Künste, im Kunsthandwerk, der Architektur, im Modedesign und in der technischen Formgebung. Erneuern und verjüngen wollte man auch die Literatur, die Politik, die Musik, die Verhaltensweisen und die Lebensbedingungen. Es gab diverse Reformbewegungen. Die Arbeiterklasse erstarkte. Man widmete sich wissenschaftlich fundierter Ernährung, Hygiene, neuartiger Kindererziehung, wobei Ellen Keys Werk „Das Jahrhundert des Kindes“, 1902 in Deutschland erschienen, eine richtungsweisende Bedeutung hatte.

Genau in diesem Kontext stehen die Kinderfiguren von Konrad Hentschel. Er musste keine erzieherischen Bemühungen einbringen, kindliche Handlungen nicht als positiv oder negativ bewerten. Auch bei der Pariser Weltausstellung von 1900 spielten die neuen Sichtweisen auf Kindererziehung und Unterricht in den Ausstellungskonzeptionen eine Rolle.

Konrad Hentschels Kinderfiguren können sicher als zusammengehörige Serie oder Gruppe bezeichnet werden. Was aber könnte eine konkrete Inspirationsquelle für diese Serie gewesen sein? Möglicherweise ein siebenteiliger Liederzyklus für Sopran oder Tenor und Klavier von Modest Mussorgski (1839-1881). Unter dem Titel „Die Kinderstube“ hatte ihn der russische Komponist in den Jahren von 1868 bis 1872 verfasst. Auch Mussorgski war übrigens kinderlos und unverheiratet. Kann es Zufall sein, dass die Motive von acht „Hentschelkindern“ mit vier Liedern und Textinhalten aus Mussorgskis Liederzyklus übereinstimmen?

Das Lied „Mit der Amme“ korrespondiert mit Hentschels Figur „Sitzendem Mädchen, an einem Blumenstrauß riechend“. Wer Mussorgskis „Mit der Puppe“ hört, denkt an Hentschels Figuren „Hockendes Kind mit einer Puppe in den Händen“, das „Sich bückende Mädchen mit Puppe, an einem Puppenwagen“ und die „Vier Kinder unterschiedlichen Alters auf einer Bank sitzend beim Betrachten einer Puppe“. Ähnliche Entsprechungen haben die Lieder „Der Ritt auf dem Steckenpferd“ mit den Figuren „Stehender Knabe, aus einer Zwiebelmustertasse trinkend“, „Stehender Knabe, auf einem Stecken reitend, mit einer Trommel auf dem Boden“, „Knabe mit einer Zeitungsmütze auf dem Kopf, auf einem Holzpferd reitend“ und „Kater Matrose“ in der Figur „Mädchen mit Haube und einer Katze im Arm, auf einem Bänkchen sitzend“.

Ein solcher Zusammenhang mag überraschend erscheinen. Unmöglich ist er aber nicht. Konrads Bruder Rudolf hatte 1894 bis 1895 an der Acadèmie Julian in Paris studiert und sicherlich konnte er dort auch musikalische Veranstaltungen besuchen und somit auf die „Kinderstubenlieder“ von Mussorgski aufmerksam werden, die in Paris als absolute musikalische Neuheit bewertet wurden. 1900 besuchte Rudolf Hentschel die Pariser Weltausstellung und verfasste einen Situationsbericht an die Meissener Porzellanmanufaktur. Ob sein Bruder mit in Paris war, ist nicht bekannt. Auch 1900 erregten die musikalischen Werke russischer Komponisten großes Aufsehen in Paris, gefördert vor allem durch das Ehepaar Pierre und Marie-Olènine d`Alheim, wobei sie eine bekannte Konzertsängerin war und Lieder von Mussorgski interpretierte. Claude Debussy schwärmte für Mussorgskis Liederzyklus von der „Kinderstube“. Er selbst sollte ab 1906 den Klavierzyklus „Children’s Corner“ komponieren. Auch diese Komposition wurde weltbekannt.

Zum Abschluss ein Blick auf eine undatierte Radierung von Rudolf Hentschel: Nach meiner Auffassung könnte sie eine Hommage an den bereits verstorbenen Bruder Konrad sein. Im Bild sind einige Kinder zu erkennen, die Konrad zwischen 1904 und 1907 in Porzellan verewigt hatte (mit einem entsprechenden Zeitfenster der Modellherstellungen in Gips von vielleicht ein oder zwei Jahren). Rudolf Hentschel muss die Radierung entweder im Spätsommer 1907 kurz nach dem Tod des Bruders oder aber ein Jahr später anlässlich des ersten Todesjahres von Konrad geschaffen haben. Was spricht dafür? Vor allem die Existenz der beiden damals neuen Westtürme des Meißener Doms. Im Januar 1907 hatten die Zimmerleute das Gerüst für den Bau der beiden Turmspitzen errichtet. Mitte August 1907 war der letzte Stein aufgesetzt worden. Die Domtürme hatten ihre endgültige Höhe erreicht. Wenig später setzten erneut Bauarbeiten an der Ausstattung der Türme ein. Im Sommer 1908 war die Turmanlage fertig.

Auf der Radierung freuen sich die Kinder Ringelreigen tanzend ihres jungen Lebens. Sie künden auch von den von Konrad Hentschel geschaffenen Porzellanfiguren. Ein Mädchen mit Puppenwagen, links unten im Bild, erinnert an die Figur „Sich bückendes Mädchen mit Puppe an einem Puppenwagen“. Das größere Kindermädchen im Reigen und die beiden tanzenden Jungen entsprechen weiteren Figuren. Zwischen dem Entstehungsjahr der Porzellane und dem der Radierung liegen ungefähr vier Jahre, d.h. die Kinder könnten nun etwa sieben bis neun Jahre alt gewesen sein.

Das abgebildete Gartengrundstück befindet sich eindeutig auf dem Schottenberg. Heute ist dort der ehemalige Parkplatz des Autohauses Luft. Dafür spricht der charakteristische Blick auf Albrechtsburg, Dom, Kornhaus, Torhaus, Afrakirche und Klosterhäuser. In diesem Areal hatte bereits der Maler Oskar Zwintscher während seiner Meißener Jahre etliche Motive für seine Bilder gefunden.