Ein Verein ist Stütze und Stachel für Radebeul

Der "Verein für Denkmalpflege und Neues Bauen" will Radebeuls Baukultur bewahren und fördern. Zum 25. Vereinsjubiläum wurde zurück und nach vorn geblickt.

Als in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts die Industrialisierung den Lebensraum der Menschen grundlegend veränderte, fühlten sich Aktivisten des Heimatschutzes und der Denkmalpflege herausgefordert, Gestaltungslösungen für die Folgen der Landflucht und die Ausdehnung der Städte zu erarbeiten. Manche Reformidee hat sich allgemein durchgesetzt, viele Warnungen vor Fehlentwicklungen sind inzwischen in verbindliche Vorschriften eingeflossen.

Einfacher geworden ist der Interessenkonflikt allerdings dadurch nicht. Der Radebeuler „Verein für Denkmalpflege und neues Bauen“ hat einen vermeintlichen Widerspruch gleich in seinen Namen aufgenommen und versucht, ihn produktiv aufzuheben. Er hat sich bei seiner Gründung 1993 zum Ziel gesetzt, „die Erhaltung dieses besonderen Charakters der Stadt als Villen- und Gartenstadt zu fördern, dem steigenden Bebauungsdruck kritisch zu begegnen und strukturschädigende Entwicklungen vermeiden zu helfen“. Am Freitag vor Ostern hat der Verein in der Radebeuler Hoflößnitz sein 25-jähriges Bestehen feierlich begangen.

Launig veranschaulichte der Vereinsvorsitzende Dr. Jens Baumann gleich zu Beginn, wie sich Menschen mit unterschiedlichen Standpunkten und Erfahrungen zu einem gemeinsamen Ziel verbinden, indem er die Anwesenden mit der rein statistischen Wahrscheinlichkeit ihrer Zusammensetzung konfrontierte. Nicht von der Statistik abgedeckt ist der für den Vereinszweck wie für die Stadt Radebeul günstige Anteil von sechs Vereinsmitgliedern im Stadtrat. Baumann schlägt vor, den Verein in beratender Funktion in einem Ausschuss der Stadt zu verankern.

Die bisherige Tätigkeit bietet viele Anhaltspunkte für ein fruchtbares Zusammenwirken. Der Verein initiierte Aufstellung und Sanierung von Denkmalen und Plätzen. Beispiele finden sich am Fontainenplatz an der Dr.-Schmincke-Allee und am Bilzplatz. Eine Initiative des Vereins ist auch der durch Spenden finanzierte Bau einer Treppe im Bismarckturm. Das erste Segment wurde dort am Gründonnerstag angeliefert und eingebaut.

Der „Bauherrenpreis der Stadt Radebeul“ wird seit 1997 vom Verein gemeinsam mit der Stadt ausgelobt. Bisher wurden siebzig Preise nicht allein für vorbildliche denkmalpflegerische Instandsetzungen, sondern immer auch für geschmackvoll ausgewogene Neubauten verliehen. Es gibt zudem Auszeichnungen für Freiflächen- und Gartengestaltung, Umbau und Erweiterungen und städtebauliche Ensembles.

Dem Verein sei es eine Lust, der Stadt weiterhin Stütze und Stachel zu sein, bemerkte der Vorsitzende. Radebeuls Oberbürgermeister Bert Wendsche ging in seinem Beitrag auf Bedenken ein, der Verein würde der Stadt im Zusammenhang mit dem Bismarckturm etwas aufzwingen. Im Gegenteil ließe er sich gern zu einer gestalterischen Erneuerung dieses Ortes nötigen. Landtagspräsident Dr. Matthias Rößler betonte noch einmal die Notwendigkeit einer ästhetischen Verwurzelung der Menschen in ihrer Heimat. Als Gründungsmitglied und ehemaliger Vereinsvorsitzender goss dann Thomas Gerlach etwas Essig in den Wein: Ernüchternd wirkten die unerledigten oder misslungenen Fälle, wie die Friedensburg, die Villa Kolbe und das Gelände des ehemaligen Gasthofs „Zum Russen“.

In einem Festvortag macht der Bauhistoriker Dr. Sebastian Storz vom Dresdner „Forum für Baukultur“ auf Reminiszenzen der europäischen Architekturtradition im Stadtbild aufmerksam. Am Beispiel der Bebauung von Dresden-Striesen werde deutlich, wie strenge städtische Bauvorschriften um 1900 einen beachtlichen Spielraume zwischen modernen Lebenskomfort und solide gestalteter Baukunst eröffneten. Da auch Investoren, Unternehmer und Finanziers über alle Kommunalgrenzen hinweg agieren, bleibt der Austausch von lokalen Vereinen mit verwandter Ausrichtung wichtig. Aus solchen Erwägungen ist der Radebeuler Verein Mitglied im traditionsreichen Landesverein Sächsischer Heimatschutz.